I. Einführung

Bilaterale Beziehungen im Spiegel hoheitlicher Damenwahl

Wilhelmus van Nassouwe, ben ik van Duitsen bloed (Wilhelm von Nassau, bin ich von deutschem Blut) – so lautet der erste Satz des Wilhelmus, das seit 1932 die niederländische Nationalhymne ist. Dieses Lied stammt aus dem späten 16. Jahrhundert und wurde zu Ehren von Wilhelm von Oranien-Nassau geschrieben, der in der Geschichte der Niederlande als „Vater des Vaterlandes“ gilt, und der bis zu seinem Tod im Jahr 1584 den niederländischen Aufstand gegen Spanien anführte. Obgleich es hinsichtlich der genauen Bedeutung des Wortes „Duits“ im ersten Satz mehrere Interpretationen gibt, kann es auf jeden Fall als ein Hinweis auf die enge historische Beziehung zwischen dem heutigen niederländischen Königshaus und Deutschland gelesen werden.[1] Wilhelm war 1533 auf dem Stammsitz seiner Familie in Dillenburg geboren worden und war Graf von Nassau. Die Verbindung zwischen der Grafschaft Nassau und den heutigen Niederlanden datiert aus dem Jahr 1403, als Graf Engelbrecht I. Johanna von Polanen, Erbin von Breda, heiratete. Durch ihren wachsenden Familienbesitz gehörte der nun begründete Stamm Nassau-Breda schon bald zu den einflussreichsten Adeligen der niederen Lande. 1544 erbte der elfjährige Wilhelm von Nassau das kleine französische Fürstentum Orange, wodurch er zugleich Prinz von Oranien wurde und – so unbedeutend dieses kleine Gebiet an der Rhône nördlich von Avignon auch war – einen Platz im europäischen Hochadel erwarb. Er sollte später vor allem unter dem Namen Wilhelm von Oranien bekannt werden, wie auch das heutige niederländische Königshaus in erster Linie das Haus Oranien genannt wird. Offiziell lautet sein Name jedoch Haus von Oranien-Nassau. Auch die Nachkommen Wilhelm von Oraniens selbst und seiner Familie – die heutige niederländische königliche Familie stammt von seinem Bruder Johann (Jan) von Nassau ab – sollten durch Eheschließungen eng mit dem deutschen (Hoch-)Adel verbunden bleiben. Hier seien aus der Zeit der Republik der Niederlande (bis 1795) nur zwei prominente Beispiele genannt: Die Enkeltochter Wilhelms von Oranien, Luise Henriette (1627–1667), heiratete Friedrich Wilhelm von Preußen (1620–1688), und der Statthalter Wilhelm V. (1748–1806) war mit Wilhelmina von Preußen (1751–1820) verheiratet, der Schwester des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III.

Im Jahr 1815 wurden die Niederlande unter dem Haus Oranien-Nassau zu einer Monarchie, und auch die niederländischen Könige und Königinnen fanden ihre Ehepartnerinnen und -partner vor allem in Deutschland. Die Abbildung zeigt, dass außer König Wilhelm II. (1792–1849) und dem zukünftigen König Willem-Alexander alle eine deutsche Frau oder einen deutschen Mann geheiratet haben. Es würde im Rahmen dieses Aufsatzes zu weit führen, die Verbindung zwischen dem niederländischen Haus Oranien-Nassau und Deutschland seit Wilhelm von Oranien Revue passieren zu lassen. Auch eine Beschreibung der Verbindungen seit dem Bestehen der niederländischen Monarchie würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Im Folgenden geht es um die drei Eheschließungen im 20. Jahrhundert und um ihren Platz und ihre Bedeutung in den deutsch-niederländischen Beziehungen. Königin Wilhelmina ehelichte 1901 Herzog Heinrich von Mecklenburg-Schwerin (1876–1934); Prinzessin Juliana heiratete 1937 Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld (1911–2004), und ihre Tochter, Prinzessin Beatrix, trat 1966 mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg (1926–2004) in den Stand der Ehe. Diese drei Deutschen, die durch ihre Heirat Prinz der Niederlande wurden, kamen in drei sehr unterschiedlichen Perioden in die Niederlande. Heinrich kam in einer Phase zunehmender internationaler Spannungen, in der die Niederlande als neutrales Land ihre Abseitshaltung verteidigten und aufpassten, nicht in die deutsche Einflusssphäre zu geraten. Bernhards Ankunft fiel in eine Periode, in der sich die Niederlande zunehmend ihrer Verwundbarkeit mit Blick auf das nationalsozialistische Deutschland bewusst wurden, und Claus machte seine Aufwartung, als die niederländischen Erinnerungen an die deutsche Besatzung (1940–1945) noch frisch im Gedächtnis waren. Im Folgenden wird auf die Art und Weise eingegangen, in der diese drei Prinzgemahle in den Niederlanden empfangen wurden. Dabei wird deutlich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen diesem Empfang und dem allgemeinen Stand der deutsch-niederländischen Beziehungen in der entsprechenden Periode gibt, ja mehr noch, dass diese Empfänge die Beziehungen in der jeweiligen Periode sogar treffend charakterisieren.


[1] Von der umfangreichen Historiographie über das Wilhelmus seien hier nur genannt A. Maljaars: Het Wilhelmus. Auteurschap, datering en strekking. Een kritische toetsing en nieuwe interpretatie, Amsterdam 1996; L.M.P. Scholten: Het Wilhelmus, Zwijndrecht 1987; E. Nehlsen: Wilhelmus von Nassauen. Studien zur Rezeption eines niederländischen Liedes im deutschsprachigen Raum vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1993.

Autor: Friso Wielenga
Erschienen in: Zentrum für Niederlande-Studien (Hrsg.): Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 18 (2007), Münster 2008.