IV. Prinz Claus und die empfindlichen Niederlande

„Sehr beunruhigt wegen der Vergangenheit: Deutscher ...“, notierte der niederländische Ministerpräsident J.M.L.T. Cals Anfang Mai 1965, nachdem Königin Juliana ihn darüber informiert hatte, dass Prinzessin Beatrix eine Romanze mit einem Deutschen hatte. [26] Namen und Hintergrund des Geliebten kannte Cals in diesem Moment noch nicht, aber allein die Nationalität ließ ihn das Schlimmste befürchten. Zu dem Gespräch war es gekommen, nachdem eine kurz bevorstehende Enthüllung das Königshaus, den Rijksvoorlichtingsdienst (Reichspresseamt, RVD) und den Ministerpräsidenten selbst in Unruhe versetzt hatte. Einige Tage zuvor war der Sensationsjournalist John de Rooy für sein ausdauerndes Spähen durch die Gartenhecken von Schloss Drakensteyn, dem Wohnsitz von Prinzessin Beatrix, belohnt worden: Er hatte eine Fotoserie der Prinzessin Arm in Arm mit einem unbekannten Mann geschossen. Seine Versuche, dieses „Kapital“ in den Niederlanden zu Geld zu machen, hatten zwar durch das erfolgreiche Eingreifen des RVD und die Zurückhaltung der niederländischen Presse zu nichts geführt, aber die Veröffentlichung in ausländischen Medien stand bevor. Man konnte erwarten, dass die niederländischen Medien dann rasch folgen würden. Am 6. Mai 1965 veröffentlichte der britische Daily Express tatsächlich de Rooys Enthüllung, und einen Tag später folgte die größte niederländische Tageszeitung De Telegraaf mit einem zweiten Foto aus seiner Serie. Nach der ersten Enthüllung blieb der Bevölkerung auch das zweite Geheimnis nicht mehr lange verborgen: Der Geliebte der Kronprinzessin hieß Claus von Amsberg und war ein deutscher Diplomat.

Die ungute Vorahnung von Ministerpräsident Cals sollte sich bewahrheiten. Die linke Wochenzeitung De Groene Amsterdammer reagierte sofort und fand den Gedanken „unerträglich“, dass ein Deutscher Prinz der Niederlande werden sollte. Die kulturelle Monatschrift De Gids meinte, dass die Kronprinzessin nun auf ihre Rechte an der Thronfolge verzichten müsse. [27] Die sozialdemokratisch orientierte Tageszeitung Het Parool, während der Besatzungszeit 1940–1945 als Widerstandszeitung gegründet, war der Ansicht, von Amsberg sei „gerade zu alt“, um der Nachkriegsgeneration „ohne Schuld“ zugerechnet werden zu können, und dies disqualifiziere ihn als Ehemann der zukünftigen Königin. Aus Kreisen des ehemaligen Widerstands kamen unterschiedliche Äußerungen. Der Vorstand des Nationale Federatieve Raad van het voormalig verzet in Nederland (Nationaler föderativer Rat des ehemaligen Widerstands in den Niederlanden) gab nach einer außerordentlichen Sitzung eine Erklärung ab, in der er sich von der Kritik aus Widerstandskreisen an einer eventuellen Verlobung distanzierte. Eine Diskriminierung aufgrund der Nationalität passe nicht zum Geist des früheren Widerstands. Hierüber wurde offensichtlich unterschiedlich gedacht, denn diese Erklärung führte in kurzer Zeit zur Gründung von Komitees ehemaliger Widerstandskämpfer, die sich mit emotionalen Worten gegen eine Hochzeit aussprachen. Auch auf der politischen Ebene gerieten manche auf Abwege. Im Sommer 1965 trat Außenminister Joseph Luns im Ministerrat energisch für eine Änderung des Rufnamens des Verlobten ein, weil der Name Claus so „typisch deutsch“ sei, und er schlug vor: „Man könnte statt dessen z.B. den Namen George wählen.“ [28] Soweit sollte es nach Beratungen mit der königlichen Familie dann doch nicht kommen: Claus blieb Claus – und keine ernst zu nehmende Person hat sich je daran gestört.

Die wichtigste Frage, die im Mai und Juni 1965 die Gemüter beherrschte, war die nach der Rolle Claus von Amsbergs im Dritten Reich. Im Auftrag des Kabinetts untersuchte der Direktor des Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (Reichsinstitut für Kriegsdokumentation, RIOD), Prof. Dr. Loe de Jong, sein Vorleben. Die Ergebnisse wurden Ende Juni 1965 bekannt gegeben und bestätigten die beruhigenden Berichte, die bereits zuvor aus deutschen Quellen verbreitet worden waren. Wie viele Jugendliche war auch Claus von Amsberg am Ende des Krieges noch in der deutschen Kriegsmaschinerie eingesetzt worden. Im Alter von achtzehn Jahren hatte man ihn im März 1945 noch zu einer Panzerdivision der Wehrmacht nach Italien geschickt, aber von einer Kampffront war da inzwischen keine Rede mehr gewesen. Von Amsberg hatte die Verwirrung unter den im Rückzug begriffenen deutschen Truppen genutzt und sich zusammen mit anderen Jugendlichen einige Wochen später bei den Amerikanern gemeldet. Nach einer kurzen Zeit der Kriegsgefangenschaft wurde er im August 1945 nach München gebracht, mit einem positiven Ergebnis politisch überprüft und anschließend von den Alliierten als Dolmetscher eingesetzt. Das war eine harmlose Kriegsbiografie, aber die Gemüter beruhigten sich nur teilweise. Für manche ergab sich die Ablehnung des zukünftigen niederländischen Prinzen bereits aus der Tatsache, dass er während des Krieges zum feindlichen Lager gehört hatte. Andere demonstrierten ihre „vaterländische Wachsamkeit“, indem sie von Amsberg in politisch-moralischer Hinsicht unter die Lupe nahmen. Das geschah z.B. am Tag der offiziellen Bekanntmachung der Verlobung (28. Juni 1965), als Journalisten die Gelegenheit zu einem Interview mit dem zukünftigen Ehepaar erhielten. Betrachtete von Amsberg sich als ehemaliges Mitglied der Hitlerjugend als antisemitisch beeinflusst? Wie stand er zu der Verurteilung von NS-Verbrechern? Hatte er damals über Recht und Unrecht nachgedacht oder gesprochen? Hatte er schon einmal an einer Gedenkveranstaltung für NS-Opfer teilgenommen? Ähnliche Fragen wurden gestellt, als das Paar am selben Tag gemeinsam mit Königin Juliana und Prinz Bernhard im Fernsehen auftrat. Am Anfang der Sendung thematisierte der Moderator die Besatzungszeit 1940–1945 und ließ von Amsberg in einem Atemzug wissen: „Sie können ruhig in Ihrer Muttersprache antworten. Die verstehen wir schon noch.“ Auch erklärte er ihm die Bedeutung des 4. und 5. Mai (der jährliche Gedenk- und Feiertag anlässlich der Befreiung 1945) und fragte anschließend, ob er diese Tage mitfeiern könne mit „denselben Gefühlen ... wie das gute niederländische Volk an sich?“

Die Presse reagierte im allgemeinen positiv. Für die meisten Kommentatoren hatten Prinzessin Beatrix und von Amsberg das Kräftemessen mit Würde durchgestanden, und der zukünftige Ehegatte hatte sogar einen sympathischen Eindruck gemacht. Die liberale Nieuwe Rotterdamse Courant (NRC) charakterisierte das Fernsehinterview als ein „offenes und mutiges Gespräch“. Bei Het Parool dagegen war man kritischer und meinte, dass die Antworten von Amsbergs „etwas überzeugender“ hätten sein können. So sei es nicht sehr ermutigend gewesen, dass der zukünftige Prinzgemahl das Dritte Reich als eine „unglückliche“ und nicht als eine verbrecherische Phase in der deutschen Geschichte bezeichnet hatte. Dennoch entschied man im Zweifel für den Angeklagten, weil die Zeitung bei von Amsberg doch „allen guten Willen“ für einen echten Kontakt zum niederländischen Volk erkannte. Treffender als diese niederländischen Kommentare war eine Betrachtung aus Flandern, wo ein Redakteur der Gazet van Antwerpen mit stellvertretender journalistischer Scham die Berichterstattung im niederländischen Fernsehen verfolgt hatte und den niederländischen moralischen Hochmut scharf kritisierte.

Nachdem nun geklärt war, dass von Amsberg „keine Kriegsvergangenheit“ hatte, verschob sich die Aufmerksamkeit zu der Frage, ob er sich nach 1945 in Wort und Tat ausreichend vom Nationalsozialismus distanziert hatte. Das im September 1965 gegründete Comité Verzoekschrift Staten-Generaal (Komitee Bittschrift Parlament) war der Ansicht, dass dies nicht der Fall sei und begann aus diesem Grund eine Unterschriftensammlung gegen die parlamentarische Zustimmung zu der Heirat. Auch sei von Amsberg mit seinen 38 Jahren inzwischen zu alt, um sich in den Niederlanden einzuleben. Das Komitee sammelte ca. 60.000 Unterschriften, darunter relativ viele aus meinungsbildenden Kreisen. Auf Tatsachen waren die Unterstellungen des Komitees jedoch nicht basiert, und darüber ärgerte sich der ehemalige deutsche Emigrant Alfred Mozer, der 1933 in die Niederlande gekommen war, die Besatzungszeit im Versteck überlebt hatte, in den 1950er Jahren internationaler Sekretär der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid (PvdA) wurde und seit 1958 Kabinettschef des europäischen Agrarkommissars Sicco Mansholt in Brüssel war. Er nahm im Oktober 1965 Kontakt zu Personen auf, die von Amsberg nach 1945 aus der Nähe erlebt hatten, und das Ergebnis der Suche Mozers ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Nach seinem Jurastudium hat-te von Amsberg 1957 einige Monate in Hamburg bei dem jüdischen Rechts-anwalt Walter Lippmann gearbeitet und sich dort für die Wiedergutmachung zugunsten jüdischer NS-Opfer eingesetzt. Nicht weniger positiv berichtete von Amsbergs früherer Chef im Auswärtigen Amt, Rolf Pauls, der 1965 zum ersten deutschen Botschafter in Israel ernannt worden war. Von Amsberg habe ihn wissen lassen, dass er gerne mit nach Tel Aviv gehen würde, um zur Verbesserung der deutsch-israelischen Beziehungen beizutragen. Es tat Pauls sehr Leid, dass sein früherer Mitarbeiter durch die Wendung in seinem Privatleben nicht länger zur Verfügung stand. So gab es noch mehr und ausschließlich positive Berichte über die „Nachkriegsvergangenheit“ des künftigen Prinzgemahls.[29]

Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Manche, nicht zuletzt in seiner eigenen Partei, der PvdA, kamen nicht weiter, als in Mozer „den Deutschen, der einem Deutschen hilft“ zu sehen. Andere reagierten positiver. Nachdem das Parlament Ende 1965 das Zustimmungsgesetz zur Hochzeit angenommen hatte (Zweite Kammer: 132 dafür, 9 dagegen; Erste Kammer: 65 dafür, 5 dagegen), dankte Ministerpräsident Cals Mozer für den wichtigen Beitrag, den er mit seinem Material zu dem erfolgreichen Verlauf der Debatten geliefert habe. Wenn Cals damit die große parlamentarische Mehrheit für das Zustimmungsgesetz meinte, dann war dies übertrieben, denn es stand bereits länger fest, dass es nur wenige Gegenstimmen geben würde. Allerdings konnte nach den Ergebnissen Mozers niemand mehr ernsthaft behaupten, dass mit der „Nachkriegsvergangenheit“ Claus von Amsbergs etwas nicht stimmte, und dies zwang zweifellos zu mehr Sachlichkeit in einem emotionalisierten Klima. Obwohl diese Emotionen ab dem Sommer 1965 abnahmen, blieben sie Teil der weiteren Vorgeschichte der Hochzeit, die am 10. März 1966 in einem unruhigen Amsterdam stattfand.

Wie repräsentativ waren nun diese antideutschen Gefühle, die die Niederlande seit Mai 1965 überspült hatten? Trotz der weit verbreiteten Aufregung über die Nationalität von Amsbergs muss man vor Verallgemeinerungen über die niederländische Reaktion warnen. Meinungsumfragen, die nach dem positiv bewerteten Fernsehinterview durchgeführt wurden, belegen, dass nur eine Minderheit der niederländischen Bevölkerung sich gegen die beabsichtigte Heirat wandte. Anfang Juli 1965 beurteilten sogar 81% der niederländischen Bevölkerung die Verlobung positiv und nur 11% negativ (8% hatten keine Meinung). Damit drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass es vor allem eine kleine aktive Minderheit war, die mit Blick auf die Hochzeit von sich reden machte.

Aktiv war nicht zuletzt die sogenannte Provo-Bewegung. Provo, gegründet im Mai 1965, war keine politische Protestbewegung mit einem richtigen Programm. [30] Ihr Ziel war es, zu provozieren, Verwirrung zu stiften und die Behörden mit anarchistischen Losungen und Plänen nervös zu machen. Nicht zuletzt ging es auch um clownesken Spaß, und die Hochzeit bot zahllose Anknüpfungspunkte für ihre Aktionen gegen Obrigkeit, „Establishment“ und bürgerlichen Anstand. Für alles das war die Ankündigung der Hochzeit in „ihrer“ Stadt Amsterdam ein „Gottesgeschenk“, wie Provo Duco van Weerlee es selbst 1966 nannte. Was hätte ihnen mehr Publizität einbringen können als die Drohungen, die Hochzeit mit subversiven Aktionen zu stören? Was befriedigte mehr als das Bewusstsein, dass die „Regenten“ äußerst nervös wurden? Bekam man nicht ein authentisch anarchistisches Gefühl, wenn der Sicherheitsdienst sich für ihre Pläne interessierte, die Pferde des königlichen Gefolges mit LSD zu betäuben oder mit Horden weißer Mäuse verrückt zu machen? Dankbar machten die Provos von der Nationalität von Amsbergs Gebrauch und gaben ihren Provokationen eine Widerstandssymbolik, die sich an der Besatzungszeit orientierte. „Schlagt dem Deutschen aufs Haupt!“ hatte Königin Wilhelmina während des Krieges gesagt, und genau dieses Zitat zierte die Hochzeitssondernummer der Studentenzeitung Propria Cures, in der die Provos viele abwechslungsreiche Aktionen gegen die Hochzeit ankündigten. Auch in ihren eigenen Flugschriften, den Provokationen, gliederten sich die Provos in die Tradition von Widerstand, Antifaschismus und Illegalität ein. Ihr Auftritt am Tag der Hochzeit stand unter einem vergleichbaren Stern: Sie versammelten sich bei dem wichtigsten Amsterdamer Widerstandsmonument, dem Dokwerker (Hafenarbeiter), und zogen von dort demonstrierend durch die Stadt – übrigens in einem Zug von höchstens tausend Teilnehmern. Manche ihrer Losungen wie zum Beispiel „Claus raus“ und „Tod dem Faschismus“ mochten einen antideutschen Unterton haben, aber von Amsberg und seine Herkunft standen im Grunde mit den Zielen der Provos in keinem Zusammenhang. Sie instrumentalisierten und radikalisierten den Widerstandsheroismus und die antideutschen Motive, die die ältere Generation seit 1945 tradiert hatte. Ihre eigenen Beweggründe hatten allerdings wenig mit tief verwurzelten antideutschen Gefühlen zu tun. Die Nationalität von Amsbergs war letztendlich nicht mehr als ein Anknüpfungspunkt für ihre Provokationen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Bekanntmachung der Verlobung von Beatrix und Claus im Frühjahr 1965 am Anfang auf breiter Front antideutsche Gefühle auslöste, die verdeutlichten, wie dicht solche Gefühle zwanzig Jahre nach Kriegsende noch unter der Oberfläche ruhten. Zweifellos reagierten viele Niederländer zunächst gefühlsmäßig negativ, aber nachdem die Fakten über von Amsberg bekannt geworden waren, blieb nur eine kleine Gruppe übrig, die sich weiterhin wegen seiner Nationalität gegen die Ehe wandte. Ein Teil des früheren Widerstands blieb bei seiner Ablehnung, und auch aus der jüdischen Gemeinschaft verstummte aus diesem Grund die Kritik nicht. An dem instinktiven Reflex der Anfangsphase zeigte sich, wie sehr die Besatzungszeit und der Widerstand in diesen Jahren inzwischen zu einem Eckpfeiler der niederländischen Identität geworden waren. Und zu dieser Identität passte keine künftige Königin mit einem Mann an ihrer Seite, der zum Feind gehört hatte. Es war kennzeichnend für diesen Reflex, wie von Amsberg in der Presse und im Fernsehen in politisch-moralischer Hinsicht auf den Prüfstand gestellt wurde. Ein Teil der Kritiker entpuppte sich als wachsamer und selbstzufriedener Hüter des nationalen Gedächtnisses, bei dem jeder frühere Wehrmachtssoldat ohne Ansehen der Person oder des Alters ein Feindbild wachrief. Nachdem sich von Amsberg dem Joch der „kleinen, aber tapferen“ Niederlande gebeugt und das nationale Verhör gut überstanden hatte, wuchs zwar die Bereitschaft, ihn zu akzeptieren, aber für viele war dies nicht mehr als ein mühsamer Sieg des Verstandes über das Gefühl. So lebte bei vielen Niederländern ein Unbehagen fort, ohne dass sich dies als tatsächlicher Widerstand gegen Verlobung und Hochzeit manifestierte. Während manche gerade darum kritisch waren, weil es um die zukünftige Königin und ihren Ehegatten ging, schreckten Monarchisten gerade deswegen vor öffentlicher Kritik zurück: Kritik an der Wahl der Kronprinzessin konnte als Distanz zum Königshaus, ja sogar als Ausdruck republikanischer Neigungen ausgelegt werden. Dementsprechend kann es nicht überraschen, dass die kleine Minderheit, die sich weiterhin öffentlich gegen die Ehe wandte, vor allem in links-intellektuellen Kreisen zu finden war, wo die Loyalität zum Königshaus ohnehin weniger ausgeprägt war und manch einer republikanische Sympathien hegte.

Als Prinz Claus im Oktober 2002 starb, war er schon lange zu einem der beliebtesten Niederländer geworden. Diese Entwicklung hatte bereits bald nach dem schwierigen Jahr 1965/66 eingesetzt. Ihre Grundlagen waren sein gesellschaftliches Engagement, sein Humor, seine Offenheit und sein entwaffnendes Auftreten in der Öffentlichkeit, bei dem er nicht selten Konventionen und Protokoll zur Seite schob, kurzum: von Amsberg zeigte viele Eigenschaften, die sich Niederländer gerne selbst zuschreiben. Auch die offen-sichtlichen Schwierigkeiten, die Prinz Claus mit dem Korsett hatte, in das ihn sein Leben an der Seite der Königin der Niederlande zwängte, brachten ihm viel Sympathie ein. Das galt auch für sein Engagement für eine aktive und moderne Politik auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, vor allem mit Afrika. Viele Niederländer fühlten dann auch aufrichtig mit ihm, als er sich ab den 1980er Jahren in zunehmendem Maße mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert sah.

Wichtig ist schließlich die positive Rolle, die Prinz Claus in den deutsch-niederländischen Beziehungen spielte. Der Empfang, der ihm Mitte der 1960er Jahre in den Niederlanden bereitet wurde, hat ihn zweifellos geschmerzt, ohne dass hierüber jemals etwas an die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Was sehr wohl nach außen drang, war ein immerwährender starker Einsatz für die Verbesserung der Beziehung zwischen Niederländern und Deutschen. Gerne unterstützte er Initiativen auf diesem Gebiet, z.B. das Deutsch-Niederländische Journalistenstipendium, ein besonders erfolgreiches Austauschprogramm für junge Journalisten. Weniger bekannt in der breiten Öffentlichkeit – aber deshalb nicht weniger wichtig – war die Initiative Prinz Claus’, die wegweisende Rede des deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985 ins Niederländische übersetzen zu lassen und mit einem persönlichen Vorwort von seiner Hand in Buchform zu publizieren. So gäbe es noch viele Beispiele seines fortwährenden großen Engagements – vor und hinter den Kulissen – für den Normalisierungsprozess zwischen Niederländern und Deutschen.


[26] Dieser Teil über Prinz Claus stammt aus: F. Wielenga: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000, S. 340 ff. Die Fundstellen der Zitate sind ebendort enthalten.
[27] Zitiert bei H. Righart: De eindeloze jaren zestig. Geschiedenis van een generatieconflict, Amsterdam 1995, S. 212. Vgl. die Dokumentation der Reaktionen auf die Verlobung bei G. van den Boomen/H. Lammers (Hrsg.): Beatrix Claus. Een journalistieke documentaire, Den Haag 1965.
[28] Der vollständige deutsche Name lautete: Claus-Georg Wilhelm Otto Friedrich Gerd von Arnsberg; vgl. Wielenga (wie Anm. 26), S. 342.
[29] Vgl. zu Alfred Mozer: F. Wielenga: Alfred Mozer und die deutsch-niederländischen Beziehungen, in: W. Mühlhausen u.a. (Hrsg.): Grenzgänger. Persönlichkeiten des deutsch-niederländischen Verhältnisses. Horst Lademacher zum 65. Geburtstag, Münster 1998, S. 215–230.
[30] Vgl. zu Provo ausführlich: N. Pas: Imaazje! De verbeelding van Provo, Amsterdam 2003; ders., Die niederländische Provobewegung und die Bundesrepublik Deutschland, in: Zentrum für Niederlande-Studien (Hrsg.), Jahrbuch 15 (2004), S. 163–179.

Autor: Friso Wielenga
Erstellt: Februar 2010