III. Prinz Bernhard und die verwundbaren Niederlande

Einige Monate vor dem Tod Prinz Heinrichs hatte Königin Wilhelmina auch ihre Mutter Emma verloren. Für die Suche nach einem geeigneten Mann für ihre Tochter, Prinzessin Juliana (1909–2004), bedeutete dies, dass Mutter und Tochter ab 1934 alleine vor dieser Aufgabe standen. Viel Neigung, in den Stand der Ehe zu treten, zeigte die inzwischen 25jährige Juliana selbst übrigens noch nicht, und so war es vor allem Wilhelmina, die sich darum kümmerte. Ihre Kriterien für einen guten Kandidaten stimmten größtenteils mit denen überein, die ihre Mutter um die Jahrhundertwende für Wilhelminas Heirat angewendet hatte. Der zukünftige Prinzgemahl musste auf jeden Fall Protestant und von hoher adeliger Herkunft sein. Dass er unbescholten sein musste, war selbstverständlich, allerdings war dieses Kriterium nach den Erfahrungen mit Heinrich stärker in den Vordergrund gerückt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter gut dreißig Jahre zuvor wollte Wilhelmina anfangs keinen deutschen Prinzen. Die Ursache hierfür lag zum Teil im Niedergang des deutschen Hochadels nach der Revolution von 1918. Hinzu kam, dass – wie Prinz Heinrich in den Jahren zuvor wiederholt den deutschen Gesandten in Den Haag, Graf von Zech-Burkersroda, hatte wissen lassen – Wilhelmina „aus einer gewissen negativen Einstellung gegenüber Deutschland heraus“ überhaupt keinen deutschen Prinzen als Ehemann für ihre Tochter wollte. [16] Wichtiger war jedoch die politische Lage in Deutschland, nachdem Hitler an die Macht gekommen war. „Sind Sie mit mir einer Meinung, dass eine Bekanntschaft mit deutschen Prinzen derzeit politisch unerwünscht ist?“ schrieb Wilhelmina 1935 an ihren wichtigsten Berater, Jonkheer F. Beelaerts van Blokland. Dieser stimmte ihr jedoch nicht zu. Jeder Kandidat müsse für sich selbst betrachtet werden, so Beelaerts, und es gebe in Deutschland gewiss Kandidaten, die keine Sympathie für die Weise hegten, in der das Land seit 1933 regiert werde, auch wenn sie sich dies nicht anmerken ließen. Darüber hinaus hatte die Suche unter adeligen Familien in anderen Ländern zu keinen Resultaten geführt. Andere an der Suche beteiligte Diplomaten dachten inzwischen in eine andere Richtung und stellten, durch die Jahre des Suchens entmutigt, sogar das Kriterium des protestantischen Glaubens zur Diskussion. „Lieber noch einen Katholiken als überhaupt keine Hochzeit“, ließ einer von ihnen wissen, und dachte dabei an Prinz Karl von Belgien.[17]

Die siebenjährige Suche nach einem geeigneten Prinzgemahl fand Anfang 1936 während eines Skiurlaubs im österreichischen Igls ein Ende, wo Bernhard, Prinz zur Lippe-Biesterfeld, Kontakt zu Königin Wilhelmina und ihrer Tochter suchte. So lang und schwierig die Suche auch gewesen war, so kurz war nun der Weg von diesem Kennenlernen bis zur Bekanntgabe der Verlobung (8. September 1936) und der Eheschließung (7. Januar 1937). Dass er auf der Kandidatenliste gefehlt hatte, schadete nicht, wichtiger war, dass er von Anfang an sowohl auf Wilhelmina als auch auf Juliana einen ausgezeichneten Eindruck machte. Negative Gerüchte über seinen Lebenswandel schienen eher von anderen eifersüchtigen Adelsfamilien zu kommen, als dass sie der Wahrheit entsprachen, und in politischer Hinsicht war nichts Nachteiliges über ihn bekannt. Erst nach dem Krieg machten hartnäckige Gerüchte die Runde, Bernhard sei Mitglied der NSDAP gewesen, was er selbst bis zu seinem Tode verneinte. Von Bernhard selbst bestätigt, in der Bevölkerung in den dreißiger Jahren aber nicht bekannt, war seine Bewerbung um die Mitgliedschaft in einer Motorradabteilung der SA und später in einer Motorradabteilung der SS. [18] Zu nennenswerten politischen Aktivitäten hatten diese Bewerbungen nicht geführt. Sie fanden darüber hinaus ein Ende, als er nach Abschluss seines Studiums im Jahr 1935 wegen einer Stelle bei den IG Farben nach Paris ging. Auf die verschiedenen Versuche, ihn für eine Mitgliedschaft in der Auslandsorganisation der NSDAP zu interessieren, reagierte er negativ und hielt sich so zum Nationalsozialismus auf Distanz. Dass über Bernhards politische Haltung nichts Nachteiliges bekannt war, schloss politische Implikationen der geplanten Heirat jedoch keineswegs aus. Während bei der Hochzeit Wilhelminas sorgfältig darauf geachtet worden war, Abstand zum kaiserlichen Hof zu halten, wurde nun eine Distanz zum national-sozialistischen Deutschland angestrebt, ohne Hitler vor den Kopf zu stoßen.

Eine solche Haltung der höflichen Neutralität war seit 1933 fester Bestandteil der niederländischen Deutschlandpolitik. Anfangs ging es dabei in erster Linie um die Sicherung niederländischer Handelsinteressen, die bereits seit den zwanziger Jahren unter Druck geraten waren. Um Berlin keinen Anlass zu geben, das Handelsvolumen weiter zu verringern, strebten die Niederlande ein depolitisiertes Verhältnis zum Dritten Reich an. Kritik am national-sozialistischen Deutschland hatte zu unterbleiben, um das Nachbarland freundlich gestimmt zu halten und den geschäftlichen Interessen den Vorrang zu lassen. Ging es in den ersten Jahren nach 1933 vor allem darum, den Wirtschaftsbeziehungen nicht zu schaden, so trat in den späten 1930er Jahren auf niederländischer Seite die sicherheitspolitische Überlegung hinzu, jeglichen Anlass zu vermeiden, durch den Deutschland eine eventuelle Aggression gegen die Niederlande würde rechtfertigen können. Darauf zu achten, das national-sozialistische Regime in Berlin nicht zu verärgern, bedeutete in erster Linie das Vermeiden von Äußerungen, die eine Antipathie gegenüber dem national-sozialistischen Deutschland verrieten. [19] Schon in den ersten Jahren nach 1933 war die niederländische Regierung, wie der Historiker Paul Stoop ausführlich nachgewiesen hat, sensibel für deutsche Kritik an negativer Berichterstattung über das national-sozialistische Deutschland in der niederländischen Presse gewesen. Die deutsche Gesandtschaft in Den Haag protestierte viele Male beim Haager Außenministerium. Wiederholt klang dabei durch, dass für den Fall einer andauernden Tolerierung der „antideutschen Hetze“ durch die Niederlande die wirtschaftlichen Beziehungen Schaden nehmen könnten. Es kam auch vor, dass sich die Gesandtschaft über kritische Artikel oder Karikaturen über Hitler beklagte, woraufhin die betreffenden Blätter vor ein niederländisches Gericht vorgeladen und wegen Beleidigung eines befreundeten Staatsoberhauptes verurteilt wurden. [20] Zeitungen, die kritisch über das Nazi-Regime berichteten, wurden außerdem mit einem Fächer deutscher Strafmaßnahmen bedacht, die von einem Verkaufsverbot der betref-fenden Zeitung in Deutschland über einen Anzeigenboykott deutscher Unternehmen bis zur Ausweisung niederländischer Journalisten aus Deutschland reichten. Vor diesem spannungsvollen politischen Hintergrund wurde nun im September 1936 die Verlobung der niederländischen Kronprinzessin bekannt gemacht.

Die in Regierungskreisen gehegte Befürchtung, die Ankündigung der Verlobung könne aufgrund des Herkunftslandes des zukünftigen Prinzgemahls in der Bevölkerung zu kritischen Reaktionen führen, erwies sich als unbegründet. Die Bevölkerung zeigte vielerorts ihre Zustimmung, und es wurde dort, wo sich das Paar zeigte, begeistert und voller Freude reagiert. Nur in sozialdemokratischen Kreisen war man reserviert, und die Parteiblätter sprachen von einer „gewissen Besorgnis“ und von „schmerzlicher Verwunderung“. Um solche Gefühle weitestgehend zu vermeiden, legte die niederländische Regierung die Betonung auf die Familienabstammung Bernhards und nicht auf seine Nationalität. Bei Empfängen wurde nicht die Hakenkreuzfahne gehisst, sondern es wehten die gelb-roten Farben des alten Fürstentums Lippe. Nicht die deutsche Nationalhymne wurde gespielt, sondern die Musik von „Lippe-Detmold, eine wunderschöne Stadt“, was bei so manchem Niederländer zweifellos den Eindruck erweckte, es handele sich hier um die Hymne des früheren Fürstentums. Unter deutschen Diplomaten in den Niederlanden führte dieses Vorgehen zu großer Verärgerung. Wie detailliert die deutschen Beobachter Berlin über die Ehevorbereitungen auf dem Laufenden hielten, zeigte sich im Oktober 1936, als der Konsul in Rotterdam dem Reichsaußenministerium berichtete, dass Bernhard immer mit dem linken und nicht mit dem rechten Arm grüßte und winkte. Darin sah er den Beweis, dass der Prinz „so gewissenhaft wie möglich verhindern wolle, dass die Gesten des Danks mit dem national-sozialistischen Gruß verwechselt würden.“ [21]

Anfangs schienen die Versuche, die Eheschließung von der politischen Situation zu entkoppeln, erfolgreich zu verlaufen. Das Parlament trug das seinige dazu bei, indem es die notwendige Zustimmung zur Hochzeit und zur Naturalisierung Bernhards ohne Debatte und ohne Gegenstimmen passieren ließ. Die Sozialdemokraten ließen ihre bereits offenkundig gewordenen Vorbehalte nicht an die Öffentlichkeit kommen und vermieden damit mögliche Spannungen mit dem reizbaren national-sozialistischen Deutschland. Auch der zum Protokoll der Hochzeitsvorbereitung gehörende Abschiedsbesuch Bernhards bei Adolf Hitler im November 1936 sorgte nicht für Spannungen. Zwar war der Empfang sehr kühl und kurz, aber das Gespräch hatte hauptsächlich aus einem belanglosen Monolog Hitlers über die vielen Holländer bestanden, die in Deutschland unterwegs seien und über die vielen Autos mit niederländischem Kennzeichen, denen man im Rheinland begegnen könne.[22]

Die sorgfältige Regie auf niederländischer Seite konnte jedoch nicht verhindern, dass die Spannungen doch noch eskalierten sollten. Zur Steigerung der Festfreude hatten im Dezember 1936 zwei in Den Haag lebende Deutsche an ihrem Haus die Hakenkreuzfahne aufgehängt, woraufhin es zu Zwischenfällen mit Niederländern gekommen und eine der Flaggen durch Passanten heruntergeholt worden war. Für den Presseattaché der deutschen Botschaft in Den Haag, der bereits zuvor seinen Unmut über die niederländische Haltung kund getan hatte, war damit das Maß voll. Er trat beim Reichspropagandaministerium in Berlin für eine Pressekampagne gegen die Niederlande ein. „Das Ansehen des Dritten Reiches“, so der gereizte Presseattaché, „verlangt es m.E., daß gegen diese fortgesetzten Schmähungen, die bislang von deutscher Seite mit einer grenzenlosen Langmut hingenommen wurden, endlich energisch Front gemacht wird.“ Kurz darauf gab es einen erneuten Zwischenfall im Zusammenhang mit einer Fahne, dieses Mal bei einem Fußballspiel in Den Haag, bei dem eine Elf aus Lippe zu Gast war. Das Publikum pfiff beim Hissen der Hakenkreuzfahne, und das anwesende Musikkorps konnte die deutsche Nationalhymne nicht spielen. Auch Joseph Goebbels schaltete sich nun ein, und er schrieb in seinem Tagebuch über „gemeine Vorgänge“ gegen Hakenkreuzfahnen: „Der Prinz Bernhard benimmt sich wie ein deutscher Fürst: feige und charakterlos. Der Führer ist einverstanden, dass wir nun einmal die deutsche Presse loslassen. Heute fängt das Höllenkonzert an. Dann erfolgt eine Demarche beim holländ[ischen] Gesandten. Diesen dicken denkfaulen Spießern muss man die Zähne zeigen.“ [23] Tatsächlich beklagte sich Reichsaußenminister Konstantin von Neurath am 31. Dezember 1936 beim niederländischen Botschafter darüber, dass „in den Niederlanden vorsätzlich die deutsche Reichsfahne und die deutsche Nationalhymne negiert werden.“ Die vom Presseattaché angestrebte Pressekampagne hatte inzwischen auch eingesetzt. So war in der Essener Nationalzeitung einen Tag zuvor zu lesen gewesen: „Es ist erstaunlich, dass der deutsche Prinz Bernhard zur Lippe Biesterfeld selbst keinen Anlass sieht (…) zu protestieren. Der Prinz wird sicherlich an der Seite seiner zukünftigen Gemahlin ein guter Holländer werden (…); er muss nur nicht schon vor seiner Hochzeit vergessen, dass er als Deutscher geboren wurde.“ In die gleiche Richtung ging auch der Kommentar des Völkischen Beobachters: „Wir hoffen im übrigen, daß Prinz Bernhard selbst sehr wohl weiß, was er in dieser Situation zu tun hat.“ Anfang Januar 1937 folgte ein zweiter Schritt, als die deutsche Presse aus Berlin die Anweisung erhielt, die Bernhard-Frage in Kommentaren zu thematisieren und dem Prinzen dabei die Frage vorzulegen, „ob er sich einfach mit der Beleidigung der Nationalfahne abfinden wolle.“ Von „direkten Angriffen“ auf den Prinzen, so die Anweisung, sollte noch abgesehen werden. Diese würden noch in einem späteren Stadium eingesetzt werden können, falls der Prinz nicht reagiere. Als flankierende Maßnahme wurden gleichzeitig die Pässe der beiden deutschen Brautjungfern und einiger anderer deutscher Hochzeitsgäste eingezogen.

Nun waren die niederländische Regierung und Bernhard am Zuge. Dabei war Eile geboten, denn die Trauung sollte in wenigen Tagen stattfinden. Außenminister A.C.D. de Graeff bot für die Zwischenfälle im Zusammenhang mit der Fahne seine Entschuldigung an, aber Goebbels war noch nicht zufrieden: „[D]ie Sache mit der Nationalhymne ist noch nicht bereinigt. Und der noble Prinz hat auch nicht Laut gegeben. Also geht die Pressekampagne weiter. Wir werden diese Mehlsäcke schon hochbringen“, schrieb er in sein Tagebuch. Bernhard selbst machte die Sache auch nicht besser, in dem er erklärte, er fühle sich inzwischen als Niederländer und was ihn angehe, brauche bei seiner Hochzeit nur das Wilhelmus gespielt zu werden. Um die nun entstandene Verwirrung aufzulösen, wurde in Absprache zwischen der niederländischen Regierung, Bernhard und dem deutschen Gesandten in Den Haag, Zech, eine offizielle Erklärung verfasst, in der mitgeteilt wurde, Bernhards Worte seien falsch wiedergegeben worden. Auch wurde bekannt, dass Bernhard Hitler einen Brief geschrieben habe, um die Fragen aus der Welt zu schaffen. Gegenüber der deutschen Presse erklärte Bernhard versöhnend: „Jede Verbesserung der Beziehungen zwischen seinem neuen Vaterlande ... und seinem alten deutschen Vaterland liege ihm, wie es ihm jeder gute Holländer und jeder gute Deutsche nachempfinden müsse, sehr am Herzen.“ Darüber hinaus gab Den Haag bekannt, dass künftig der Lippe-Detmold-Marsch nicht mehr gespielt werde, die gelb-roten Lippe-Detmold-Farben wurden von der Hochzeitsgala entfernt, und die Bevölkerung wurde aufgerufen, künftig die deutsche Fahne in Ruhe zu lassen. Im Gegenzug dazu stellte Berlin die Pressekampagne ein, die Hochzeitsgäste erhielten noch rechtzeitig ihre Pässe zurück, und in den Niederlanden lebende Deutsche wurden aufgerufen, aus Anlass der Hochzeit nicht die Hakenkreuzfahne herauszuhängen.

 Den Haag war, auch wenn dies in niederländischen Regierungskreisen verneint wurde, den deutschen Wünschen in einem wichtigen Punkt entgegen gekommen: Kurz vor dem Galaabend, der zwei Tage vor der Hochzeit stattfinden sollte, wurde der Lippe-Detmold-Marsch aus dem Programm gestrichen und stattdessen das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied aufge-nommen. Ganz folgenlos blieb dieses leichte Einknicken gegenüber Berlin nicht. Als der Dirigent des Residenzorchesters, das den Abend musikalisch umrahmen sollte, von dem geänderten Musikprogramm hörte, weigerte er sich, dieses zu spielen und ging. 25 Orchestermitglieder schlossen sich ihm an. Kurz vor Toresschluss wurden Dirigent und spielunwillige Musiker durch Mitglieder der Militärkapelle ersetzt. Der Galaabend selbst zeigte, dass die deutsche Kampagne gegen die Niederlande und den Prinzen kontraproduktiv gewesen war. Zweitausend Gäste sangen aus voller Kehle nicht nur das niederländische Wilhelmus, sondern auch das englische God save the Queen, während es bei den deutschen Liedern auffällig still blieb. Dies war ein deutliches Signal dafür, wo die Sympathien und die Antipathien der großen Mehrheit der Gäste lagen, ein Signal, das die niederländische Regierung gerade so gerne hatte vermeiden wollen. Berlin hielt es für vernünftiger, die Sache nicht noch einmal zuzuspitzen und schenkte der Angelegenheit keine Aufmerksamkeit mehr. Die zwei Tage später stattfindende Hochzeit selbst blieb ohne Zwi-schenfälle – und im Übrigen auch ohne ein Hochzeitsgeschenk und Glückwunschtelegramm Hitlers, der, bevor die Spannungen eskaliert waren, noch in Erwägung gezogen haben soll, dem Brautpaar einen großen Mercedes zu schenken.

Nach der Eheschließung verschwanden die deutsch-niederländischen Animositäten um das junge Brautpaar. Bernhard wurde von Wilhelmina von jeglicher politischen Meinungsbildung und Beschlussfassung ferngehalten. „Politik ist die Angelegenheit meiner Tochter“, soll sie ihm schon nach der Verlobung mitgeteilt haben, und Bernhard hatte dagegen keine Einwände („Lass mich mal außen vor“). [24] An der niederländischen Verwundbarkeit gegenüber dem großen Nachbarn änderte sich natürlich nichts, sie nahm im Gegenteil weiter zu. Den Haag klammerte sich – ohne über eine realistische Alternative zu verfügen – an die Fortsetzung einer depolitisierten deutsch-niederländischen Beziehung, in der Hoffnung, so seine Neutralität absichern zu können. Aber wie auch schon bei den Zwischenfällen im Zusammenhang mit der Hochzeit wurde der Verlauf der Spannungen aus Berlin diktiert, ohne dass Den Haag oder das Königshaus Einfluss darauf ausüben konnten. Am 10. Mai 1940, dem Tag des deutschen Angriffs auf die Niederlande, zeigte sich endgültig, dass diese Politik misslungen war. Fünf Jahre lang sollte sich die niederländische Verwundbarkeit mit Blick auf Deutschland deutlicher als je zuvor manifestieren.

Auch für Bernhard entstand am 10. Mai 1940, nun, da er sich im Krieg mit seinem früheren Vaterland befand, eine neue Situation. Während seine Familie nach Kanada auswich, blieb er hauptsächlich in London bei seiner Schwiegermutter Wilhelmina, die ihn 1944 zum Befehlshaber der niederländischen Streitkräfte ernannte. Damit hatte der Prinz faktisch die Führung des bewaffneten Widerstandes in den noch besetzten Niederlanden übernommen. Nach 1945 war sein Prestige unter den ehemaligen Widerständlern dementsprechend groß, und daran sollte sich auch nichts ändern. Eine Beschreibung seiner zahlreichen unterschiedlichen Aktivitäten in der Nachkriegszeit, die ihm teilweise harte Kritik einbrachten, sprengt den Rahmen dieses Artikels. [25] Wichtig ist hier lediglich die Feststellung, dass Bernhard nach 1945 keine bedeutende Rolle in den deutsch-niederländischen Beziehungen gespielt hat und dass er trotz seines anhaltenden deutschen Akzents nicht als deutscher, sondern als niederländischer Prinz wahrgenommen worden ist.

Die deutsch-niederländischen Spannungen um die Hochzeit von Prinzessin Juliana mit Prinz Bernhard in den Jahren 1936–1937 sind ein deutliches Beispiel für die verwundbare Position der Niederlande gegenüber dem national-sozialistischen Deutschland und sie illustrieren, wie die Niederlande in den Jahren 1933 bis 1940 in den bilateralen Beziehungen operierten: Es ging darum, Spannungen zu vermeiden und keinen Anstoß zu erregen, um in erster Linie die wirtschaftlichen Beziehungen auf einem möglichst hohen Niveau zu halten und später, um auch auf dem Gebiet der Sicherheit eine Bedrohung durch Deutschland zu verhindern. Aber, so vorsichtig die Niederlande dabei auch manövrierten, über Erfolg oder Misserfolg dieser Politik wurde in Berlin entschieden.


[16] Zitiert bei L. De Jong: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, Deel 1, Den Haag 1969, S. 523.
[17] Fasseur (wie Anm. 13), S. 124 f.
[18] Vgl. zu Bernhards eigenem Rückblick: P. Broertjes/J. Tromp: De prins spreekt, Amsterdam 2004, S. 58 f.
[19] Vgl. F. Wielenga: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008, S. 157 ff.
[20] Zu diesen und anderen deutschen Interventionen siehe ausführlich: P. Stoop: Niederländische Presse unter Druck. Deutsche auswärtige Pressepolitik und die Niederlande 1933–1940, München 1987, S. 110 ff.
[21] De Jong (wie Anm. 16), S. 524.
[22]  Fasseur (wie Anm. 13), S. 142.
[23] Zur Pressekampagne siehe: J. Houwink ten Cate: „De mannen van de daad“ en Duitsland. Het Hollandse zakenleven en de vooroorlogse buitenlandse politiek, Den Haag 1995, S. 172 ff. Vgl. auch ausführlich De Jong (wie Anm. 16), S. 526 ff. Die Zitate stammen aus beiden Titeln.
[24] H. van Wijnen: De prinsgemaal. Vogelvrij en gekooid, Amsterdam 1992, S. 27.
[25] Siehe u.a. Van Wijnen (wie Anm. 24), passim; für Bernhards eigene Rückblicke: Broertjes/Tromp (wie Anm. 18), passim; zur sogenannten Lockheed-Affäre: Wielenga (wie Anm 19), S. 323 ff.

Autor: Friso Wielenga
Erstellt: Februar 2010