Prinsjesdag in den Niederlanden

Man muss es sich ein bisschen so wie einen Karnevalsumzug vorstellen: Unzählige Menschen schlängeln sich durch die engen Gassen der Stadt, während diese durch eine abgesperrte Route in zwei Hälften geteilt zu sein scheint. Zwischendrin immer wieder Personen in historischen Militäruniformen. Trotz alledem hat man es hier nicht mit Köln, Düsseldorf oder Mainz zu tun. Es gibt keine roten Pappnasen, das Militär ist echt – nennt sich aber nicht blaue oder rote Funken – und es ist auch kein Frühjahr; auffallend sind hier bei den Zuschauern genauso wie auch bei den Protagonisten vor allem viele extravagante Hüte in allen Farben und Formen. Das, was in den Niederlanden als „Prinsjesdag“ bekannt ist, wird nunmehr seit dem Jahr 1814 jeweils am dritten Dienstag im September festlich begangen.

Hintergrund für diesen Tag, der in den Niederlanden zwar ein Festtag, aber kein offizieller „freier“ Feiertag ist, ist ein hochpolitischer, denn an genau jenem Tag begeht das politische Den Haag die Eröffnung des neuen Parlamentsjahres. Traditionell wird in der konstitutionellen Monarchie der Niederlande gemäß Artikel 65 der niederländischen Verfassung durch das Staatsoberhaupt – die Königin oder den König – diese feierliche Eröffnung am dritten Dienstag im September durch das Verlesen der Thronrede sowie die Vorstellung des Staatshaushaltsplans durch den Finanzminister eingeleitet. Dies findet in einem sehr würdevollen Rahmen im Ridderzaal (dt. Rittersaal) auf dem Binnenhof in Den Haag vor den versammelten Abgeordneten der beiden Parlamentskammern – der Eerste Kamer (dt. Ersten Kammer) als Oberhaus und der Tweede Kamer (dt. Zweiten Kammer) als Unterhaus – sowie den Mitgliedern der amtierenden Regierung, Botschaftern und anderen geladenen Gästen statt. In der Thronrede, welche das Staatsoberhaupt im Namen der amtierenden Regierung hält – geschrieben wird diese traditionell durch den amtierenden Regierungschef – wird zum einen ein Rückblick auf nationale und mondiale politische Entwicklungen des vergangenen Jahre sowie ein politischer Vorausblick auf die für das kommende Jahr im eigenen Land geplanten politischen Maßnahmen gegeben. Im Anschluss an diese – meist nicht länger als eine halbe Stunde dauernde – Zeremonie verlagert sich das Hauptaugenmerk vom Rittersaal in die angrenzende Zweite Kammer, in der die algemene politieke beschouwingen (dt. Allgemeine Politische Betrachtungen) stattfinden. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um eine Debatte über den Landeshaushalt und eine Vorstellung des Staatshaushaltsplans (die sogenannte Miljoenennota) für das kommende Jahr.

Gut durchgeplante und vorbereitete Zeremonie

Soweit zum staatsrechtlichen Grundpfeiler des Prinsjesdag. Darüber hinaus kommt es rund um den Ridderzaal und die Tweede Kamer zu einer Art Volksfest, welches jedoch nur indirekt durch das „trockene“ Verlesen der Thronrede und die Vorstellung des Staatshaushaltsplans zu erklären ist. Vielmehr hat die Begeisterung des Volkes am Prinsjesdag damit zu tun, dass der Auftritt des Staatsoberhauptes an diesem Tag seit nunmehr dem Jahr 1912 mit einer staatstragenden Zeremonie verknüpft ist. Seit 1925 schließlich schreibt es das Protokoll des Tages vor, dass Königin oder König ihren Weg aus dem Arbeitspalast Noordeinde im Westen des Haager Zentrums bis hin zum Rittersaal zeitgleich zur Eröffnung der Sitzung im Rittersaal über eine festgelegte Route und begleitet durch eine beträchtliche Vorhut aus Militärs und Polizei – teils beritten – in einer goldenen Kutsche ablegt. Nach dem Verlesen der Thronrede geht der etwa eine Viertelstunde dauernde Rückweg über dieselbe Route vorbei am ihm zujubelnden Volk.

Links und rechts der etwa einen Kilometer langen Zugstrecke, welche beginnend bei den königlichen Stallungen des Paleis Noordeinde über die Lange Voorhout und den Hofvijver hin zum Binnenhof führt, postieren sich vor dem Beginn der offiziellen Zeremonie Orchester und Militärs der verschiedensten Teile der Streitmacht zu einem Ehrenspalier für das Staatsoberhaupt. Während der Zug den Weg vom Palast zum Rittersaal ablegt, wird dieser zudem jede Minute von Salutschüssen begleitet, welche am Rand des nicht weit entfernten Malieveldes jede Minute durch die elfte Abteilung der berittenen Artellerie, die Gele Rijders (dt. Gelben Reiter) abgefeuert werden. Auf der Strecke steht etwa alle zehn Meter vor Beginn des Zuges an beiden Seiten der Strecke eine Soldatin oder ein Soldat mit Blick auf die Strecke still. Dabei positionieren sich die Marinesoldaten des Korps Mariniers vor dem Rittersaal, die Luftwaffe der Koninklijke Luchtmacht vor dem Paleis Noordeinde und weitere Abgesandten der Landmacht aus dem Korps Nationale Reserve und anderen Paradeeinheiten wie etwa der Luchtmobiele brigade entlang der Wegstrecke. Ebenfalls in der Ehrenwache vertreten sind Abgesandte von verschiedenen studentenweerbaarheden (Gelegenheitsgefechtseinheit aus Universitätsstudenten), welche die Bevölkerung repräsentieren sollen. Zwischen die Militärs mischen sich noch Polizistinnen und Polizisten, welche für die nötige Sicherheit sorgen sollen und ihren Blick ständig auf das jubelnde Volk jenseits der Absperrungen gerichtet haben. Seit es beim Prinsjesdag 2010 einen Zwischenfall mit einem Mann gegeben hat, der aus der Menge heraus einen Kerzenhalter auf die goldene Kutsche in Richtung von Königin Beatrix geworfen hat, und diese zudem beim Königinnentag 2009 Ziel eines Anschlags war, waren die Sicherheitsmaßnahmen im Jahr 2011 noch einmal verstärkt worden.

Die etwa einen Kilometer lange „Zugstrecke“ wird bereits in den Vortagen sowie den frühen Morgenstunden des Prinsjesdag für die sich ankündigenden Zuschauermassen und die das königliche Gefolge präpariert. Absprerrgitter sowie Tribünen werden aufgebaut, das niederländische Staatsfernsehen und andere Fernseh- und Radiostationen aus aller Welt positionieren sich mit ihren Kameras und Übertragungswagen und die Strecke wird vorbereitet. Dies bedeutet, dass die teils aus Rasenflächen bestehenden Streckenteile – etwa auf der alleeartigen Lange Vorhout neben dem Paleis Lange Voorhout, dort, wo man von mehreren Tribünen die vielleicht Beste Sicht auf die Königin und ihr Gefolge hat – Sand gestreut wird, um „Ausrutschern“ von Pferden und Menschen auf dem ansonsten glitschigen Untergrund zuvorzukommen. Der lokale ÖPNV-Anbieter HTM sorgt zudem jedes Jahr dafür, dass jene Teile der Wegstrecke, auf denen Straßenbahnschieben verlaufen, derart mit Tauen in den in die Straßen eingelassenen Gleisen gesichert sind, dass die schmalen Räder der Kutschen sich nicht in ihnen verkanten. Ebenfalls an den Tagen vor der eigentlichen Zeremonie bereiten sich die verschiedenen Abteilungen der Militärs und Teile des königlichen Gefolges auf ihren Einsatz vor. So staunt mancher Haager Bürger oder Besucher der Stadt oftmals nicht schlecht, wenn sich in den Tagen vor Prinsjesdag am Strand des Haager Stadtteils Scheveningen etliche berittene Einheiten mit Übungen auf den großen Tag vorbereiten.

Finanzminister als Kofferträger

Vorangehend an die königliche Eskorte und die gemeinsame Sitzung der beiden Parlamentskammern im Ridderzaal kommt es noch zu einer weiteren – mehr politischen – Zeremonie. Bereits am frühen Vormittag steht nämlich ein Koffer im Mittelpunkt des Interesses. Auf ihm steht in großen Lettern „derde dinsdag in september“ (dt. „dritter Dienstag im September“) geschrieben und in ihm führt der niederländische Finanzminister den Staatshaushaltsplan und die Miljoenennota für das kommende Parlamentsjahr von seinem Ministerium aus den Tag über mit sich mit. Um die Bedeutung des zu übergebenen Berichts zu unterstreichen, kommt um die wichtigen Papiere, bevor sie in dem besonderen Koffer verschwinden noch eine feierliche Schleife in der Nationalfarbe Orange. Wenn sich nach der Thronrede alle Mitglieder des Kabinetts auf dem Binnenhof zu einem gemeinsamen Mittagessen treffen, muss der Finanzminister dann auch als erster die Zusammenkunft verlassen, um den Weg in die angrenzende Zweite Kammer anzutreten und den dortigen Abgeordneten den Inhalt des Koffers „anzubieten“, wie es so schön heißt. Diese führen dann ab 15 Uhr eine Debatte über den Inhalt des Koffers durch, in der die vorgestellte Miljoenennota debattiert wird. Dabei ist der Inhalt des Koffers in er Regel keine Überraschung mehr für die Parlamentarier, denn in den vergangenen Jahren wurden die Haushaltsdokumente stets bereits Tage zuvor an die Abgeordneten verteilt oder die Berichte „leckten“ durch. Die Übergabe kann somit also vielmehr als symbolischer, zeremonieller Akt beschrieben werden.

Die heiß begehrten Zahlen des zukünftigen Staatshaushalts sind so bereits Tage zuvor zum öffentlichen Thema geworden und dominieren die mediale Berichterstattung am Prinsjesdag nur noch am Rande. Sie spielen dann erst wieder zwei Tage später, wenn donnerstags nach Prinsjesdag traditionell die Haushaltsdebatte in der Zweiten Kammer stattfindet, eine Rolle. Prinsjesdag selbst interessiert die vielen Schaulustigen, die extra für diesen Tag nach Den Haag angereist sind oder sich das Spektakel am heimischen Fernseher anschauen, dann auch vor allem die Zeremonie rund um das Staatsoberhaupt und dessen Weg vom Palast zum Rittersaal und zurück. Das merkt auch daran, dass sich die begeisterten Royalisten entlang der Wegstrecke beim Verlesen der Thronrede durch Königin Beatrix fast ausschließlich dem Gespräch mit ihren Nachbarn und weniger dem Inhalt der Rede selbst widmen. Man hat ja schließlich grade die Königin samt dem Kronprinz und seiner Frau ganz dicht an sich vorbeifahren sehen; und das muss natürlich zuallererst besprochen werden.

Hoedjesparade

Bezeichnend für die Bedeutung als ausgelassenes (Volks)fest, den der Prinsjesdag in den Niederlanden hat, ist auch die Angewohnheit, dass es viele Schaulustige Königin Beatrix gleichtun und sich für den Tag extra chic anziehen und sich mit einem extravaganten Hut kleiden. Nicht selten kommt man dann im ansonsten auch recht elitären Den Haag immer wieder Frauen entgegen, die durch ihr Äußeres auffallen und sich so von der breiten Masse absetzen. Hoedjesparade (dt. Hütchenparade) nennen dies die Niederländer. Viele der begeisterten Royalisten entlang der königlichen Wegstrecke wählen als Outfit an diesem Tag auch gerne das traditionelle „oranje“, wodurch das Spektakel noch mehr zu einer sehr bunten Veranstaltung wird. Zur Hudjesparade gehört es überdies auch noch, dass Jahr für Jahr im Vorfeld des königlichen Auftritts ein großes Rätselraten darüber entsteht, welcher Hut es in diesem Jahr denn ist, den Beatrix auf ihrem Kopf trägt. Spätestens wenn sie in einigen Jahren als Königin abgedankt haben wir und ihr Sohn Willem-Alexander die Regentschaft übernommen hat, wird diese liebgewonnene Tradition aber wohl ein jähes Ende finden.

Die wichtigsten Hüte – nämlich die des weiblichen Teils der königlichen Familie lassen sich am besten nach Ablauf der Wegzeremonie und ihres Wiedereintreffens im Paleis Noordeinde beobachten, wenn sich die royalen Protagonisten zum Anschluss noch einmal zusammen auf dem Balkon des Palastes der Öffentlichkeit zeigen. Diese traditionelle Balkonszene ist zudem auch der Startschuss für alle Anwesenden, um den Tag in geselliger Atmosphäre in den Bars, Cafés und Straßen Den Haags ausklingen zu lassen. Bis sich die Stadt also wieder leert, dauert es also traditionell noch bis in die späten Abendstunden. Für die Veranstalter und beteiligten des Tages heißt es aber erst noch die zuvor aufgebauten Absperrgitter, Tribünen, Fernsehkameras und Sicherheitsmaßnahmen abzubauen, die Polizisten und Militärs müssen sich sammeln und ihren Rückweg antreten und die Parlamentarier müssen sich erst noch die Vorstellung der Haushaltsplanungen durch den Finanzminister anhören, bevor auch wirklich alle zum lockeren Teil des Tages übergehen können und bis zum kommenden Jahr warten, wen am dritten Dienstag im September sowie den Tagen zuvor alles wieder von vorne beginnt…


Autoren: Tim Mäkelburg
Erstellt: September 2012