Monarchie - Personen A-Z


Königin Wilhelmina

*Den Haag, 31. August 1880 - Apeldoorn, 28. November 1962

Königin Wilhelmina mit Juliana
Königin Wilhelmina mit Juliana, Quelle: Wikimedia Commons

Als man der achtzehnjährigen Wilhelmina als junger „droomkoningin“ am 6. September 1898 in der Nieuwe Kerk zu Amsterdam huldigte, regierten Kaiser Franz-Joseph und Queen Victoria noch. Als sie 1948 auf den Thron verzichtete, hatten zwei Weltkriege unter totaler Mobilisierung industrieller und menschlicher Ressourcen das Gesicht und Gewicht Europas und der Niederlande dauerhaft verändert.

Wilhelmina wurde am 31. August 1880 in Den Haag geboren. An ihrem fünften Geburtstag wurde zum ersten Mal auf Anregung der national gestimmten Liberalen der Prinsessedag begangen. Wilhelminas Vater, König Wilhelm III., verstarb, als sie zehn Jahre alt war. Ihre Mutter, die zweite Frau Wilhelms III., die deutsche Emma Prinzessin zu Waldeck und Pyrmont (1858–1934), übte bis zu Wilhelminas Volljährigkeit 1898 die Regentschaft aus. Seit dem 7. Februar 1901 war Wilhelmina mit dem Herzog von Mecklenburg-Schwerin, einem einfachen Landedelmann, verheiratet. Aus Anlass ihrer Hochzeit machte Wilhelmina zum ersten Mal von der goldenen Kutsche Gebrauch, die ihr von der Bevölkerung Amsterdams zu ihrer Amtseinführung 1898 zum Geschenk gemacht worden war. Seit 1903 gehört die goldene Kutsche zum Zeremoniell am Prinsjesdag. Wilhelmina war eine politisch starke Königin. Sie behauptete ihre Beteiligung am politischen Prozess, manchmal bis an die Grenzen des konstitutionellen Systems. Zwischen 1913 und 1940 waren außerparlamentarische Kabinette und Probleme bei der Kabinettsbildung nicht selten. Im Bereich der Außen- und Militärpolitik forderten die europäischen Krisen vor 1914 die Königin auf, Position zu beziehen, auch wenn ihr außenpolitischer Spielraum begrenzt war. Das bekam Wilhelmina im Jahr 1900 anlässlich ihrer Sympathiebekundungen für Abgesandte der Buren zu spüren, die englischen Interessen widersprach.

Gleichwohl war Wilhelmina vor 1914 die treibende Kraft einer Heeresreform unter Premier Hendrik Colijn (1869-1944). Am 30. April 1909 wurde die Tochter Juliana geboren, die Dynastie war gesichert. Die Erwartungen an die Integrationskraft der Monarchie erfüllte Wilhelmina zwischen 1914 und 1918 vollauf. Sie vermittelte Präsenz und Gefahrenbewusstsein für die prekäre Neutralität ihres Landes. Das zahlte sich aus. Im Herbst 1918 huldigte ihr die Bevölkerung von Den Haag, während das Kabinett mit Sorge auf die revolutionären Unruhen im Deutschen Reich sah. Dass der besiegte und von Revolution bedrohte Kaiser Wilhelm II. sich ausgerechnet in die neutralen Niederlande flüchtete, empfand Wilhelmina als pflichtvergessen. In der politisch zerklüfteten Zwischenkriegszeit war die persönlich fromme, pluralistischen Weltwahrnehmungen ablehnend gegenüberstehende Wilhelmina keine Führungsfigur mehr. 1934 starb ihr Mann, am 7. Januar 1937 heiratete ihre Tochter Juliana wiederum einen Deutschen, Bernhard von Lippe-Biesterfeld (1911–2004). Im Februar 1936 hatte sich Wilhelmina zum letzten Mal in ihrem Leben zu einem Besuch in Deutschland aufgehalten, dabei aber jede offizielle Begegnung mit dem NS-Regime strikt vermieden. Wilhelminas vierzigjähriges Thronjubiläum 1938 stand bereits im Zeichen wachsender Kriegsgefahr. Der Mai 1940 übertraf die schlimmsten Befürchtungen. Ein britisches Kriegsschiff brachte Wilhelmina nach London in Sicherheit, sehr zu ihrem eigenen Schmerz. Dass die Königin im Exil dennoch zur moralischen Leitfigur des Widerstands werden konnte, war nicht nur ihren BBC-Ansprachen, sondern vor allem ihrem Charisma zu verdanken, mit dem sie die ,anderen’ Niederlande verkörperte.

Sie kämpfte in London derart für die Wahrnehmung niederländischer Interessen, dass der englische Premier Winston Churchill Wilhelmina als „den einzigen Mann in der niederländischen Regierung“ bezeichnet haben soll. Aus dem Exil plädierte sie für eine gesellschaftliche Erneuerung nach der Befreiung. Die moralischen Maßstäbe, die sie an die unter Besetzung lebenden Niederländer anlegte, waren oft unrealistisch hoch. Das ,graue‘ Nebeneinander von Anpassung und gleichzeitiger innerer Distanzwahrung gegenüber den Besatzern blieb ihr fremd. Wilhelminas Maßstäbe bei der Bewältigung der Diktaturerfahrung nach ihrer Rückkehr in die befreiten südlichen Landesteile im März 1945 waren schwarz-weiß. Sie setzte sie sich für die strenge Bestrafung der Kollaborateure ein. Ähnlich hart verurteilte sie die indonesischen Nationalisten und deren Kooperation mit den Japanern auf dem Weg zur Etablierung eines unabhängigen indonesischen Nationalstaats. Letztlich scheiterten Wilhelminas Konzept von ,vernieuwing‘ der Gesellschaft unter starker monarchischer Führung oberhalb von Interessen, Parteien und ,Säulen’. Ihre Enttäuschung war groß, dass für ihren vaterländisch-autoritären Impuls in der komplizierten und zunehmend bipolaren Welt des Kalten Krieges ebenso wie in der mehr denn je versäulten soziopolitischen Realität der Nachkriegsniederlande kein Platz mehr war. Daher war ihre Abdankung am 4. September 1948 konsequent. Gleichwohl blieb sie in der kollektiven Erinnerung die ,Mutter des Vaterlands’ in der Zeit größter Bedrohung und Selbstbehauptung der Niederlande. Wilhelmina verstarb in Apeldoorn am 28. November 1962.

Autor: Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt: April 2007


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Monarchie finden Sie unter Bibliographie

Fasseur, C. : Wilhelmina. De jonge koningin, Amsterdam 1998.

Fasseur, C. : Wilhelmina. Krijgshaftig in een vormeloze jas, Amsterdam 2001.

Jong, L. de: Koningin Wilhelmina in Londen, 1940-1945, Amsterdam 1966.

Königin Wilhelmina: Wilhelmina koningin der Nederlanden. Eenzaam, maar niet alleen, Amsterdam 1959 (Autobiographie).

Manning, A.F. : Koningin Wilhelmina, in: C.A. Tamse u.a. (Hrsg.): Nassau en Oranje in de Nederlandse geschiedenis, Alphen aan den Rijn 1979, S. 359-397.

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