I. Einführung

Zur politischen Geschichte des Königshauses

Sowohl in der politischen Geschichte im Allgemeinen als auch in der Monarchiegeschichte dominierte vor einigen Jahrzehnten ein klassischer Denkansatz, der kaum neue Perspektiven bot. Einige wichtige Neuerungen auf beiden Feldern haben in der Monarchiegeschichte ihren Anfang genommen. Neue Ansätze wie die Invention of tradition und das Interesse an der politischen Kultur wurden zunächst auf die Monarchie angewendet. [1] Es stellte sich bei eingehenderen Forschungen heraus, dass die symbolische Seite der Monarchie im 19. und 20. Jahrhundert eine neue, wichtige Bedeutung erhalten hatte, und es entwickelte sich ein neues Interesse an der Geschichte der Monarchie. Durch die Betonung gerade dieser Seite, drohte jedoch das Bild einer symbolischen, rituellen oder emotionalen Monarchie zu entstehen, die der sachlichen Politik gegenüberstand. Das ist ein falscher Gegensatz. Es ist einseitig, zu sagen, dass die Legitimierung gewählter Politiker in der Demokratie liegt, und die Legitimierung der Monarchie im historisch entwickelten Mythos. Symbole, Emotionen und Mythen sind nicht nur Bestandteil der Monarchiegeschichte, sondern Bestandteil jeglicher öffentlichen Politik, ob man dies nun gutheißt oder nicht. [2]

Die Monarchie ist andererseits eine demokratische Institution in dem Sinne, dass sie im Handumdrehen mittels einer Verfassungsänderung abgeschafft werden kann. Sie ist auch eine demokratische Institution, wenn man unter ihr eine populäre Institution versteht, viel populärer als die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments und die politischen Parteien. Bei Umfragen sind zumeist weit über 80 Prozent der Bevölkerung für eine Beibehaltung der Monarchie. In diesem Sinne ist die Monarchie auch ein guter Anknüpfungspunkt, um über die Frage nachzudenken, was wir eigentlich unter Demokratie verstehen, und was genau wir meinen, wenn wir sagen, dass die Monarchie undemokratisch ist. Die politische Macht der Monarchie hat sich – auch wenn es sie durchaus noch gibt – deutlich verringert. Aber durch ihre große Popularität und ihr Prestige besitzt die Monarchie einen Einfluss, der um ein Vielfaches größer ist als ihre bescheidene politische Position es vermuten ließe.

In diesem Aufsatz soll anhand der Verfassung die politische Stellung der niederländischen Monarchie in den vergangenen zwei Jahrhunderten nachgezeichnet werden. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass der Mythos des Namens Oranien für die staatsrechtliche Position der Monarchie in den Niederlanden eine große Stütze blieb. Für viele Menschen, die mit der etablierten Politik der Herren (ab dem 20. Jahrhundert auch Damen) in Den Haag nicht viel anzufangen wussten, war Oranien eine greifbare Realität, nicht so sehr, weil sie mehr an den Mythos als an die Politiker glaubten, sondern weil die Monarchie leichter als vieles in der Politik mit ihrem täglichen Leben in einen Zusammenhang zu bringen war. Die nachfolgenden Ausführungen stehen folglich unter der Überschrift: Oranien zwischen Staatsrecht und Mythos.


[1] D. Cannadine: The Context, Performance and Meaning of Ritual: The British Monarchy and the ‚Invention of Tradition’, 1820–1977, in: E. Hobsbawm/T. Ranger (Hrsg.): The Invention of Tradition, Cambridge 1983, S. 101–164.
[2] Vgl. H. Te Velde: Cannadine. Twenty Years on. Monarchy and Political Culture in Nineteenth Century Britain and The Netherlands, in: J. Deploige/Gita Deneckere (Hrsg.): Mystifying the Monarch. Studies on Discourse, Power and History, Amsterdam 2006, S. 93 und 203.

Autor: Henk te Velde
Erschienen in: Zentrum für Niederlande-Studien (Hrsg.): Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 18 (2007), Münster 2008; es handelt sich bei dem Artikel um eine überarbeitete Fassung folgenden Beitrags: De koning is onschendbaar. De permanente spanning tussen Oranje en de grondwet, in: R. Meijer/H.J. Schoo (Hrsg.): De monarchie. Staatsrecht, volksgunst en het Huis van Oranje, Amsterdam 2002, S. 49–71.