XI. Das Könighaus und sein Volk

„Die Niederländer sind keine Monarchisten, sondern Orangisten“, schreibt Remco Meijer, Redakteur des Nachrichtenmagazins Elsevier und Fachmann für das Königshaus. Diese Liebe des Volks zu seiner Königin speist sich aus einem Mythos. Willem von Oranien, der „Vater des Vaterlandes“, befreite das Land einst von der Herrschaft der Spanier und führte es in die Selbstbestimmung. Deshalb ist man seiner Familie eng verbunden und akzeptiert seine Nachkommen als Könige – obwohl persönliche Freiheit als wichtigstes Credo der Niederländer gilt. „Nicht Macht, persönlicher Wille oder Anspruch oder ererbte Autorität, sondern alleine der Wille, der Gemeinschaft zu dienen, kann der Monarchie heutzutage einen Inhalt geben“, sagte Königin Beatrix 1980 in ihrer Antrittsrede. Es gebe für sie nur einen Auftrag: Abseits eigener Vorlieben über Partei- und Gruppeninteressen zu stehen. Bis heute ist diese integrative Funktion die wichtigste Aufgabe der Königin in einer traditionell in viele Gruppen, Parteien und Religionen aufgeteilten Gesellschaft. Symbolisch bildet sie jene Instanz, die allen Gleichheit und Freiheit garantiert und das Land vor dem „großen Übel“ beschützt; ungeachtet ihrer wirklichen Macht.

Ist das Königshaus ein Spiegelbild der Gesellschaft?

Lange schon identifizieren die Niederländer sich mit dieser Form der Monarchie, nicht nur politisch, sondern vor allem emotional. Geburten, Heiraten, Todesfälle gelten als Geschehnisse in der eigenen, mindestens aber in einer eng befreundeten Familie. Auch negative Ereignisse werden emotional erfahren: Die Ehekrise von Juliana und Bernhard im Verlauf der Hofmans-Affäre, die Verlobung von Beatrix mit einem „bösen Deutschen“, die „Frage Zorreguita“, die „Affäre Mabel“ und der Unfall von Prinz Friso. So wird die königliche Familie weniger zum idealen Vorbild stilisiert als vielmehr zu einer typischen holländischen Familie. Auch in den Eskapaden von Prinz Bernhard und den Depressionen von Prinz Claus erkennt sich das Volk wieder. Jede Freude, jedes Leid einer normalen Familie findet sich scheinbar auch im Leben der Königlichen. Das lässt manche Grenzüberschreitung verzeihen.

Allerdings ist das Verhältnis zwischen Königshaus und Volk immer ein fragiles. Sowohl bei Prinz Claus wie bei Máxima griff noch der traditionelle Toleranzgedanke: Da beiden keine persönliche Schuld nachgewiesen werden konnte, durfte man ihnen auch nicht ihre Herkunft und die Vergangenheit ihrer Heimatländer vorwerfen. Anders liegt der Fall bei Mabel Wisse Smit. Hier ging es nicht um das Umfeld der Person oder ihre Herkunft. Die Frau selbst wurde demaskiert und musste zur vollen Wahrheit gezwungen werden. Besonders calvinistische Kreise reagierten empört. So ist die Haltung, die das Volk zum Königshaus einnimmt, gleichzeitig ein Ausdruck der Stimmung im Land. Wenn die Menschen nicht mehr bereit sind, täglich staatlich geduldete Grenzverletzungen hinzunehmen, seien es Kleinkriminalität oder die Verwahrlosung des öffentlichen Raums, bekommt das auch die Verlobte eines Prinzen zu spüren. Dann wird die Königin zurechtgewiesen, weil sie – angeblich und bislang unbewiesen – den Inlandsgeheimdienst aufforderte, den Partner ihrer Nichte zu überprüfen und so in ein fremdes Privatleben eindrang; und Prinz Bernhard bekommt Zuspruch, weil er Supermarkt-Angestellten zur Seite springt, die einen Ladendieb verprügelten.

Ist das Königshaus also ein Spiegelbild der Gesellschaft? Zumindest bietet es reichlich Identifikationspunkte an. Die fordern jedoch auch die Spötter heraus. Kabarettisten erklärten die Königin zur Chefin einer Herde von schwarzen Schafen mit schlüpfrigen Vorgeschichten und suchten Kellerleichen. Doch während Ministerpräsident Jan Peter Balkenende heftig gegen solche Satire wetterte, fühlte sich Beatrix nicht angegriffen. Und gewann so die Herzen der Niederländer zurück, als liberale Königin in einem liberalen Land.

Autor: Karsten Polke-Majewski
Erstellt: April 2004
Aktualisiert: Februar 2013