XIII. Feierlaune und Skepsis stören sich nicht

Die Niederländer sind auf ihre Königsfamilie nicht wirklich angewiesen, aber sie brauchen sie trotzdem

Rein optisch gesehen hat die Verehrung des Königshauses in den Niederlanden in den vergangenen Jahren eher zugenommen. Auslöser war die Hochzeit des Thronfolgers Willem Alexanders mit seiner argentinischen – im Vorfeld nicht unumstrittenen – Braut Máxima. Hunderttausende begleiteten am Straßenrand die Feierlichkeiten und noch Wochen später standen verkitscht idealisierende Ölgemälde und Fotos in den Schaufenstern beinahe aller Geschäfte. Die Niederlande hatten neue Helden und die Verehrung brach sich ungehindert ihre Bahn. Immer wieder tanzt das Volk seither bei gegebenen Anlässen wie der Geburt des Stammhalters oder den einschlägigen Feiertagen in einer Orgie in Orange durch die Straßen.

Vermutlich ist es aber nicht tief verwurzelter Royalismus, der die Niederländer antreibt, sondern schlicht die Gelegenheit, gemeinsam mit der „ersten Familie“ des Landes sowie zufällig auf der Straße vorbei schauenden Nachbarn eine wilde Party zu feiern.

Zwiespältiges Verhältnis zu Königen

Eigentlich ist das Königshaus im Lande nicht unumstritten – schließlich sind die Niederlande eins der Länder in Europa mit der geringsten Tradition in Sachen blaublütiger Herrscher. Die Ausbildung der modernen niederländischen Nation begann mit einem Aufstand gegen einen König. Im Zuge der Reformation lehnten sich die Städte – und damit ein protestantisch geprägtes Bürgertum gegen einen katholischen, das Land aus der Ferne regierenden, König der Habsburger auf. Die Rebellion, unter anderem angeführt von Wilhelm von Oranien, war erfolgreich, das Bürgertum wurde mächtig und die Bedingungen für einen neuen König dementsprechend schwierig. Zwar suchten die Aufständischen einen Herrscher, konnten aber angesichts des sich abzeichnenden Absolutismus keinen Kandidaten finden, der sich mit beschnittener, vom gemeinen Volk verliehener Macht zufrieden gegeben hätte. So wurden die Niederlande bereits am Ende des 16. Jahrhunderts Republik. Das heutige Königshaus verdankt seine Herrschaft wiederum weniger einem freien Akt der Bürger: Die Wirren der Napoleonischen Kriege brachten den Nachfahren Wilhelm von Oraniens, dem Haus Oranien-Nassau die Krone. Die merkwürdige Geschichte der niederländischen Monarchie trägt mit Sicherheit viel dazu bei, dass die Niederländer ein zumindest zwiespältiges Verhältnis zu ihren Königen hatten und bis heute haben.

Formeller Spielraum

Die Verfassung räumt dem König (beziehungsweise der Königin) rein formell einigen Spielraum ein. Zunächst ist der König Staatsoberhaupt und Teil der Regierung. Der König ist auch Vorsitzender des Staatsrates, dem wichtigsten beratendem Gremium des Landes. Der Monarch ernennt und erlässt den Ministerpräsidenten und die Minister, auch konnte er bis 2012 nach Wahlen einen ihm genehmen Kandidaten mit der Suche nach einer tragfähigen Regierungskoalition beauftragen, der nicht zwingend der Wahlsieger sein muss. Dieser Punkt ist insofern interessant, weil hier gleich mehrere Besonderheiten des niederländischen Politikstils deutlich werden: Zunächst gab es bei den zurückliegenden Wahlen nie eine Partei, die die absolute Mehrheit erringen konnte, es war sogar in den seltensten Fällen ein Duell zweier Parteien. Man könnte eher von drei bis vier nach deutschem Maßstab mittelgroßen Fraktionen im Parlament sprechen, die noch von vier bis fünf kleineren Parteien ergänzt werden. Dass die Königinnen dennoch selten der Versuchung erlagen, übermäßig auf die Regierungsbildung einzuwirken hat mit zwei Charakteristika niederländischer Mentalität zu tun.

Versäulung und Kompromiss

Die Niederlande waren lange Zeit durch das Prinzip der Versäulung bestimmt. Die ursprünglich durch die Konfessionen, schnell durch die Liberalen und später durch die Sozialisten ergänzten Säulen bestimmten das gesamte Leben der Menschen: So gab es katholische Schulen, katholische Geschäfte, katholische Vereine und so weiter. Beinahe das gesamte Leben der Menschen spielte sich in seiner Säule ab, (nebenbei sorgt sie für die oben beschriebene Parteienvielfalt). Gleichzeitig dominiert in den Niederlanden das – die Versäulung machte es beinahe zwingend notwendig – Prinzip des Kompromisses. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, gibt es ausgiebige Beratungen, möglichst alle Menschen (beziehungsweise gesellschaftlichen Kräfte) sollen sich bei Veränderungen mit einbezogen fühlen. Es gilt (manche sagen galt) die „Konsenskultur“. Die aber lässt den Königen wenig Spielraum für eigenmächtige Entscheidungen. Die faktische Macht des Königs als institutionelle Kraft ist also eher gering. Der Verfassung folgend kann er sogar abgesetzt werden, wenn der König nach der Meinung des Ministerrates „außerstande ist, sein Amt auszuüben.“ Nicht einmal das Recht auf freie Partnerwahl hat der Herrscher – zumindest wenn er sein Amt behalten oder im Falle eines Thronfolgers erst noch erlangen will.

Privatvermögen

Als politische Figur wird das Staatsoberhaupt des Königreiches der Niederlande daher von vielen Bürgern eher abgelehnt: Die politischen Reden, die vom Ministerpräsidenten vorgegeben oder zumindest abgesegnet werden müssen, werden argwöhnisch begutachtet. Es gibt eine kleine, aber hartnäckig werbende Vereinigung der Republikaner, die die Monarchie gleich ganz abschaffen möchten. Auch das Vermögen der Monarchen gibt Anlass zur Kritik: Zunächst erhält das Staatsoberhaupt ein jährliches Einkommen von 3,9 Millionen Euro vom Staat, Prinzgemahl, Thronfolger und Prinzessin jeweils etwas weniger. Darüber hinaus verfügt das Königshaus über ein nicht unbeträchtliches Privatvermögen: Wie hoch das genau ist, bleibt das Geheimnis der Familie: „In unserem Land gilt das Prinzip, die Privatsphäre zu schützen. Das gilt auch für die königliche Familie“, kommentiert das Königshaus entsprechende Erwartungen auf Information. Auf der Webseite des Hauses ist immerhin zu erfahren, dass das Vermögen, „längst nicht so hoch ist, wie allgemein spekuliert wird.“ immerhin ein umfangreicher Immobilienbesitz wird aufgeführt. Auch das, Vermögen beziehungsweise mangelnde Transparenz, stört die Gegner der Monarchie.

„Prins Pilsje“

Vor allem die Intellektuellen arbeiten sich an der Königsfamilie ab. Kronprinz Willem Alexander, der erste männliche Thronfolger des Landes seit 116 Jahren, wurde lange Zeit als „Prins Pilsje“ verspottet gegen den, so der niederländische Schriftsteller Leon de Winter, „Prinz Charles ein intellektueller Latin Lover ist“. Auch die Königin sah sich dermaßen groben Spott ausgesetzt, dass sich der christdemokratische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende genötigt sah, eine Debatte darüber anzustoßen, ob man nicht verächtlichmachende Comedy-Sendungen im Fernsehen absetzen könnte – allerdings erntete er damit seinerseits in erster Linie Spott. Als Figur haben Monarch und Monarchin aber eine integrative Kraft, eine Vorbildfunktion, an der sich die Bürger des Landes in schweren Zeiten aufrichten konnten. Das galt für Wilhelmina, die im zweiten Weltkrieg aus dem Londoner Exil regierte, das galt seit 1949 für Juliana, die sich bewusst volkstümlich gab, und die Bezeichnung „Mevrouw“ dem standesgemäßen „Majestät“ vorzog. Und das galt mit einigen Einschränkungen für die seit 1980 „herrschende“ Beatrix, die allerdings früh bekundet hatte, dass ihr eine passive Rolle nicht liegt und sich deshalb immer wieder im Rahmen des ihr möglichen in die Politik einmischte – und sich damit nicht nur Freunde machte. So sprach sie sich öffentlich gegen die Stationierung von US-Raketen in den Niederlanden aus, mahnte früh eine aktive Umweltpolitik an. Dass sie 1994 das tat, wozu sie eigentlich verpflichtet ist, den Wahlsieger (den Sozialdemokraten Wim Kok) mit der Regierungsbildung zu beauftragen, wurde seinerzeit als „Staatsstreich“ kommentiert.

Charme und Anmut haben es den Niederländern angetan

Überraschenderweise gilt die Zuneigung außerhalb des politischen Raumes auch für Máxima, die Frau von Willem-Alexander. Die Wahl Willem-Alexanders, die Argentinierin zu heiraten, wurde kontrovers diskutiert, um nicht zu sagen scharf kritisiert, weil ihr Vater der argentinischen Militärjunta als Landwirtschaftsminister diente. Anlässlich der Hochzeit schrieb De Winter „Sie sind sehr verliebt. Er ist dumm, und sie ist blondiert. Ein Traumpaar“. Unmittelbar nach der Hochzeit schwärmte die Öffentlichkeit allerdings vom Charme und der Anmut des neuesten Mitglieds der königlichen Familie. Schnell wurde sie populärer als ihr Gemahl. Dieser Verlauf der königlichen Romanze war für die Niederländer allerdings beinahe schon Routine. Ähnlich kritisch wurden auch die Ehen von Mutter und Großmutter Wilhelm-Alexanders begleitet – und ähnlich herzlich war dann die Beziehung der Menschen im Lande zu den Prinzgemahlen.

Künftige Rolle des Königshauses

Die Niederländer sind auf ihre Könige nicht wirklich angewiesen, aber sie brauchen sie doch. So konnte man das Dasein der Herrscher innerhalb ihres Volkes für das vergangene Jahrhundert zusammenfassen. Politisch ein tolerierter Anachronismus, zwischenmenschlich eine immer kritisch beäugte, ab meist hochgradig verehrte „erste Familie“ des Landes. Mittlerweile gibt es erste Signale, dass sich das wandelt. Prinzessin Máxima, das erste akzeptierte katholische Mitglieder der Famile ist so ein Indiz, die Gelassenheit der Öffentlichkeit angesichts der öffentlichen Rechtfertigung Prinz Bernhards zu angeblichen und tatsächlichen Verfehlungen früherer Tage ein anderes. Es scheint als begänne in den Niederlanden langsam eine Diskussion über die künftige Rolle des Königshauses, ohne das an deren Ende eine Revolution, das Ende der Monarchie stehen müsse.


[1]  Der Artikel ist in der Ausgabe „Royals – Die Monarchien Europas“ von Das Parlament erschienen (54. Jahrgang. Nr. 43. Berlin, 18. Oktober).

Autor: Jan Kanter
Erstellt: Oktober 2004
Aktualisiert: Februar 2013