V. Selbstreflexion

„Es ist sogar möglich, dass ausgerechnet die so dramatisch verlaufende Krönung der Königin 1980 reichlich zur Selbstreflexion in der niederländischen intellektuellen Klasse beigetragen hat, die sich bis 1980 so weit wie möglich von der Monarchie und dem dazugehörigen Pomp ferngehalten hatte und gerne mit republikanischen Sympathien kokettierte.“ Das schrieb der Politologe van den Berg in seinem Beitrag zu einem Symposion anlässlich des 25jährigen Regierungsjubiläums von Königin Beatrix. [9] Der Straßenkampf hatte eine zu ausgeprägte anarchistische Dimension bekommen, namentlich auch in einigen Medien, in denen die Journalisten die Grenze zwischen Beobachtung und Teilnahme überschritten hatten. Der verbissene Charakter des Protestes, die im Fernsehen sichtbare Gewalt und der entstandene Schaden riefen die Gegenseite auf den Plan. Der Teil des Bürgertums, der gemäßigt links war, fühlte außerdem Mitleid mit der abtretenden und der neu antretenden Königin, die auf würdige Weise dem Straßenkampf getrotzt hatten.

Tatsächlich wiederholte sich nach 1980, was man schon seit 1966 sehen konnte. Aus einer kollektiven Scham über die lauthals verkündete Meinung über Claus bzw. die neue Königin schlossen sich die Reihen der Befürworter der Monarchie. Oder anders: sie blieben mehr oder weniger geschlossen. Eine Reihe von Untersuchungsergebnissen zeigt das:

Antworten auf die Frage nach der bevorzugten Staatsform
Quelle: K. Bruin/K. Verrips (Hrsg.): Door het volk gedragen. Koningschap en samenleving, Groningen 1989, S. 149.
1964 1965 1969 1976 1980
Monarchie 86 74 85 86 82
Republik 8 9 10 7 10
Unentschieden 6 17 5 7 8

Auffallend ist die relative Verringerung des Anteils der Befürworter der Monarchie 1965, dem Jahr, in dem die Verlobung der Kronprinzessin mit Claus von Amsberg verkündet wurde. Im folgenden Jahr erhöhte sich dieser Prozentsatz wieder auf 85. Die Zustimmung zur Monarchie wurde auch im Jahr der Krönung (1980) nicht mehr deutlich geringer. Diejenigen, die 1965 ihre Vorliebe für die Monarchie verloren, hatten sich seinerzeit nicht als erklärte Republikaner zu Wort gemeldet. Sie waren schlichtweg unentschlossen.

Diese Vorliebe wurde von der neuen Königin zielstrebig begünstigt. Sie und ihr Ehemann nahmen sich nach ihrer Eheschließung vor, Kontakt mit der Elite der Intellektuellen und Künstler in ihrer Altersgruppe zu suchen. Sie organisierten auf ihrem Landsitz Drakesteyn Diskussionsabende. Als Beatrix schließlich Königin geworden war, wurden diese durch größere Debatten im königlichen Schloss in Amsterdam ergänzt. Auf die Initiative von Claus, einem erklärten Musikliebhaber, hin wurden im Schloss Noordeinde in Den Haag jährlich anlässlich des Koninginnedag die sogenannten Koninginne-Konzerte organisiert. Das sind nicht nur Aufführungen, bei denen in jedem Jahr einem besonderen Aspekt des niederländischen Musiklebens Beachtung geschenkt wird; es ist zugleich ein Versuch, das Volksfest, zu dem sich der Koninginnedag entwickelt hat, durch eine Darbietung der höheren Kultur zu bereichern.

Aber Beatrix unternahm noch ganz andere Anstrengungen. Am 30. April 1988, dem Koninginnedag, erschien sie überraschenderweise auf dem Volksfest in Amsterdam, das in der Hauptstadt noch ausgelassener als anderswo gefeiert wird. Sie lief mit ihrer Familie an den Ständen des so genannten Freimarkts entlang, ein Markt für die Bürger und ihre Kinder, die etwas von ihrem Hausrat verkaufen wollen. Das Fernsehen war über diesen Überraschungsbesuch informiert. Die Kameras registrierten diesen unerwarteten königlichen Besuch. Plötzlich ließ sich Beatrix von einem jungen Mann, der sich ihr in beschwingter Stimmung präsentierte, küssen. Das sahen die Fernsehkameras. Dadurch konnte dieser Kuss im kleinbürgerlichen Viertel Jordaan einen nationalen Widerhall erlangen; das sichtbare Symbol einer Versöhnung mit Amsterdam werden. Es ist ein „volkstümliches Oraniertum“, das hier gezeigt wurde.[10] Und zugleich enthält es die Zustimmung zu einem Volksfest von einer Königin, die mit den populistischen Auswüchsen der Monarchie nichts zu tun haben will.

Die Monarchie ist ein Faktor sozialer Kohärenz in den Niederlanden. Aber in der Zeit der Regentschaft von Beatrix hat der Republikanismus eine neue Organisationsform gefunden. Es wurde eine Republikanische Gesellschaft gegründet, bestehend aus Bürgern verschiedener politischer Richtungen, die oft in der Wirtschaft oder im Journalismus ihre Sporen verdient haben und die sich gefunden haben in einer Stilkritik an der Monarchie. Sie erinnern in Ton und Inhalt ihrer Zurückweisung der Monarchie an eine lange Tradition von „Regenten“, die in der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande des 16., 17. und vor allem 18. Jahrhunderts anti-orangistische Gefühle hegten. „Der Obskurantismus und die Irrationalität der Monarchie sind an sich schon falsch, aber passen keinesfalls zur Demokratie und der demokratischen Idee; eine Erbmonarchie ist verwerflich, weil sie im Widerstreit mit dem Gleichheitsgrundsatz und der meritokratischen Idee steht.“ Die bürgerliche Gesellschaft wurde in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch ergänzt durch eine Neue Republikanische Gesellschaft, die in der Tradition eines spielerischen und „jugendlich anarchistischen“ Republikanismus steht. [11] Die Anti-Monarchisten haben in den Niederlanden keinen Erfolg damit, Vorbote oder Vorhut einer breiten Demokratisierungsbewegung zu sein. Dafür ist die Monarchie zu populär; und der Republikanismus also zu elitär.


[9] J.T.J. van den Berg: Saevis tranquilla in undis, koningin in tijden van populisme, in: D.J. Elzinga (Hrsg.): De Nederlandse constitutionele monarchie in een veranderend Europa, Alphen aan den Rijn 2006, S. 70. 
[10] H.J. Schoo: Hedendaags republicanisme. Een oud politiek idee in de herkansing, in: R. Meijer/H.J. Schoo (Hrsg.): De Monarchie. Staatsrecht, volksgunst en het Huis van Oranje, Amsterdam 2002, S. 225.
[11] Schoo (wie Anmerkung 10), S. 228 f.

Autor: Jan Bank
Erstellt: Februar 2010