II. Jugendliches Selbstporträt

Ihr Auftreten in den Massenmedien ist durch Distanziertheit gekennzeichnet. Sie ist nicht die celebrity, auf die heutige Fernsehmacher so versessen sind. Dennoch gibt es ein offenherziges Selbstporträt von ihr; eigentlich ein eindringliches Interview mit Beatrix anlässlich ihres 18. Geburtstages am 31. Januar 1956. Das ist in den Niederlanden der Zeitpunkt der gesetzlichen Volljährigkeit und also auch der einer Thronkandidatur. Die Schriftstellerin Hella Haasse konnte sie für einen längeren Zeitraum sprechen und beobachten und schrieb ein Porträt, das durch den ausführlichen Beitrag der Hauptperson auch als Selbstporträt bezeichnet werden kann. Diese literarische Offenherzigkeit ist, sozusagen als Initiationsritus, daraufhin eine (beginnende) Tradition geworden. Eine andere Autorin und Journalistin, Renate Rubinstein, verfasste ein Porträt des achtzehnjährigen Willem-Alexander im Jahre 1985.

Die junge Beatrix ist spontan auf die Schriftstellerin zugegangen; diese Spontaneität ist „das Ergebnis von Selbstbeherrschung“ und „eines der ersten Dinge, die auffallen.“ Die Kronprinzessin erzählte lebhaft und schnell, bewegte ihren Kopf hin und her, schloss manchmal für kurze Zeit die Augen – ein charakteristischer Zug – und bewegte ihre Hände. Das Bild hat sich nicht verändert. Der heutige Fernsehzuschauer kann diese Sprechweise und auch das Niederschlagen der Augenlider noch regelmäßig beobachten. „Sie übernimmt schnell die Führung, springt von Hölzchen auf Stöckchen, ohne dass das Gespräch durcheinander gerät. Während sie scheinbar nur so erzählt, taxiert sie ihr Gegenüber, streckt ihre Fühler aus, um die Atmosphäre nach Elementen abzutasten, die ihr Vertrauen einflößen können. Gleichzeitig überwindet sie beim Sprechen ihre eigene Befangenheit.“

Hella Haasse sah in Beatrix’ Charakter zwei bestimmende Züge: „dass sie ein ausgesprochenes Talent hat, mit Menschen umzugehen, nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst den Mut hat, sich einzubringen.“ Und zweitens, aber vielleicht vor allem in der Beobachtung ihres Gesprächspartners, dass sich hinter Beatrix’ Haltung eine deutlich wahrnehmbare Spannung versteckt. „Hier wird ständig bewusst die Auseinandersetzung gesucht, bewusst der Weg des größten Widerstandes gewählt. Ein solcher Charakter pflegt buchstäblich trotz allem zu gedeihen.“[1]

Beatrix musste, als sie zwei Jahre alt war, wegen der deutschen Invasion am 10. Mai 1940 mit ihren Eltern ins Exil nach Kanada gehen. Die fünf Jahre ihrer Kinderzeit, die sie auf der anderen Seite des Atlantiks verbracht hat, haben sie ohne ihr Zutun von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen während der Besatzung und des Nazi-Terrors ferngehalten. Das hat sie zu ihrer eigenen Verwunderung erfahren, als sie 1965 und 1966 mit dem sehr emotionalen Widerstand konfrontiert wurde, den die Verlobung mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg und die Hochzeit der Prin-zessin in Amsterdam hervorrief. Claus und sie haben sich daraufhin bei einer Reihe von Treffen auf ihrem Schloss Drakesteyn von dem Historiker Louis de Jong unterweisen lassen, dem Direktor des Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (heute NIOD) und Autor des Standardwerkes Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog.

Hella Haasse entdeckte an ihr einen Charakterzug, der nicht nur in ihrer Pubertät, sondern auch in ihrer späteren Amtsführung kennzeichnend ist für ihre Person und als solcher auch in größerem Rahmen bekannt geworden ist: ihre strenge Auffassung über die Loyalität ihrer Gesprächspartner, die Kehrseite ihrer Fähigkeit, Menschen offen und Vertrauen erweckend gegenüber zu treten. Die Schriftstellerin begann, um das Vertrauen der so beschriebenen Kronprinzessin zu bewahren, so: „Für ein Kind mit einer ungetümen, verletzlichen Natur, das Kontakt sucht, Verständnis und Aufmerksamkeit verlangt, das Bedürfnis empfindet, Vorfechter für einen anderen zu sein, für den es Neigung und Bewunderung empfindet, dessen Sache zu der seinigen zu machen, dessen Freunden treu zu sein, dessen Gegner zu bekämpfen, ist die Jugend oft ein emotionaler Irrgarten.“

Beatrix, so schrieb sie weiter, „das Mädchen auf diesem Porträt“, hat ihre Erfahrungen gemacht „in der unbarmherzigsten Schule, die es gibt, in der von Hingabe und Enttäuschung in den ersten Jahren nach dem Krieg im Umgang mit ihren Altersgenossen. Sie gibt mit großer Ehrlichkeit zu, dass sie Mal um Mal dem Charme einer Persönlichkeit erlegen ist, dass sie fesselnde und zu Mitleid zwingende Eigenschaften in dem anderen zu sehen vermeinte, um später zu entdecken, dass das Vertrauen unangebracht war, die Solidarität weniger stark als sie erwartet hatte. Sie hegt keinen Groll, und sie kann im Rückblick auf bestimmte Enttäuschungen ihre eigene Haltung in diesem Konflikt scharf analysieren und sie kritisieren, aber sie vergisst diese Dinge nicht, dafür hat sie sich zu leidenschaftlich eingebracht.“

Ganz typisch für sie ist das Loyalitätsproblem, das in den eigenen Worten von Hella Haasse vollständig zitiert wird, weil es von dieser scharf aber gleichzeitig anständig beschrieben ist: „Funken davon sieht man von Zeit zu Zeit unter der scheinbar gleichmäßig hellen Oberfläche der Persönlichkeit aufblitzen, die sie, aufrichtig nach würdevollem und anständigem Auftreten strebend, dem Zuschauer zeigt. Sie ist ein Mensch mit instinktivem, ihr ganzes Wesen in Aufruhr bringendem Abscheu vor Verrat, Unrecht, fehlender Loyalität. Sie hat ein starkes Bedürfnis Partei zu ergreifen, zu beschützen, zu verteidigen. Sie ist ohne Vorbehalte und mit Feuer und Flamme denjenigen zugetan, in denen sie bestimmte Charakterzüge, denen sie großen Wert beimisst, auf die Dauer bestätigt sieht. Sie ist nicht blind für deren Schwächen und Irrtümer, aber die können ihre Zuneigung nie beeinträchtigen, solange der Andere wesentliche Eigenschaften hat wie absolute Ehrlichkeit, zur Not bis hin zur Unbarmherzigkeit, oder das Vermögen, ritterlich eigenes Unrecht und eigene Schwächen zu akzeptieren oder eine Ausgeglichenheit, die sich daraus ergibt, dass sich jemand ernsthaft Rechenschaft gibt. Im Laufe der Jahre hat sie so eigene Maßstäbe entwickelt.“[2]


[1] H.S. Haasse u.a.: Beatrix 18 jaar. Uitgegeven ter gelegenheid van de achttiende verjaardag van H.K.H. prinses Beatrix, Amsterdam 1956, S. 11. 
[2] Haasse (wie Anmerkung 1), S. 13.

Autor: Jan Bank
Erstellt: Februar 2010