VII. Persönliche Note

1995 gedachten die Niederlande der Tatsache, dass der Zweite Weltkrieg vor einem halben Jahrhundert beendet worden war. Das bot den Anlass für eine Reihe von Gedenkveranstaltungen zu wichtigen Ereignissen aus diesem einen Jahr: zur Kapitulation der deutschen Besatzer und der Befreiung der Niederlande im Mai 1945; zur japanischen Kapitulation und der Befreiung von Niederländisch-Ostindien im August 1945; zur Ausrufung der Republik Indonesien durch die Nationalisten Sukarno und Mohammed Hatta auch im August 1945. Königin Beatrix nutzte diese Gelegenheit für drei Reden, in denen sie sich gerade nicht auf ein paar Gemeinplätze beschränkte, sondern zielstrebig nach einer zeitgenössischen Bewertung der historischen Tatsachen und Entwicklungen suchte.

Am 28. März 1995 sprach Königin Beatrix vor den Mitgliedern des israelischen Parlaments, der Knesset. Sie berührte auch das Thema der Naziverfolgung niederländischer Juden während des Zweiten Weltkriegs. „Wir wissen“, so die Königin, „dass viele unserer Mitbürger sich mutig – und manchmal mit Erfolg – dagegen zur Wehr gesetzt haben“ und den jüdischen Flüchtlingen einen Unterschlupf geboten haben. „Aber wir wissen auch, dass diese die Ausnahme waren und dass das niederländische Volk den Untergang seiner jüdischen Mitbürger nicht hat verhindern können.“ Das war ein königliches Wort in einer öffentlichen Debatte über die Frage, warum so verhältnismäßig viele Juden abtransportiert werden konnten.

Königin Beatrix besuchte Indonesien anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Republik. Sie kam nicht zum Unabhängigkeitsfest am 17. August 1995 nach Jakarta, sondern einen Tag später. In ihrer Tischrede zu dem Bankett, zu dem der indonesische Präsident Suharto sie empfing, sprach sie mit Umsicht über die Jahre 1945–1949, in denen sich Indonesien von der Kolonialherrschaft der Niederlande löste. Sie nannte es, wie schon ihre Mutter, Königin Juliana, eine tragische Geschichte in den Beziehungen zwischen beiden Völkern. Und sie bezeugte kein Bedauern über die Gewaltexzesse, die in diesem Kampf auf beiden Seiten verübt wurden. Hier wurde die Begrenztheit des königlichen Wortes sichtbar. In den Niederlanden war die Kontroverse über die Dekolonisation noch nicht abgeschlossen. Namentlich die Veteranen der Armee, die in den Jahren zwischen 1945 und 1949 nach Indonesien geschickt worden war, hatten sich einer Ansprache widersetzt, die ihre Aufgabe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, nicht berücksichtigte, wofür sie – hunderttausend Wehrpflichtige – einberufen worden waren und wofür ihre Kameraden ihr Leben gelassen hatten.

In ihrer Rede anlässlich des 50. Jahrestags der Befreiung der Niederlande am 5. Mai 1995 betonte Beatrix die Notwendigkeit von Toleranz in der Gesellschaft als eine Überzeugung, die man nach den Erfahrungen der Nazidiktatur gewonnen hatte. In ihrer Weihnachtansprache 2007 wiederholte sie diesen Aufruf. Es war eine implizite Kritik an dem scharfen Ton einer öffentlichen Diskussion, die in den Niederlanden nach dem Mord an dem Politiker Pim Fortuyn (2002) und dem Cineasten Theo van Gogh (2003) geführt wurde. Diese Diskussion handelte von der Integration von Anhängern des Islam in die niederländische Gesellschaft. „Wir sehen heutzutage eine Neigung, Gegensätze noch zu verschärfen“, so die Königin. „Grobheit in Wort und Tat beschädigt die Toleranz. Diskussionen entarten in verhärtete Fronten. In einer solchen Atmosphäre werden Menschen schnell als Gruppe über einen Kamm geschoren und werden Vorurteile für Wahrheit genommen. Damit erodiert der Gemeinschaftssinn.“

Reaktionen blieben nicht aus. Der politische Führer einer nationalliberalen Partei, Geert Wilders, fühlte sich in seinen Plädoyers gegen eine „Islamisierung“ der Niederlande angesprochen und forderte in der Zweiten Kammer Rechenschaft vom Ministerpräsidenten. Er scharte sich jetzt unter diejenigen, die eine zeremonielle Rolle der Königin und die Abschaffung ihres Titels als Regierungsoberhaupt und Präsidentin des Raad van State befürworteten.


Autor: Jan Bank
Erstellt:
Februar 2010