IV. Öffentliche Konflikte

Es fällt auf, dass Beatrix in den beiden wichtigsten Augenblicken ihres Lebens öffentlichen Widerspruch hervorgerufen hat und die symbolische Hauptfigur eines Aufstandes wurde. Das galt für ihre Eheschließung mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg am 10. März 1966 und das galt für ihre feierliche Amtseinführung als Königin der Niederlande am 30. April 1980. Beide Daten kennzeichneten in Amsterdam eine Zeit von Unruhe und Kampf, der sich größtenteils in der historischen Innenstadt abspielte. Der 10. März ist in die Geschichte eingegangen als der „Tag der Rauchbombe“; einem relativ friedlichen Mittel, das nicht mehr als sichtbaren Rauch produzierte und darum von den Fernsehkameras in einer Direktübertragung aufgenommen wurde. Der Rauch verteilte sich sozusagen in die zahllosen Wohnzimmer, in denen die Hochzeitsfeierlichkeiten aufmerksam verfolgt wurden. Der 30. April hat sich in das kollektive Gedächtnis als „Tag des Stadtkrieges“ eingebrannt, einer Feldschlacht vor allem zwischen den „Krakers“ und der Polizei. Während in der Nieuwe Kerk auf dem Dam in Amsterdam die Inthronisation der neuen Königin vollzogen wurde, durchdrang der Lärm von der Straße und das Geheul der Sirenen die Feierlichkeiten. [7]

Dass ein Abkömmling der Dynastie der Oranier einen deutschen Prinzen oder einen deutschen Adeligen heiraten wollte, war an sich kein Novum.[8] Die Familie hatte viele deutsche Wurzeln, die Großeltern und Eltern von Beatrix waren zum Teil von deutschem Blut. Außerdem bot die deutsche Aristokratie für die protestantische Dynastie eine gute Chance auf Erfolg. Es erwies sich allerdings als gewöhnungsbedürftig, eine solche Partnerwahl 1966 zu vollziehen, zwanzig Jahre nach der deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg. Beatrix stieß bei ihrer Liebe für Claus von Amsberg auf viel Unverständnis. Schnell wurde bekannt, dass er in seinen jungen Jahren Mitglied der Hitlerjugend gewesen war – eine mehr oder weniger erzwungene Mitgliedschaft – und dass er in der Wehrmacht Dienst getan hatte. Er hatte im letzten Kriegsjahr im Norden Italiens gekämpft. Es reichte nicht, dass Dr. Loe de Jong, der Spezialist für die niederländische Geschichte des Zweiten Weltkrieges, der die meiste Autorität genoss, und der zugleich Direktor des Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie war, erklärte, dass Claus nur seine (Dienst-)Pflicht erfüllt hatte und nicht in Exzesse verwickelt war. Nach seiner Position in der Diplomatie der Bundesrepublik und nach seinen politi-schen Auffassungen wurde erst gar nicht gefragt.

Die Verlobung von Beatrix und Claus wurde in einer Zeit bekannt gegeben, die durch eine öffentliche und kritische Besinnung auf die eigene Geschichte der Niederlande in der Kriegszeit gekennzeichnet war. Diese neue Bewertung fügte sich in ein Dezennium kultureller Umbrüche. Das Bild eines Volkes, das mit Ausnahme der Kollaborateure seinen Abscheu gegenüber dem nationalsozialistischen Regime und sogar Widerstand gezeigt hatte und das vor allem in einem Hungerwinter im letzten Kriegsjahr sehr leiden musste, zerbröckelte in zahlreichen kritischen Publikationen. In den sechziger Jahren wurde die Verfolgung der Juden in den Mittelpunkt der Diskussion über den Krieg gestellt. Das geschah unter dem Einfluss des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und durch ein erstes Standardwerk über die Geschichte der Deportationen in den besetzten Niederlanden. Die teilweise Gleichsetzung des Zweiten Weltkrieges mit dem Holocaust ist natürlich nicht auf die Niederlande beschränkt, es handelte sich um ein weltweites Phänomen. 1966 wurde dies zu einer schweren Belastung des Ehewunsches der Thronfolgerin in der niederländischen Monarchie.

Allein schon indem man eine Verknüpfung zum Zeitgeist herstellt, ist es begreiflich, dass die Wahl der Thronfolgerin eine solche Wirkung auslösen würde. Im Frühjahr 1965 war die Ankündigung ihrer Verlobung für eine Gruppe junger Leute in Amsterdam das Signal, sich zunehmend als Provo zu manifestieren und die etablierte Ordnung mit absurden Manifestationen herauszufordern. Diese wurden Happenings genannt, nach der in dieser Zeit populären Strömung bildender Künstler namens Fluxus. Die Losung bei diesen expressiven Veranstaltungen lautete „Klaas komt“; ein erwartungsvoller Ausruf zum Erscheinen von „Klaas“ mit einem impliziten Hinweis auf den Nikolaus, den Freund aller Kinder. „Klaas“ war tatsächlich gekommen, aber er hieß Claus, und das war nicht beabsichtigt.

Am Tage ihrer feierlichen Amtseinführung als Königin der Niederlande musste Beatrix wiederum Spießruten laufen. Zu diesem Zeitpunkt war der Jurist und Christdemokrat Andries van Agt Ministerpräsident. Er leitete zusammen mit dem jugendlichen Vizepremier Hans Wiegel eine Koalitionsregierung aus Christdemokraten und Liberalen, die 1977 nach einer der längsten und sicher unruhigsten Kabinettsbildungen nach dem Zweiten Weltkrieg zustande gekommen war. Der eigentliche Gewinner der Wahlen, den Sozialdemokrat Joop den Uyl, der politische Führer der Partij van de Arbeid, hatte es durch eine interne Radikalisierung seiner Partei nicht geschafft, eine neue Regierung mit einem linken Übergewicht zu bilden. Obwohl die Alternative des Kabinetts Van Agt und Wiegel in der Zweiten Kammer des Parlaments eine knappe Mehrheit hatte und außerdem eine Minderheit kritischer „Loyalisten“ in den christdemokratischen Reihen berücksichtigen musste, hatte sie sich als stabil erwiesen. Für Königin Juliana war das ein Anlass, um ihr Vorhaben abzudanken gerade in dieser Legislaturperiode zu realisieren. Sie wurde im dritten Jahr dieser Regierung, 1980, 70 Jahre alt. An ihrem Geburtstag, am 30. April 1980 wurde Beatrix in Amsterdam, der verfassungsmäßigen Hauptstadt, als Königin der Niederlande feierlich in ihr Amt eingeführt.

Der Tag der Thronbesteigung zeichnete sich durch eine umfassende Störung der öffentlichen Ordnung aus. Sie wurde später in der Öffentlichkeit als Stadtkrieg bezeichnet. Die Hausbesetzerbewegung der „Krakers“ – Bezeichnung einer Gemeinschaft von sehr individueller und sehr unterschiedlicher Zusammensetzung – hatte mit der Losung „Keine Wohnung, keine Krönung“ zu einem Protest aufgerufen. Der öffentliche Konflikt hing in der Luft. Zwei Monate zuvor war es in der Hauptstadt zu einer spektakulären Räumung gekommen, mit dem Einsatz von Militär und Militärfahrzeugen. Dadurch war die politische Auseinandersetzung über den Leerstand von Wohnungen in alten Stadtvierteln polarisiert worden. Dieser Höhepunkt erwies sich – rückblickend betrachtet – zugleich als Initialzündung. Während die Kraker-Bewegung in der öffentlichen Meinung durch die Exzesse in den Demonstrationen während der Krönung an Unterstützung verlor, wurde 1981 endlich das Gesetz über den Wohnungsleerstand verabschiedet, das einige wichtige Einwände beseitigen konnte.

Die Unruhen am Koninginnedag 1980 können als eines der Symptome der breiten Bewegung von Unruhe und Umsturz gesehen werden, die seit Mitte der sechziger Jahre die öffentliche Meinung und die Gemüter in den Niederlanden, in Europa und in den Vereinigten Staaten beschäftigten – ein Symptom ihres Endes. Denn war die Eheschließung von Beatrix und Claus 1966 im niederländischen Kontext ein wichtiges Signal der aufkommenden kulturellen Veränderungen gewesen, so wurde die Krönung von Beatrix sozusagen der Schlussstein dieser Entwicklung. Denn mittlerweile hatte sich der wirtschaftliche Wind gedreht. Die Zeit der Vollbeschäftigung und des fortdauernden wirtschaftlichen Wachstums war in der Mitte der siebziger Jahre beendet. Außerdem war die Diskussion über neue sittliche Normen in eine Phase der Polarisierung übergegangen. Eine Reihe neuer Auffassungen wie die Zulässigkeit von Abtreibungen, die Legalisierung bestimmter Formen von Sterbehilfe und die Aufhebung der Diskriminierung von Homosexuellen sollte gerade in diesen Jahren in der konkreten Gesetzgebung festgelegt werden.

Es gibt noch einen anderen Grund, die Störungen der öffentlichen Ordnung von 1980 in einen größeren Zusammenhang mit den Unruhen seit den sechziger Jahren zu bringen. Die Plädoyers für eine friedliche Koexistenz der Sowjetunion und ihrer Satelliten einerseits mit dem demokratischen und kapitalistischen System der Staaten an der Atlantikküste andererseits waren stärker geworden. Die Bereitschaft, sich auch für einen Kalten Krieg zu bewaffnen, nahm ab. Deshalb war der Beschluss der Regierungen der NATO, das bestehende Arsenal von Kernwaffen zu modernisieren, umstrittener als erwartet. Ende 1979 hatte die Regierung aus Christdemokraten und Liberalen in der Zweiten Kammer des Parlaments nur eine minimale Mehrheit für ihren „genialen“ Beschluss finden können, die Produktion von Kernwaffen zu unterstützen, aber einen Beschluss über die Stationierung dieser Waffen in den Niederlanden zu verschieben. Mitte 1981 sollte diese Verschiebung verlängert werden. Das Thema der Stationierung von Atomwaffen sollte in den achtziger Jahren tausende Demonstranten auf die Beine bringen.


[7] Im August 2008 ist in den Niederlanden eine Diskussion über den bürgerlichen Ungehorsam als Aktionsmittel der Kraker-Bewegung in den 1970er und 1980er Jahren entstanden. Anlass für diese Diskussion war ein Buch des Parlamentsmitglieds Wijnand Duyvendak (GroenLinks), in dem dieser über sein Leben als Kraker und Umweltaktivist schrieb. Duyvendak gab vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussi-on sein Parlamentsmandat auf. 
[8] Siehe hierzu aus das Dossier "Deutsche Prinzgemahle" von Friso Wielenga.

Autor: Jan Bank
Erstellt: Februar 2010