I. Einführung

Die Spekulationen über einen Wechsel an der Spitze des Hauses Oranien-Nassau haben ihre eigene Geschichte und Dynamik. Einige Wochen vor der jährlichen Feier des offiziellen Geburtstages von Königin Beatrix am 30. April 2008 erschienen in den niederländischen Medien Nachrichten über einen unerwarteten Zustrom von chinesischen Asylbewerbern. Zum Teil kamen sie über die Grenze, zum Teil tauchten sie aus der Illegalität auf. Einige Aufnahmestellen, die zuvor geschlossen worden waren, weil die Zahl der politischen Flüchtlinge in den Niederlanden seit Jahren sinkt, mussten wiedereröffnet werden, um die sage und schreibe 770 Chinesen unter zu bringen. Als sie danach befragt wurden, zeigte sich, dass sie in die Niederlande gefahren oder sich öffentlich gemeldet hatten, weil ihnen erzählt worden war, dass Königin Beatrix, nun 70 Jahre alt, in Kürze abdanken würde. Ihr ältester Sohn, Willem-Alexander, würde ihre Nachfolge antreten. Aus Anlass dieses Thronwechsels würden die Asylsuchenden, die sich in den Niederlanden aufhielten, sozusagen als Geste des guten Willens des neuen Königs, einen niederländischen Pass bekommen

Das Gerücht einer Generalamnestie für die Asylbewerber ist aus der Luft gegriffen, aber es ist sehr wohl bezeichnend für unterschwellige Erwartungen und Hoffnungen. Thronwechsel sind in der medialen, aber auch politischen Wahrnehmung von Monarchien entscheidende Wendepunkte, um die herum ein intensiver Prozess einer kommunikativen Neuaushandlung der Institution, ihrer Tradition und Relevanz zu beobachten ist. Dies gilt in besonderer Weise für die parlamentarische Monarchie der Niederlande, in deren politischer Kultur das Haus Oranien-Nausau eine Rolle einnimmt, die sich nicht nur auf repräsentative dynastische Funktionen beschränken lässt.

Die niederländische Monarchie wird 2013 genau zwei Jahrhunderte alt. Sie war eine Folge des napoleonischen Neuentwurfs der europäischen Landkarte. 1806 löste Bonaparte die Batavische Republik auf, die letzte Variante der republikanisch-föderalen Staatsform, die ihrerseits mehr als zwei Jahrhunderte Bestand hatte. An ihre Stelle setze er das Königreich Holland, das an das Königreich Westfalen grenzte, seinerseits auch schon eine napoleonische Schöpfung. Sein Bruder, Louis Napoleon, wurde König. Es war eines der vielen Königreiche, die der Kaiser von Frankreich schuf. Als Napoleon nach der Völkerschlacht bei Leipzig auch aus den Niederlanden vertrieben wurde, kehrte die Dynastie der Oranier im November 1813 aus dem englischen Exil zurück. Der Erbprinz nannte sich nun nicht mehr Statthalter Wilhelm VI. in der Republik der Sieben Provinzen, sondern reklamierte die Rechte eines Souveräns. Nach der Vereinigung mit Belgien 1814/15 auf dem Wiener Kongress avancierte er zu König Wilhelm I. des Königreichs der Vereinigten Niederlande. Im 19. Jahrhundert regierten drei sehr unterschiedliche Könige die Niederlande, im 20. Jahrhundert drei Königinnen. Nur zwei dieser Staatsoberhäupter starben in ihrem Amt. Sowohl die Großmutter als auch die Mutter von Beatrix haben ihre Amtszeit selbstständig beendet: Königin Wilhelmina 1948, Königin Juliana 1980.

Am Koninginnedag 2008 verbreitete das niederländische Fernsehen eine Untersuchung, aus der hervorging, dass ein Drittel der Befragten eine Abdankung von Beatrix vor oder im Jahr 2010 (wenn sie ihr dreißigjähriges Dienstjubiläum feiern könnte) erwartet. Die Zukunft der Monarchie erschien in diesem Augenblick gesichert. Denn eine besonders große Zahl (94 Prozent) war offensichtlich der Meinung, dass der Kronprinz Willem-Alexander und die Kronprinzessin Maxima sich gut auf ihre Rolle als König und Königin vorbereiteten. 80 Prozent der Befragten ließen die Untersucher wissen, dass sie einen König als Staatsoberhaupt unterstützten (NiederlandeNet berichtete).

Für einen Rückblick auf die Regierung von Königin Beatrix gab es inzwischen schon einige Anlässe. 2005 feierte sie, dass sie ein Vierteljahrhundert zuvor, am 30. April 1980, den Thron bestiegen hatte. Ihr siebzigster Geburtstag am 31. Januar 2008 war ein neuerlicher Anlass zu bilanzieren. Ihre Amtszeit bietet ungewöhnlich viel Licht und Schatten. Beatrix hat an zwei Höhepunkten ihres Lebens ungewollt auch Anlass zu Diskussionen und Polarisierung in der Bevölkerung gegeben: als sie 1966 den Deutschen Claus von Amsberg heiratete und während ihrer Thronbesteigung 1980 vor dem Hintergrund tiefgreifender sozialer und politischer Unruhen vor allem in Amsterdam. Tief traf sie der frühe Tod ihres Mannes, Prinz Claus, im Jahr 2002, der auf seine Weise, wenn auch im Hintergrund, eine wichtige Rolle in ihrer Amtswahrnehmung gespielt hat. Der Anschlag auf die Königliche Familie am Königinnentag 2009 in Apeldoorn (NiederlandeNet berichtete) zeigte die Verwundbarkeit nicht nur der Institution, sondern der Menschen, die sie ausmachen. Der Sportunfall ihres zweiten Sohnes, Prinz Friso, am 17. Februar 2012 (NiederlandeNet berichtete) war wohl die schwerste menschliche Prüfung in ihrem Leben.

Der allgemeine Tenor des Rückblickes ist, dass es Königin Beatrix gelungen ist, den außerordentlichen sozialen, politischen und gesellschaftlichen Wandel in der Gesellschaft der Niederlande und die damit verbundenen erheblichen Herausforderungen auf eine würdige, im letzten Teil ihrer Amtszeit auch zunehmend menschlich anteilnehmende Weise zu begleiten: nicht als moralische Instanz, sondern als ein Tradition und Gegenwart authentisch verkörperndes Staatsoberhaupt mit einem dezidierten Interesse an Modernisierungsoffenheit. Überall in ihrem Königreich genießt sie Respekt und Anerkennung. Ob Premier Mark Rutte mit der Bezeichnung der „Ikone“ zu einer treffenden Metapher gegriffen hat, mag man diskutieren. Zweifellos hat Königin Beatrix in den Jahren zwischen 1980 und 2013 ihrem Amt ein weitaus größeres politisches Gewicht verliehen als ihre Mutter Juliana.


Autoren: Jan Bank und Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt: Januar 2008
Aktualisiert: Februar 2013