III. Beatrix und ihre Eltern

Als die Schriftstellerin Hella Haasse die achtzehnjährige Beatrix 1956 porträtierte, waren ihre Eltern, Königin Juliana und Prinz Bernhard, in eine eheliche Auseinandersetzung verwickelt. Der Anlass war die Intervention einer Frau, Margaretha Hofmans (1894–1968), die spirituelle Fähigkeiten entwickeln konnte und der darum heilende Kräfte zugeschrieben wurden. Prinz Bernhard hatte sie in den königlichen Palast eingeladen wegen der Augenerkrankung seiner jüngsten Tochter, Prinzessin Marijke, jetzt Prinzessin Christina genannt. Sie hatte diese Erkrankung schon bei ihrer Geburt 1948. Das Auftreten von Frau Hofmans wurde ein Grund der Entfremdung zwischen der Königin und dem Prinzen. Während letzterer sich an dem Einfluss – namentlich dem pazifistischen Einfluss – den sie auf seine Ehefrau hatte, störte, fand die Königin, die einem liberalen Protestantismus zugetan war, aber auch persönliches Interesse für das Spirituelle hegte, in ihr eine Geistesverwandte. Diese persönliche Krise bekam die Dimension einer Hofkrise, als sich auch der Hofstaat in zwei Lager aufteilte. Dank der Intervention des damaligen Ministerpräsidenten, des Sozialdemokraten Willem Drees, konnte dieser Konflikt beigelegt werden, bevor er die Form einer Krise des Königshauses annehmen konnte.

Kronprinzessin Beatrix war in diese Krise nicht nur als Tochter mit einbezogen, sondern auch als mögliche Thronfolgerin, im Falle, dass die Krise zu einem mehr oder minder notgedrungenen Abdanken von Königin Juliana führen würde. Sie war 1956 immerhin 18 Jahre alt geworden. Die Greet-Hofmans-Affäre, wie diese Krise inzwischen genannt wird, ist inzwischen auch zu einem Thema gründlicher wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Königin Beatrix hat dem Historiker und Juristen Cees Fasseur dafür den Auftrag erteilt und ihm den Zugang zu den Akten im königlichen Hausarchiv (Koninklijk Huisarchief) ermöglicht. Das Ergebnis dieser Studie wird im November 2008 erwartet. [3]

Unter diesem Aspekt betrachtet, ist die Schlussfolgerung der Schriftstellerin Hella Haasse merkwürdig. „Zwischen Beatrix und ihrem Vater besteht eine enge Charakterverwandtschaft, ein Gleichgerichtetsein“, schreibt sie. „Er ist immer ihr Maßstab, ihr Vorbild gewesen. Mit einem Wort, einem Blick verstehen sie einander. Sie haben über Menschen und Dinge sofortiges, still-schweigendes Einvernehmen.“ Allerdings identifizierte sich die Tochter 1956 nicht mehr völlig mit ihrem Vater. „Emotional hängt sie zwar noch mit ihrem ganzen Wesen an ihrem Vater, vom Verstand her geht sie auf einen gewissen Abstand zu ihm und es fehlt ihr auch nicht an einer kritischen Einstellung ihm gegenüber.“ [4]

Das Verhältnis von Beatrix zu ihrer Mutter, Königin Juliana, war der Schriftstellerin nach 1956 „viel komplizierter“. Bevor sie darauf konkret einging, entschied sie sich für einen Umweg, eine allgemeine Bemerkung über das Verhältnis von Mutter und Tochter. „Eine gewisse Spannung zwischen Mutter und Tochter (vor allem, wenn diese Tochter auch das erste Kind ist), ein gegenseitiges Gefühl von Nicht-Begreifen und Nicht-Begriffenwerden scheint nahezu biologisch determiniert. Dazu kommen dann natürlich meistens auch Unterschiede in Charakter und Erziehung.“

„Die Königin hat eine Neigung zur Besinnlichkeit, zu einer intellektuellen Vorgehensweise, sie ist auch schüchterner und vorsichtiger. Beatrix zieht das Direkte, Unverblümte vor, sie sieht Ehrlichkeit noch lieber brüsk und unerbittlich als verwässert durch Takt oder Diplomatie oder einer nach ihrer Meinung übertriebenen Rücksichtnahme auf die Gefühle eines anderen. Letzteres impliziert allerdings nicht das Bedürfnis, jemanden wie auch immer zu verletzen, sie kann selbst gut einstecken und erwartet diese Härte auch bei anderen.“ [5]

Der Unterschied zwischen Mutter und Tochter ging noch weiter. Als Beatrix 1980 inthronisiert wurde, ist sie auf Distanz gegangen zum Charakter der Regentschaft ihrer Mutter. Sie lässt sich im Gegensatz zu ihrer Mutter mit „Majestät“ ansprechen. Der Hofstaat wurde kurz nach den Feierlichkeiten reorganisiert. Die äußerliche Darstellung der Monarchie wurde deutlich erhabener, allein schon weil Beatrix, die eine verdienstvolle Liebhaberin im Bereich der bildenden Kunst ist, großen Wert auf eine ästhetische Gestaltung ihrer Paläste und Räumlichkeiten legt. Sie achtet immer darauf, dass die fürstliche Dimension ihres Auftretens gewahrt bleibt und dass ihr nicht die Rolle einer celebrity aufgezwungen wird. Die Regisseure des niederländischen Fernsehens wissen nur zu genau, dass sie sich der Königin mit der Kamera würdevoll und nicht zu persönlich nähern dürfen.

Der Unterschied zwischen Mutter und Tochter soll aber auch nicht zu groß sein. Anlässlich ihrer Thronbesteigung verkündete Beatrix, dass der Geburtstag von Juliana, der 30. April, in Zukunft der offizielle Koninginnedag bleiben sollte. Und es gibt auch familiäre Solidarität. „Zwischen Eltern und Kindern“, so Hella Haasse, „gibt es immer, jenseits aller Konflikte, eine instinktive Solidarität, einen Stolz, wo es bestimmte Eigenschaften und Leistungen des einen oder des anderen betrifft, eine tiefe, nicht zu begründende Anhänglichkeit. Auf die Dauer ist dieses unbewusste Gefühl des Zusammengehörens stärker als Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse.“ [6]


[3] C. Fasseur: Juliana & Bernhard. Verhaal van een huwelijk 1936–1956, Amsterdam 2009. 
[4] Haasse (wie Anmerkung 1), S. 12.
[5] Haasse (wie Anmerkung 1), S. 12.
[6] Haasse (wie Anmerkung 1), S. 12f.

Autor: Jan Bank
Erstellt: Februar 2010