V. Die Rede zur Amtseinführung König Willem-Alexanders

Bereits im zweiten Absatz seiner ersten Ansprache als neues Staatsoberhaupt der Niederlande hob König Willem-Alexander in der Nieuwe Kerk die Verbindung zwischen der niederländischen Monarchie und der parlamentarischen Demokratie hervor: diese sei unauflöslich und garantiert durch die niederländische Verfassung.[1] Als die Voraussetzung, welche die Politik nicht schaffen kann, ohne die eine Demokratie aber nicht bestehen kann, benannte der König Vertrauen der Bürger in den Staat, aber auch des Staats in seine Bürger. Damit schlug er die Brücke zur letzten Weihnachtsansprache seiner Mutter, in der es unter anderem um die besondere Bedeutung der Wiedergewinnung von Vertrauen im Öffentlichen und Privaten gegangen war. „Darauf basiert ihre Autorität“, so der neue König. Der verfassungsgemäße Umstand, „dass der König keine politische Verantwortung hat, bedeutet nicht, dass er keinerlei eigene Verantwortung trüge“. Danach wandte er sich an seine Mutter, deren „eigenen Stil“ er vor allem dadurch charakterisiert sieht, nicht auf „flüchtige Popularität“ gesehen zu haben.

Die ersten Bemerkungen zu seiner Amtsauffassung begann er mit dem ebenfalls an seine Mutter gerichteten Satz „Ich trete nun in Deine Fußstapfen.“ Die gesellschaftliche Situation, in der er sein Amt ausfüllt, charakterisierte er ungewöhnlich deutlich und krisenbewusst: „Ich trete mein Amt in einer Zeit an, in der viele im Königreich sich verletzlich oder unsicher fühlen. Verletzlich, was ihren Arbeitsplatz oder ihre Gesundheit betrifft. Unsicher, was ihre Existenz oder ihr Lebensumfeld angeht. Dass die Kinder es einmal besser haben werden als ihre Eltern, erscheint nicht mehr so selbstverständlich wie früher.“ Gerade deshalb sah der König in der sozialen Zusammenarbeit zwischen gesellschaftlichen Gruppen und über nationale Grenzen hinweg die wichtigste Gegenwartsaufgabe, die gesellschaftliche Unterschiede nicht ignoriert, sondern als Grundlage des Sozialen akzeptiert: „Einheit und Vielfalt. Individualität und Anpassungsfähigkeit.“ Die eigentümlich Niederländische „erwächst aus dem Zusammenwirken all dieser Menschen, mit ihren Talenten, ob klein oder groß. Kreativität, Tatkraft und Offenheit sind schon seit Jahrhunderten unsere Stärke. Damit haben wir der Welt viel zu bieten.“ Als König sieht Willem-Alexander seine Aufgabe vor allem darin, Menschen dazu zu ermutigen, von ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen und das Gemeinwesen auf der Grundlage von Gleichheit mitzugestalten. Auf sein Amt fühlt sich Willem-Alexander durch Erziehung, nationale sowie internationale Erfahrungen, aber auch durch die Unterstützung seiner Frau, Prinzessin Máxima, gut vorbereitet.

Es mag manchen Beobachter so wie den Autor dieses Dossiers überrascht haben, dass König Willem-Alexander sich so deutlich zu einer von seiner Mutter besonders ausgestalteten Tradition bekannte: der aktiven politischen Mitwirkung des Staatsoberhaupts nicht nur in der gesellschaftlichen Diskussion, sondern im politischen Prozess. Sein Hinweis auf letztlich partizipationsgefährdende Prozesse der sozialen Ungleichheit als gesellschaftliche Aufgabe bekommt mitten in einer Euro-Krise, die sich schon längst zu einer aus unerträglich gewordenen sozialen Gegensätzen resultierenden politischen Krise Europas entwickelt hat, besondere Brisanz. Die Rede von den sozialen Tugenden der Zusammenarbeit bekommt vor dem Hintergrund dieses Szenarios erst ihre Bedeutung. Und das ist eine genuin politische Aussage und zugleich ein Appell an eine Gesellschaft, die in der Beschleunigung des sozialen Wandels Gefahr läuft, ihren Zusammenhalt zu verlieren. Ein bequemer, das Gewissen beruhigender König scheint Willem-Alexander nicht zu werden.


[1] Ab hier vgl. Ansprache Seiner Majestät König Willem-Alexander am 30. April 2013 in der Nieuwe Kerk in Amsterdam, Onlineversion.

Autor: Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt: Mai 2013