I. Einführung: Thronfolgen 1980 und 2013 und ihre Begleitumstände

In der autobiographischen Erinnerung König Willem-Alexanders an die Thronfolge seiner Mutter, Königin Beatrix, am 30. April 1980, dürften die schweren sozialen Unruhen und Krawalle in Amsterdam nur am Rande eine Rolle spielen. Und doch steht der Straßenkampf der Hausbesetzer- und autonomen Szene Amsterdams in exemplarischer Weise für das gesellschaftliche und politische Klima in der Anpassungskrise des vollentwickelten sozialen Wohlfahrtsstaats niederländischer Prägung, das von dem festlichen Ereignis im Haus Oranien und an der Spitze des niederländischen Staats nicht zu trennen war.

Die niederländische Realität des Jahres 2013 ist von der Anfang der 1980er Jahre so grundverschieden, dass man den Eindruck bekommen kann, die Oranier selbst sind im Vergleich dazu ein wesentliches Element der Kontinuität. Der steuernde Sozialstaat ist ebenso tiefe Vergangenheit wie die Mentalitätsschatten der politischen Versäulung. Und einige der krakers, der Hausbesetzer von damals,[1] sind heute wohlhabende Hausbesitzer in Amsterdamer Bestlage. Die politische Szenerie ist instabiler, der politische Markt versatiler geworden. Medienrevolution, Globalisierungsdruck und Enttraditionalisierung – auch die Folgen eines neuen politischen Populismus – haben seit den späten 1990er Jahren zu einer nicht mehr abreißenden Debatte über die niederländische Identität in Europa und der Welt geführt,[2] zu der das Königshaus seit jeher einen Beitrag leistet.

König Willem-Alexander wird mit seiner Amtsauffassung auf alle diese Herausforderungen eine authentische Antwort geben müssen, wenn er seinem Amt das Gewicht in der politischen Praxis erhalten will, das sich Königin Beatrix erarbeitet hat.[3] Dabei mag ihm zugutekommen, dass er sich mit dem von seinem Vater, Prinz Claus, übernommenen, sehr niederländischen Thema der Wasserwirtschaft ein Interessengebiet von besonderer Aktualität für die globalen Diskussionen um Nachhaltigkeit gesucht hat. Noch stärker als das nach 1980 von seiner Mutter gefordert wurde, wird sich König Willem-Alexander zur niederländischen Wahrnehmung weltweiter Problemlagen äußern müssen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, das kleine, traditionell stark international ausgerichtete Handelsland im europäischen Nordwesten sei im Grunde nicht viel mehr als eine Funktion und ein Produkt globalisierter Fluktuationen von Kapital, Arbeit, aber auch Risiken. Die Größe der integrativen und repräsentativen Aufgabe ist seit 1980 in einer heterogener, dynamischer und in vielerlei Hinsicht unberechenbarer gewordenen niederländischen Gesellschaft eher gewachsen – intellektuell und emotional.[4]

Königin Beatrix hat es verstanden, die „Oranier AG“ in einer Zeit des beginnenden Rückbaus nationalstaatlicher Strukturen und Denkweisen erfolgreich zu modernisieren und als Bestandteil des gesellschaftlichen Selbstbilds zu erhalten. König Willem-Alexander wird das Amt unter den Bedingungen einer Finanzkrise und der Neuverhandlung der soziopolitischen und sozioökonomischen Konsense im europäisch-atlantischen Kommunikationsraum neu definieren und dabei deutlich mehr Komplexität bewältigen müssen. Außerdem wird er daran gemessen werden, wie es ihm gelingen wird, die schon vorhandene und noch wachsende Diversität in der niederländischen Gesellschaft zu repräsentieren. Das ist nicht nur mit schönen Fotos der glücklichen königlichen Kernfamilie zu machen. Der König ist Staatsoberhaupt, nicht nur Repräsentationsfigur.


[1] Siehe hierzu Bank, Jan 2010: Beatrix: Aristokratin in einer Mediendemokratie, Kapitel IV, in: NiederlandeNet Onlineversion.
[2] Vgl. etwa Mak, Geert: Niederlande, München 2008.
[3] Vgl. Velde, Henk te: Oranien zwischen Staatsrecht und Mythos, in: NiederlandeNet, Onlineversion.
[4] Vgl. dazu Wielenga, Friso: Nederland in de twintigste eeuw, Amsterdam 2009, S. 283-314.

Autor: Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt: Mai 2013