IV. Die Amtsführung unter Königin Beatrix und ein Ausblick auf König Willem-Alexander

Historische Jubiläen und Besuche bieten seit der kommunikativen Nationalisierung der Monarchie unter Königin Wilhelmina eine wichtige Gelegenheit für das Staatsoberhaupt, den nationalen Diskurs mitzugestalten, im besten Fall: ihm eine besondere Bedeutung zu verleihen.[1] Einige markante Beispiele aus der Amtszeit von Königin Beatrix sollen hier herausgegriffen werden, weil sie zeigen, wie voraussetzungsreich und prekär der Prozess der medialen Konstruktion einer modernen Monarchie ist, die ihrem Selbstverständnis nach Repräsentation genau in diesem Sinn versteht. Sie begibt sich damit auf den Markt der Sinnstiftung und der Meinungsbildung, was gelingen kann, zugleich aber den Maßstab für jeden weiteren Amtsinhaber vorgibt.

Am 4. Oktober 1986 beendete Königin Beatrix offiziell die Arbeiten an dem bislang größten wasserbautechnischen Projekt in der Geschichte der Niederlande, den Deltawerken zur Sicherung des Rhein-Maas-Schelde-Deltas in Reaktion auf die verheerende Sturmflutkatastrophe des Jahres 1953.[2] Damit stellte sie sich in eine der ältesten niederländischen Kontinuitäten überhaupt, die der Auseinandersetzung mit der See – ein Thema, bei dem 1986 auch deutlich der Gesichtspunkt des Umweltschutzes und eines bewussteren Umgangs mit der natürlichen Lebensumgebung auftauchte. Das war im übrigen auch ein wichtiges Thema für Prinz Claus, der sich seit seiner Zeit im deutschen auswärtigen Dienst in Afrika dem Thema der globalen Wasserwirtschaft und -gerechtigkeit verpflichtet wusste.

Am 25. April 1991 war Königin Beatrix das erste ausländische Staatsoberhaupt, das der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung einen Staatsbesuch abstattete.[3] Mit Sinn für die symbolischen Gesten mitten in einem für die deutsche politische Kultur und erst recht für die westeuropäischen Nachbarn noch ziemlich unkalkulierbaren Vereinigungsprozess ließ sie sich nach einer Visite in Berlin unter anderem Potsdam zeigen, den zentralen Erinnerungsort für die preußisch-deutsche Geschichte einschließlich des „Tags von Potsdam“ am 21. März 1933, an dem sich Hitler demonstrativ in die preußische Tradition stellte.

Zur Erinnerung an den 50. Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung hielt Königin Beatrix am 5. Mai 1995 im Rittersaal in Den Haag eine Rede,[4] die in ihrer grundsätzlichen Bedeutung der Ansprache Bundespräsident Richard von Weizsäckers zum 8. Mai 1985 ähnelt. Sie mahnte an, dass sich ein an den Werten von Freiheit und Individualismus orientiertes Geschichtsbild immer wieder in der politischen Gegenwart bewähren müsse und nicht nur dazu da sei, in der Vergangenheit Gut und Böse zu unterscheiden.

Ebenfalls 1995 besuchte Königin Beatrix offiziell Indonesien und stellte sich mit einer Entschuldigung für geschehenes Unrecht in der kolonialen Vergangenheit und im Unabhängigkeitskrieg einem nationalen Trauma.[5] Kurz nach der eigenen Befreiung hatten die Niederlande in der Amtszeit ihrer Großmutter, Königin Wilhelmina, einen Kolonialkrieg zur Unterdrückung der indonesischen Unabhängigkeit geführt und verloren. Zu dieser Reise gehörten Mut und Taktgefühl.

Zehn Jahre später, aus Anlass ihres 25-jährigen Thronjubiläums und drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, Prinz Claus, ging Königin Beatrix in einem Fernsehinterview sehr deutlich auch auf die Schwierigkeiten und besonderen Anforderungen ein, die das Amt des Staatsoberhaupts in einer Monarchie mit sich bringt.[6] Diese Offenheit, sie sprach von einer Last des Amtes, trug ihr in der öffentlichen Wahrnehmung Respekt ein.

In ihrer Abschiedsrede am Abend des 29. April 2013 ordnete sie ihre Amtszeit nicht nur in die lange Freiheitstradition des niederländischen Staatswesens sowie der Vorbilder ihrer Großmutter und Mutter ein, der „streitbaren“ Königin Wilhelmina und der „pflichtbewussten“ Königin Juliana,[7] sondern setzte auch einen sehr persönlichen Akzent, indem sie die Entscheidung für ihren Ehemann, Prinz Claus, ihren „besten Beschluss“ nannte.[8]

Gerade diese im Fall von Königin Beatrix hart erarbeitete persönliche Transparenz im Umgang mit dem Amt und seinen Wirkungen auf den Amtsinhaber scheint etwas zu sein, was der neue König als einen Maßstab für seine Auffassung der Amtsausübung versteht und verstanden wissen möchte. Bemerkenswerte Offenheit zeigte Prinz Willem-Alexander bereits in dem Fernsehinterview vom 17. April 2013, in dem er sich zu seiner Amtsübernahme, den vorbereitenden Überlegungen in der königlichen Familie und zu seinen Vorstellungen von der Rolle der Monarchie äußerte: Unter anderem ging er bereitwillig und sehr persönlich auf Fragen zur Vorbereitung der Amtsübernahme ein und räumte ein, schon ein Jahr vor der öffentlichen Rücktrittsankündigung seiner Mutter von diesem Umstand gewusst zu haben (NiederlandeNet berichtete).

Dass Prinz Willem-Alexander Journalistenfragen zuließ, wie er sich selbst nach der Ankündigung des Thronwechsels gefühlt habe, und bereitwillig darauf antwortete, ohne sich hinter formelhaften Wendungen von Amt, Dienst und Pflicht zu verstecken, deutet auch eine neue Richtung in der Kommunikation an. Das gilt auch für seine Beschreibung, wie er die ihm bekannte Rücktrittsankündigung seiner Mutter vom 30. Januar 2013 mit seiner eigenen Familie vor dem Fernseher erlebte: Das ist ein weiterer Schritt in der Medialisierung der Monarchie, und die Frage stellt sich, welche Probleme sich aus gerade diesem neuen medialen, heutigen Sehgewohnheiten emotional scheinbar besonders gerecht werdenden Stil für eine Monarchie selbst ergeben. Monarchische Herrschaft welcher Form und Verfassung auch immer kommt ohne das Moment der Distanzwahrung, der Diskretion und des repräsentativ ausgeübten Takts nicht aus: Wie viel sollte man über den Gefühlshaushalt eines regierenden Monarchen eigentlich wissen wollen, der eben nicht nur ein Stück nationaler Dekoration, sondern Teil des politischen Prozesses ist? Würde man dem gewählten Premier auch solche oder ähnlich persönliche Fragen mit derselben Hingabe stellen?


[1] Vgl. Bank, Jan 2008: Beatrix: Aristokratin in einer Mediendemokratie, Onlineversion.
[2] Vgl. NOS: Koningin Beatrix sluit stormvloedkering, Onlinevideo.
[3] Vgl. NOS: Officieel bezoek Beatrix aan Duitsland 1991, Onlinevideo.
[4] Vgl. NOS: Koningin Beatrix houdt 5 mei-rede 1995, Onlinevideo.
[5] Vgl. NOS: Staatsbezoek Indonesië 1995, Onlinevideo.
[6] Vgl. NOS: Beatrix over de last van het koningschap (2005), Onlinevideo.
[7] NOS: Beatrix plaatst zich in traditie, Onlineversion.
[8] Ebd.

Autor: Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt: Mai 2013