I. Einführung

Der Zweite Weltkrieg und die Besatzungszeit zwischen Mai 1940 und 1945 hat sich nicht nur sehr in das kollektive Bewusstsein der Niederländer eingeprägt, sondern auch in zahllosen fiktionalen Publikationen im niederländischen Sprachraum niedergeschlagen. Mit etwa 1000 Romanen, Erzählungen, Tagebüchern und anderen Egodokumenten, Kinder- und Jugendbüchern, Theaterstücken und Spielfilmen ist der Zweite Weltkrieg zu einem der beliebtesten Themen der niederländischen Nachkriegsliteratur geworden. Neben einer (un-)glücklichen Jugend oder einer (un-)glücklichen Liebe oder auch der Kombination von beidem thematisiert die niederländische Nachkriegsliteratur nichts so sehr wie die Geschehnisse in und um den 2. Weltkrieg, sowie seine Auswirkungen. Es wird beabsichtigt an dieser Stelle eine kleine Übersicht der Veröffentlichungen in den Niederlanden zu geben. Die Literatur Belgiens und der ehemaligen Kolonien werden im Folgenden nicht berücksichtigt.

Der Krieg in den Niederlanden

In der Literatur der Niederlande sind der Krieg und die Herrschaft Nazi-Deutschlands über Europa zur Verkörperung des Bösen schlechthin geworden. Da die Niederlande - im Gegensatz zu Belgien - den 1. Weltkrieg nur als neutrale Zuschauer am Rande der Ereignisse miterlebt hatten, kam der Einmarsch der deutschen Besatzungstruppen am 10. Mai 1940 wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Als dann nach 5 Kriegstagen durch die Bombardierung von Rotterdam und der Anordnung weiterer Vernichtungsschläge auf die Bevölkerung die Kapitulation erzwungen wurde, die Königin und die gesamte Regierung nach London ausgewichen waren, befand sich die niederländische Bevölkerung in einem Schockzustand.
Am 19. Mai 1940 wurde das Land zu einem sogenannten "Reichskommissariat" unter der harten Führung des österreichischen Nationalsozialisten Arthur Seyss-Inquart. Die niederländischen Sender und Zeitungen wurden "gleichgeschaltet", die Parteien aufgelöst und das Parlament seiner Aufgaben enthoben. Die Judenverordnungen traten in Kraft.
Veröffentlichungen während des Krieges

Durch die erzwungene Mitgliedschaft aller Künstler in den Gilden, der durch die Nazis eingeführten "Kulturkammer", wurden auch die Schriftsteller zu einer Entscheidung genötigt: Entweder Anmeldung der Mitgliedschaft, wodurch sie auch weiterhin - zensuriert - publizieren durften, was aber gleichzeitig Kollaboration bedeutete, oder aber sie verweigerten ihre Unterschrift und durften nichts mehr veröffentlichen. Die meisten Autoren wurden keine Mitglieder der Kulturkammer und schwiegen 5 Jahre lang, oder, wie z. B. der Kommunist Theun de Vries, sie tauchten unter, beteiligten sich am Widerstand und publizierten heimlich. Er veröffentlichte 1944 die Novelle "De WA-man", das Porträt eines niederländischen Durchschnittsbürgers, der in die niederländische nationalsozialistische Partei, die NSB, eintritt und WA-Mann, d. h. Wehrabteilungsmann, wird. Mit dem Geld dieses und anderer illegal veröffentlichter literarischer Werke wurden die Angehörigen untergetauchter Künstler unterstützt. Die meisten dieser Publikationen -hauptsächlich Gedichte- waren Werke, die zum Widerstand gegen die Besatzung aufriefen oder ähnlich wie die illegalen Zeitungen das nationale Bewusstsein stärken sollten.

Publikationen nach Beendigung des Krieges

Die zwei bekanntesten niederländischen Veröffentlichungen über den Zweiten Weltkrieg sind wohl das 1946 zum ersten Mal erschienene "Tagebuch der Anne Frank", sowie der 36 Jahre später herausgegebene Roman "De aanslag" (Das Attentat) von Harry Mulisch. Beide Werke wurden auch außerhalb der Niederlande Bestseller: Das Tagebuch der jungen, im Jahre 1933 mit ihrer Familie aus Deutschland geflohenen Jüdin, die 1942 in Amsterdam untergetaucht und im August 1944 durch Verrat dennoch den nationalsozialistischen Verfolgern in die Hände gefallen ist, ist das bekannteste Werk in niederländischer Sprache. Es erschien 1950 erstmals in deutscher Übersetzung. Insgesamt gibt es 15 verschiedene Ausgaben in deutscher Sprache. Weltweit wurden mehr als 10 Millionen Bücher in mehr als 50 Sprachen verkauft.

Auch Harry Mulischs im Jahre 1982 erschienenes Buch "De aanslag" ist ein Bestseller. Es ist in den Niederlanden das wohl am häufigsten verkaufte Prosawerk der Nachkriegszeit und wurde bereits in 20 Sprachen übersetzt. Diese beiden populärsten Exponenten von niederländischem Boden zeigen das breite Spektrum der literarischen Verarbeitung der Besatzungszeit: Auf der einen Seite stehen da die ganz persönlichen Dokumente einer Jüdin mit gewissen literarischen Ambitionen, auf der anderen Seite die beinahe ausschließlich fiktive Form der Darstellung des Phänomens "Krieg" und seiner Folgen. Weiterhin ist charakteristisch für die niederländische Thematisierung des 2. Weltkrieges, dass in beiden Büchern Opfer der nationalsozialistischen Repression gezeigt werden, Anne Frank als verfolgte Jüdin und Anton Steenwijk als Opfer gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen der Besatzungsmacht und der niederländischen Widerstandsbewegung. Es ist bezeichnend, dass beide "Protagonisten" im jugendlichen Alter sind. Was bei Anne Frank biographisch bedingt ist, wird in auffallend vielen niederländischen literarischen Texten zum Stilmittel: Das Thema "Krieg" ist aus der Perspektive eines Kindes, bzw. Jugendlichen dargestellt.

Autorin: Marina Henselmans
Erstellt:
April 2004