IV. 1980 bis 2000

In der Fülle der Romane und Egodokumente, die vier Jahrzehnte nach Kriegsausbruch veröffentlicht werden, befinden sich auch immer häufiger Werke, die das Leben von Kollaborateuren und deren Familienangehörigen thematisieren. Am Eindruckvollsten ist das Dirk Ayelt Kooiman in dem Dokumentarroman "Montyn" (Montyn) aus dem Jahre 1982 gelungen.  Als wäre es eine journalistische Reportage, beschreibt Kooiman das abenteuerliche Leben des Künstlers Jan Montyn, der aus einem orthodox-calvinistischen Elternhaus stammt und durch seine Mitgliedschaft bei der Jugendbewegung der NSB in die niederländische Abteilung der germanischen Waffen-SS gelangt. Er überlebt schwer verletzt die Schützengräben Russlands, eine Schiffskatastrophe auf der Ostsee und die Bombardierung Dresdens, kann aber nach dem Krieg wegen seiner Kollaboration mit dem Feind nicht in seine Heimat zurückkehren. Es beginnt eine wahre Odyssee, die Montyn zu verschiedenen Kriegsschauplätzen in aller Welt führt. 1975 findet der inzwischen Fünfzigjährige seine innere Ruhe wieder und kehrt in seine Heimat zurück.

L. Ferron führt im gleichen Jahr in seinem Roman "Hör mein Lied, Violetta" einen Anti-Helden auf, der sehr ergreifende, persönliche Gründe dafür hat, im Krieg auf der falschen Seite zu stehen. Zahlreiche Veröffentlichungen thematisieren die Schicksale von Kindern von NSB-Parteimitgliedern, wie z.B. Ten Hoovens Roman "Lemmingen", aber auch Erinnerungen und Dokumentationen wie R. Rijkes "Niet de schuld, wel de straf" (Nicht die Schuld, wohl die Strafe) erscheinen in diesem Jahr.

Im Laufe der achtziger Jahre ist nicht nur das Interesse am Schicksal der Juden gewachsen, sondern auch das allgemeine Interesse am Zweiten Weltkrieg. Parallel dazu ist eine weitere Kriegsliteraturwelle festzustellen, die sich bis zur Jahrhundertwende fortsetzt. Eine Fülle von Tagebüchern, Memoiren und Briefen werden in dieser Zeit veröffentlicht. Höhepunkt ist zweifellos das Erscheinen von Etty Hillesums Tagebüchern aus den Jahren 1941-1943 und Briefen aus dem Durchgangslager Westerbork. Die unter dem Titel "Het verstoorde leven" 1981 veröffentlichten Tagebuchauszüge sind seit 1983 auch in einer deutschen Übersetzung erhältlich, allerdings unter dem übersetzten Titel ihrer Briefsammlung aus Westerbork (Das denkende Herz der Baracke). Diese in den Niederlanden 1982 herausgebrachte Briefsammlung ist womöglich noch eindrucksvoller als ihre Tagebücher. In den beiden Werken lesen wir, wie eine junge Frau unter den erbärmlichen Umständen der Judenverfolgung, Repression und Internierung über sich selbst hinauswächst. Für viele Niederländer, wie z.B. für den bekannten Historiker J. Presser, der selber Monographien zum Untergang der niederländischen Juden und einen Roman "Nacht der Girondijnen" (Nacht der Girondisten) geschrieben hat, sind die Aufzeichnungen Etty Hillesums die ergreifendsten Seiten, die jemals über den Zweiten Weltkrieg geschrieben wurden. Andere Tagebücher und Memoiren von Renata Laqueur, Phillip Mechanicus, Abel Herzberg, David Koker und Ivo Pannekoek verblassen neben ihrem Werk.

Ein weiterer Höhepunkte dieser Jahre ist der anfangs erwähnte Roman "De aanslag" (Das Attentat) von Harry Mulisch mit seiner zentralen Frage: Wer ist verantwortlich für das, was sich in einer Kriegssituation an Gewalttätigkeiten zwischen Widerstandskämpfern und Besatzungsmacht abspielt? Bis zum heutigen Tage ist das Verhältnis zwischen Widerstand und Kollaboration, zwischen Gut und Böse das dominierende moralische Thema in der niederländischen Literatur. Das beweist auch Tessa de Loos Roman "De Tweeling" (Die Zwillinge), von dem bis zum Jahrhundertende über 500.000 Exemplare verkauft wurden, und der nach seinem Erscheinen im Jahre 1993 bis heute eines der populärsten Bücher in niederländischen Leseclubs ist. Anhand der fiktiven Geschichte der Zwillinge Anna und Lotte, die 1916 in Köln geboren werden, aber getrennt in Deutschland und in den Niederlanden aufwachsen, ist nicht nur eine rege Diskussion in der Kritik über den literarischen Stellenwert des Buches aufgekommen. Da de Loo ein Plädoyer für gegenseitiges Verständnis halten wollte und darum erstmals den Krieg aus der Perspektive zweier ganz gewöhnlicher Frauen in Holland und Deutschland geschildert hat, hat sich auch für viele niederländische Leser das Bild des „häßlichen Deutschen“ einschlägig geändert.

Werke der zweiten Generation

Einige Autoren der Nachkriegsgeneration sprechen Probleme derjenigen an, die die Massenvernichtung nicht selbst miterlebt haben, aber dennoch dessen Opfer geworden sind. Carl (Caroline) Friedman wurde 1952 als Tochter eines Holocaust-Überlebenden geboren.  Ihre Erzählung "Tralievader" erschien 1991 und wurde schon zwei Jahre später unter dem Titel "Vater" in Deutschland veröffentlicht. Dieses viel beachtete Debüt beschreibt aus der Perspektive eines kleinen Kindes, wie die Erlebnisse des Vaters im KZ nicht nur ihn fürs Leben gezeichnet haben, sondern auch ihre Kindheit einschneidend beeinflusst hat. 110 000 Juden wurden von den Niederlanden aus deportiert, nur 6 000 überlebten, viele litten aber nach ihrer Rückkehr wie Friedmans Vater am KZ-Syndrom.

Auch im Werk von der Jessica Durlacher, Tochter van G. Durlacher, spielt der Krieg noch immer eine prominente Rolle, auch wenn sie augenscheinlich keine autobiografischen Elemente in ihren Roman "Het geweten" (Das Gewissen) hat einfließen lassen.

Autorin: Marina Henselmans
Erstellt: April 2004