III. 1960 bis 1980

In der Zeit von 1960 bis etwa 1977 ist es verhältnismäßig still im Bezug auf das Thema "Zweiter Weltkrieg". Abgesehen von einigen Tagebüchern von KZ-Häftlingen und der 1961 herausgegebenen Novelle "Het jongensuur" von Andreas Burnier (Knabenzeit) herrschte zwanzig Jahre lang Stille. Es gibt jedoch einen Schriftsteller, der aus der Reihe tanzt. 1974 debütiert Louis Ferron mit dem Roman "Gekkenschemer" (Verrücktendämmerung). 1975 setzt er seine Entstehungsgeschichte des Faschismus mit dem Roman "Het stierenoffer" (Die Opferung des Stieres), dass im Interbellum spielt, fort. Im darauffolgenden Jahr rundet Louis Ferron seine Trilogie mit dem "De Keisnijder van Fichtenwald" ab. Handlungsort ist hier das fiktive Arbeitslager Fichtenwald, eine Anspielung auf Buchenwald. In allen drei Romanen versucht Ferron die Entstehungsgeschichte des Faschismus in Deutschland unter Zuhilfenahme eines jeweiligen Außenseiters nachzuzeichnen. Er sieht dabei den Nationalsozialismus - oder wie er es nennt, den Faschismus - nicht als spezifisch deutsches Problem. Seinen postmodernistischen Romanen sind in den Niederlanden nie hohe Auflagenquoten beschert worden.

1978 erschien in Den Haag - von den Literaturkritikern relativ unbeachtet - Jona Oberskis Novelle "Kinderjaren" (Kinderjahre; 1980 auch in Deutschland erschienen), die erst durch die internationale Aufmerksamkeit, vor allem in den angelsächsischen Ländern, auch im eigenen Lande Anerkennung fand. Harold Pinter erklärte die englische Version zum besten Buch des Jahres 1983, weitere Lobeshymnen kamen von Alan Sillitoe, Isaac Singer, Chaim Potok und Heinrich Böll. Dieses Buch beschreibt in einfachen, kindlichen Worten das Alltagsleben eines drei bis sieben Jahre alten Jungen im Konzentrationslager und beruht auf den eigenen Erfahrungen des jüdischen Autors im KZ Bergen-Belsen.

Warum erst jetzt die Fülle der Publikationen?

In den siebziger Jahren, wie in den folgenden achtziger und neunziger Jahren erschienen immer mehr Bücher mit persönlichen Erinnerungen von Juden, die den Holocaust überlebt hatten, wie z.B. "Strepen aan de hemel" (Streifen am Himmel, 1988) von Gerhard Durlacher einem gebürtigen Deutschen, der mit seiner Familie vergeblich vor dem Nazi-Regime geflohen ist. Durlacher wäre, wie er selbst gesagt hat, nie zum Schriftsteller geworden, wenn er nicht im KZ gesessen hätte. Das Buch ist eine Kombination persönlicher Erinnerungen und allgemein-geschichtlicher Essays geworden.

Wie viele Schicksalsgenossen sah er es als seine Pflicht, denjenigen, die den Holocaust nicht überlebt hatten, durch sein Schreiben ein Denkmal zu setzen und die Nachwelt zu warnen. Das lange Schweigen dieser Menschen beruhte auf mindestens zwei Faktoren: zum einen war es nötig, Abstand von den schrecklichen Erinnerungen zu gewinnen, damit es zu einer Verarbeitung des Geschehenen und des erlittenen Verlusts kommen konnte. Zum anderen war in den Jahren gleich nach dem Krieg das Interesse der Niederländer am Holocaust relativ gering. Sie brachten den jüdischen Überlebenden ziemlich wenig Verständnis und Mitgefühl entgegen. Es ist auffallend, dass sowohl Minco, als auch Oberski und Durlacher ihre Erinnerungen literarisieren. Sie präsentierten ihre Werke, mit nur einigen literarischen Kunstgriffen versehen, ausdrücklich als Fiktionen.

Autorin: Marina Henselmans
Erstellt: April 2004