II. 1945 bis 1960

Das literarische Klima der Niederlande wurde nach Kriegsende durch die Nachwirkungen der Ereignisse zwischen 1940 und 1945 geprägt, doch sind hierbei gewisse Wellenbewegungen in Bezug auf das Interesse der Autoren- und Leserschaft an diesem Thema erkennbar. Kurz nach dem Krieg erhielt eigentlich nur "Het achterhuis", das Tagebuch der Anne Frank, ein nennenswertes Maß an Aufmerksamkeit, die auch andere, fiktionale Werke aus dieser Zeit, wie z. B. Simon Vestdijks Roman über eine Gruppe niederländischer Untergrundkämpfer "Pastorale 1943", verdient hätten. Die Restauration der Vorkriegsgesellschaft hielt die konservativen Kräfte, die das zerstörte Land auf die Beine brachten, im Bann. Alles war auf den Wiederaufbau konzentriert, niemand wollte zurückschauen und über den Krieg lesen. Zur Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges in der fiktiven Prosa der Nachkriegsjahre bietet sich eine thematische Zweiteilung an:

  • Die eine Richtung thematisiert den Terror, die Unterdrückung, den Widerstand und die Befreiung.
  • Die andere Richtung benutzt den Krieg als Hintergrund für philosophisch vom populären französischen Existentialismus beeinflusste literarische Werke.

Zur ersten Richtung zählt Theun de Vries "Het meisje met het rode haar" (Das Mädchen mit den roten Haaren), der damit im Jahre 1956 der Untergrundkämpferin Hannie Schaft ein Denkmal setzte, und das ein Jahr später erschienene Erstlingswerk Marga Mincos "Het bittere kruid" (Das bittere Kraut).  Diese Novelle beschreibt aus der Sicht eines jungen Mädchens die Unterdrückung der Juden während der Besatzungszeit. Das Überleben und das Weiterleben nach dem Krieg beschäftigt die Autorin in zahlreichen anderen Romanen bis zu ihrem Tod.

Der bekannteste Vertreter der zweiten Richtung ist W. F. Hermans. Mehrere seiner Romane und Novellen spielen während des Zweiten Weltkriegs, wobei Krieg und Besatzung die ideale Kulisse für die Darlegung seiner philosophischen Weltanschauung bilden. In Zeiten des Chaos verliert der Mensch seine Fassade und sucht vergebens nach einer Ordnung oder nach der Wahrheit. In seinem 1949 erschienenen Roman "De tranen der acacia's" (Die Tränen der Akazien) sind Betrügereien und Missverständnisse an der Tagesordnung, zusätzlich wird die Integrität des organisierten Widerstands in Zweifel gezogen. 1958 kam dann von ihm "De donkere kamer van Damocles" (Die Dunkelkammer des Damokles)  heraus. Dieser Roman gilt allgemein als einer der unbestrittenen Höhepunkte dieses Autors. Es liest sich wie ein spannender Kriegsroman über Kollaboration und Illegalität. Durch die außergewöhnlich raffinierte Erzähltechnik, die Einführung des Doppelgänger-Motivs und die Ambiguität der auf der Wirklichkeitsebene vermittelten "Tatsachen" bleibt der in die Irre geführte Leser bis zum Ende auf der faszinierenden Frage sitzen: Ist die Hauptfigur nun ein Widerstandskämpfer oder ein Verräter?

Das dritte Buch, das jahrzehntelang das Bild der Niederländer vom Zweiten Weltkrieg prägen sollte, ist "Het stenen bruidsbed" (Das steinerne Brautbett) von Harry Mulisch. Es wurde zuerst 1959 veröffentlicht und ist ein weiterer Höhepunkt niederländischer Nachkriegsliteratur. In diesem Roman thematisiert der gebürtige Harlemmer bereits sein persönliches Dilemma: Harry Mulisch wurde 1927 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines mit den Deutschen kollaborierenden höheren Bankangestellten aus der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie geboren. In diesem Buch bringt er ein moralisch-ethisches Dilemma zur Sprache, das ihn immer wieder fesselt: Die Frage nach der Schuld und der Eigenverantwortung des Individuums.

Autorin: Marina Henselmans
Erstellt: April 2004