Die niederländische Literatur


VII. Helga van Beuningen: Die deutsche Stimme von Cees Nooteboom

Cees Noteboom
C. Nooteboom (1983), Quelle: Anefo/NA (932-7892)

Helga van Beuningen ist die deutsche Stimme von Cees Nooteboom. Und eine wichtige Wegbereiterin für die niederländische Literatur in Deutschland. „Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen.“ Irgendwo auf Buchseite zwei, ganz klein, unter dem Autorennamen, steht ein Vermerk. Der Name einer Übersetzerin, von dem der Leser selten Notiz nimmt. Denn der Leser liest Cees Nooteboom, nicht Helga van Beuningen. Ihr Beruf ist nichts für eitle Seelen: Das Übersetzen ist ein bescheidenes Kunstwerk, mit dem man sich keinen bekannten Namen macht – allenfalls etwas Ehre erfährt.Helga van Beuningen genießt einen stillen Erfolg. Sie gilt als die deutsche Stimme niederländischer Schriftsteller: Cees Nooteboom, A.F.Th. van der Heijden, Margriet de Moor, Marcel Möring, F. Springer. Sie alle finden durch van Beuningens Feder zum deutschen Leser.

100 Seiten pro Monat

Wir besuchen sie in Bad Segeberg. Ganz oben im Norden, zwischen Hamburg und Lübeck, arbeitet Helga van Beuningen abgeschieden vom Trubel der Welt. Vertieft in ihre Werke, begibt sie sich täglich auf eine immerwährende Suche nach den passenden Worten und Satzklängen. Helga van Beuningen sagt, dass sie sehr „pingelig“ sei. Und das ist nicht die schlechteste Eigenschaft im Dickicht der Druckwerke. In ihrem sonnigen Arbeitszimmer sperrt sie sich den ganzen Tag ein. Übersetzt jeden Monat 100 Seiten. In der Einliegerwohnung einen Stock tiefer arbeitet ihre Freundin Hanni Ehlers. Auch sie übersetzt niederländische Schriftsteller: Leon de Winter und Connie Palmen.

Jeder Verlag hat auf einmal einen Niederländer im Programm

Helga van Beuningen (58) stand an der Wiege des Erfolges niederländischer Autoren in Deutschland. Mit ihrer Übersetzung des Nooteboom-Klassikers „Die folgende Geschichte“ löste sie 1991 einen „Nooteboom-Boom“ aus, in dessen Kielwasser eine ganze Heerschar niederländischer Autoren den Weg in die deutschen Buchhandlungen fand. „Jeder Verlag hatte auf einmal seinen Niederländer im Programm“, sagt Helga van Beuningen, die stolz darauf ist, diese Entwicklung mit angeregt zu haben. In keinem anderen Land werden heute so viele Niederländer gelesen wie in Deutschland: Cees Nooteboom, Harry Mulisch, Leon de Winter, A.F.Th. van der Heijden, Maarten ´t Hart - sie sind nur der Rahm eines reichen Reservoirs an schriftstellerischem Potenzial.Der Erfolg hat viele Gründe. Für Helga van Beuningen schreiben die Autoren „frisch und lebendig“. Die Sprache sei „weniger verkopft“, als die deutsche. Und gerade das möge der Leser. „Niederländer können so schön erzählen“, sagt sie.

Zauberwort „Wirkungsäquivalenz“

Und Helga van Beuningen erzählt nach. Das Übersetzen sei eine eigene Kunstform. So dicht wie möglich an der Ursprungsform des Textes zu bleiben und dennoch den richtigen Ton der Geschichte zu treffen, das ist die Kunst. „Wirkungsäquivalenz“ lautet das Zauberwort, so van Beuningen. Wie ein Chamäleon in die Haut des Schriftstellers schlüpfen und einfach alles auf Deutsch niederschreiben. Klingt ganz einfach und ist doch so schwer. Bei der atemberaubenden Sprachfülle eines A.F.Th. van der Heijden sei diesem Anspruch fast nicht zu genügen. Die Übersetzung seines vielbändigen Zyklus „Die zahnlose Zeit“ sei ein „großer Kampf“ gewesen. Eine Herausforderung für die erfahrene Sprachexpertin: „Er war mein Angstgegner“. Van der Heijden sei ein „genialer Schriftsteller“. Zwar empfand sie ursprünglich keine hundertprozentige literarische Affinität zu seinen Werken, „aber die Bewunderung für ihn wächst mit jeder Übersetzung.“ Van der Heijden habe eine enorme sprachliche Kraft, ziehe ständig alle Register und stelle sie manchmal vor fast unlösbare Aufgaben. Auf wenigen Seiten wechseln Amsterdamer Dialekt, philosophische Dialoge und Gossensprache einander ab. Das alles in einem atemberaubenden Tempo. „Man kann sich ihm nur annähern“, sagt van Beuningen. Einer Rohfassung folgen mindestens drei Überarbeitungen. Und immer noch wird sie das Gefühl beschleichen, dass sie ihre anspruchsvollen Ziele nicht erreicht hat.

Mutiger Schritt in Freiberuflichkeit

Helga van Beuningen wusste immer, was sie wollte. „Irgendetwas mit Sprachen und auf gar keinen Fall Lehrerin.“ Nach dem Studium zur Diplom-Übersetzerin für Englisch und Niederländisch in Heidelberg kam für sie die Berufung als Lektorin an die Universität. 15 Jahre hat sie das gemacht. 1984 entschloss sie sich, ihrem Mann nach Bad Segeberg zu folgen, und wagte dort den Schritt in die Freiberuflichkeit. Sie übersetzte anfangs alles was ihr angeboten wurde. Von „Ich erwarte ein Baby“ bis „Tausend Zimmerpflanzen“. „Ich habe richtig Klinken geputzt“, erzählt Helga van Beuningen. Viel Reiseliteratur habe sie übersetzt. Erst sehr viel später hat sie sich ganz der Literatur verschrieben.

"Zu dicht ist tödlich"

Ihre erste namhafte niederländische Autorin war Renate Rubinstein. Der Suhrkamp Verlag ist auf sie zugekommen und hat sie gefragt. Für van Beuningen war es direkt die große Leidenschaft. Und für die „Leseratte“ in ihr genau der richtige Beruf. Heute übersetzt van Beuningen ausschließlich niederländische Literatur und konzentriert sich auf sechs Autoren. Von Nooteboom hat sie 18 Bücher übersetzt und hunderte Zeitungsartikel. „Helga ist meine deutsche Stimme“, sagt Nooteboom und das macht sie zufrieden. „So soll es im Idealfall sein“. Helga van Beuningen hat nie in den Niederlanden gelebt. Und nach Möglichkeit möchte sie den Abstand zu den Niederlanden wahren. „Zu dicht ist tödlich“, sagt sie. Die Sprachen seien sich doch sehr ähnlich.

Nicht dicht genug kann ihr allerdings der Kontakt zu den Schriftstellern sein. Regelmäßig löchert sie die Autoren mit Detailfragen und zwingt sie so noch einmal über den Text nachzudenken. Reinreden lässt sich van Beuningen in ihre Arbeit nicht mehr: „Ich versuche zu vermeiden, dass sich meine Autoren als Lehr- und Schulmeister aufspielen“. Die boomenden Jahre sind fürs Erste vorbei. In den letzten zehn Jahren war van Beuningen fast immer zwei Jahre im Voraus ausgebucht: „Ich hätte jeden Tag 60 Stunden arbeiten können“. Das Werk Nootebooms sei nun komplett übersetzt. Zurzeit arbeitet sie wieder intensiv an Van der Heijden. Engelenplaque, Tagebuchfragmente aus den Jahren 1966-2003, steht vor dem Abschluss, dann geht es an die Movo Tapes. „Ich brenne schon darauf“, sagt sie und sieht mit Spannung ihrem nächsten Kampf entgegen.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2004


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