Transit Niederlande – Deutsche Künstler im Exil


IV. Aufenthalt

Klaus Mann, der älteste Sohn von Thomas Mann, gehörte zwar derselben Generation wie Kurt Lehmann und Elisabeth Augustin an, seine Umstände sind allerdings ganz anders: 1925 hatte er mit 19 Jahren seinen ersten Roman Der fromme Tanz veröffentlicht. Davor das Bühnenstück Anja und Esther, dem weitere Theaterstücke folgten, sowie einen Roman über Alexander der Großen, weitere Romane und unzählige Essays, Portraits und Buchvorstellungen. Klaus Mann hatte sich einen Namen gemacht, und auch die Namen seines Vaters und seines Onkels Heinrich öffneten ihm Türen, schafften Kontakte. In Deutschland ist er nach wie vor ein bekannter Autor.

Der fromme Tanz
Klaus Manns Der fromme Tanz, Quelle: H.-P. Haack/cc-by

Im März 1933 war Klaus Mann von München aus nach Paris geflüchtet. Bald nach seiner Ankunft hatte er die Idee, eine Zeitschrift zu gründen. Die französischen Verlage zeigten sich allerdings reserviert. Stattdessen bot sich ihm der Querido Verlag an. Im September erschien in Amsterdam das erste Heft. Um was es sich dabei handeln sollte, kündigte Klaus Mann im Geleitwort an:

Diese Zeitschrift wird der Literatur dienen, das heißt: jener hohen Angelegenheit, die nicht nur ein Volk betrifft, sondern alle Völker der Erde. Einige Völker aber sind so weit in der Verirrung gekommen, dass sie ihr Bestes schmähen, sich seiner schämen und es im eigenen Lande nicht mehr dulden wollen. In solchen Ländern wird die Literatur vergewaltigt; um sich der Vergewaltigung zu entziehen, flieht sie ein solches Land. […]

Sammeln wollen wir, was den Willen zur menschenwürdigen Zukunft hat statt dem Willen zur Katastrophe; den Willen zum Geist statt dem Willen zur Barbarei und zu einem unwahren, verkrampften und heimtückischen «Mittelalter»…[1]

Die Sammlung umfasste nahezu alle bedeutsamen Exilautoren, beschränkte sich jedoch nicht nur auf sie. Mit André Gide, Jean Cocteau, André Maurois oder René Crevel lieferten auch englische, italienische und niederländische Schriftsteller Beiträge.

Klaus Manns Reise nach Amsterdam war also nicht das Ziel einer Flucht, wie für die meisten anderen Emigranten, die in die Niederlande kamen. Vielmehr war sie die Anreise zu einer neuen Aufgabe, zu einem neuen Job. In den nächsten zwei Jahren – solange bestand die Sammlung – versuchte Klaus Mann mit ihr, dem Exil eine intellektuelle, literarische Stimme zu geben. Heute gilt dieser Versuch, als DIE Exilzeitschrift schlechthin.

Die im April 1934 erscheinende Ausgabe widmete sich den Niederlanden. Der aus Berlin stammende Schriftsteller Wolfgang Cordan beriet Klaus Mann bei der Auswahl der einheimischen Autoren. Neben jeweils einem Essay über die niederländische Literatur, das niederländische Theater und die zeitgenössische Musikszene, fand sich darin ein Beitrag Menno ter Braaks. Darüber hinaus war der Autor A. den Doolaard mit seiner Erzählung Ogaru der Räuber vertreten, Jan H. de Groot und Halbo C. Kool stellten jeweils ein Gedicht zur Verfügung.

Neben seiner Tätigkeit als Herausgeber arbeitete Klaus Mann an eigenen Romanen. Oft im Gegensatz zu den meisten anderen in den Niederlanden das Ende des Nationalsozialismus in Deutschland herbeisehnenden Künstlern, hatte Klaus Mann Verbindungen zu Verlegern, Künstlern, Schriftstellerkollegen – und er hatte keine wirklichen Geldsorgen. Er hatte Freunde und niederländische Bekannte, mit denen er in den Cafés von Amsterdam saß und speiste, mit denen er ins Kino, Theater oder an die Nordsee zum Baden ging. Als ihm 1934 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, und er damit keine regulären Papiere mehr besaß, um Grenzen passieren zu können, beantragte er den niederländischen Fremdenpass, der ihm, schließlich auch gewährt wurde. Klaus Manns Leben war kein sorgenfreies Leben, gewiss nicht, doch die existentiellen Sorgen, denen die meisten seiner Kollegen ausgesetzt waren, teilte er nicht. 1939 verließ er zum letzten Mal vor dem Krieg Amsterdam. Bei sich hatte er ein Manuskript. In Amsterdam begonnen, sollte er später auf das Deckblatt schreiben. Es war das Manuskript des Vulkans, seines letzten vollendeten Romans. Amsterdam spielt darin eine Rolle, und es ist nicht das Amsterdam eines (zunächst) erfolgreichen Zeitschriftenmachers und Literaten. Es ist das Amsterdam von Benjamin Abel. Bis man ihn entlassen hat, war er in Bonn Literaturprofessor:

Er saß im Freien, vor einem Café am Leidsche Plein. Es war angenehm, draußen zu sitzen; nach einem Junitag, der hochsommerlich heiß gewesen war, brachte die abendliche Stunde willkommene Kühle. Von seinem Platz aus konnte Abel sehen, wie vor der ‚Stadsschowburg’ die schweren Automobile hielten und wie die Damen in Abendmänteln, die Herren mit den gestärkten weißen Hemdbrüsten sich am Portal drängten. Es gab eine festliche Opernaufführung. Mozart, Abel hatte Lust gehabt, hinzugehen. Es wäre hübsch gewesen, den ‚Figaro’ einmal wieder zu hören, warum habe ich mir eigentlich kein Billet besorgt – dachte er. Aber dann: Nein, ich muss sparen; Gala-Abende in der Oper zu frequentieren, das entspricht keineswegs meinen Verhältnissen. – Es lag ihm daran, sich selbst glauben zu machen, dass er nur aus Gründen der Ökonomie auf den Mozart verzichtet habe. In Wirklichkeit hinderten ihn andere Gefühle an einem Theaterbesuch, wie an jeder geselligen Veranstaltung. Er wagte sich nicht unter Menschen. Die Idee, sich unter festlich geputzten Leuten bewegen zu müssen, war ihm unerträglich, ‚Ich passe nicht in diese Gesellschaft, die reich, fröhlich und sorglos ist’, empfand er gramvoll. ‚Ich bin gezeichnet, ich trage das Mal. Man hat mich nicht haben wollen in meiner Heimat, hat mich zum Paria degradiert. Ich bin kein Vergnügungsreisender, sondern ein Flüchtling. Es wäre taktlos, eine grobe Taktlosigkeit wäre es, in meiner Situation an Festlichkeiten der Fremden teilzunehmen.’[2]

Vor allem aufgrund des Engagements der Verlage Allert de Lange und Querido galten die Niederlande und zuvorderst Amsterdam heute neben Paris und New York als das Zentrum der anderen, der demokratischen, freien deutschen Kultur und Literatur dieser Jahre.

Ping Pong

Die Schriftsteller schrieben ihre Erinnerungen auf, ließen ihre Erfahrungen in ihre Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte einfließen, doch diese Chronisten waren nicht die einzigen Künstler, die ins niederländische Exil gingen:

In den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren waren Touristen aus der ganzen Welt nach Deutschland gekommen. Hunderte Amüsierbetriebe, Bars, Bühnen, Filmtheater und Tingeltangel hatten Berlin zur Hauptstadt des Vergnügens, und den Rest Europas zur Provinz gemacht.

Auch von den Niederlanden aus hatte man nach Berlin geschaut, auch in Amsterdam und Den Haag waren Zirkus, Kabaretts, Revuen, Operetten und Tanztheater von der Spree der Inbegriff der leichten Unterhaltung und, da Theaterbesitzer und Kurhausdirektoren im eigenen Land nichts vergleichbares fanden, kamen sie nach Deutschland und engagierten dort Soloprogramme und ganze Revuen. Bis zum Krieg hatte „das Deutsche“ noch einen so guten Ruf, dass viele Niederländer bereit waren, für deutschsprachige Unterhaltung zu zahlen, und so wurden niederländische Großstädte und Seebäder zur beliebten Station deutscher Sänger und Komödianten wie Richard Tauber, Hans Albers, oder den Comedian Harmonists.

Diese Erfahrungen und Erfolge machten nun die Niederlande für die zu Hause mit Auftrittsverboten belegten Schauspieler und Unterhaltungskünstler zu einem bevorzugten Ziel der Emigration. Eine der ersten Gruppen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Amsterdam kam, ist die Kabarettgruppe Ping Pong, allen voran Dora Gerson und Kurt Egon Wolff.

Bereits am 6. Mai 1933 eröffnete das Ping Pong im Amsterdamer Rika Hopper-Theater mit einem ersten Programm. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit Faschismus und Antisemitismus in Deutschland schlugen die Mitglieder politische Töne an. Als Halbweltdame zurechtgemacht, beendete etwa die Schauspielerin Julia Markus ihre Interpretation eines Walzers mit dem Aufsetzen einer Gasmaske.

Der Erfolg blieb allerdings aus. Die niederländischen Zuschauer wollten unterhalten und nicht mit Problemen von ausländischen Flüchtlingen belästigt werden. Auch weil es untersagt war, das Staatsoberhaupt eines befreundeten Landes zu beleidigen und man es auf gar keinen Fall mit der Polizei zu tun haben wollte, beschlossen Dora Gerson und Kurt Egon Wolff, wieder auf die bewährte leichte Unterhaltung zu setzen.

Zu dieser Entscheidung trug noch ein weiterer Grund bei: Anders als viele Schriftsteller, waren Gerson und Wolff nicht aus politischen Gründen geflüchtet, sondern weil man sie als Juden in Deutschland mit Auftrittsverboten belegt hatte. Die Mitglieder des Ping Pong gehörten eher dem Bürgertum an und wollen nicht unbedingt in Verbindung mit den sozialistischen und kommunistischen Exilanten gebracht werden, die ihre Lebensaufgabe darin sahen, den Nationalsozialismus offensiv zu bekämpfen. Ihr Ziel war es vielmehr, einem breiten Publikum zu gefallen und von ihren Einnahmen zu leben.

Als die Truppe im August 1933 ihr zweites Programm vorstellte, trug sie unpolitische Lieder von Brecht, Holländer und von dem neu hinzugetretenen Komponisten, Texter und Sänger Curt Bry vor, der in Deutschland nie bekannt wurde, wohingegen man seine Texte in den Niederlanden bis in die 60er Jahre hören sollte. Daneben machten literarische Parodien einen bedeutenden Teil des Abends aus. Schillers Ballade Die Glocke wurde im Ton einer 6-Tage-Rennen-Moderation vorgetragen. Trotz dieser Verlagerung auf die Unterhaltung, drohte gegen Ende des Jahres die Aberkennung der Arbeitserlaubnis. Die Truppe entzog sich dem, indem sie auf Tournee ging.

Erste Station war Zürich, wo die in die Schweiz emigrierte Liselott Wilke dazukam. Eingedenk der Erfahrungen mit dem niederländischen Publikum und den Behörden, verzichtete man auf offensichtliches politisches Kabarett. Nach der erfolgreichen Premiere, aber schlechter Kritik, tourte das Ensemble noch einige Zeit durch die Schweiz, dann trennte man sich.

Liselott Wilke blieb allein in der Schweiz zurück. Bald drohten Gläubiger, die dem Kabarett Geld geliehen hatten, mit einer Anzeige, die wiederum zum Verlust der Aufenthaltsgenehmigung hätte führen können. Liselott Wilke kehrte im April 1934 nach München zurück. Dort trat sie im Simplicissimus auf. Um ihre in Zürich bei Freunden zurückgebliebenen Kinder zu schützen, nahm sie den Künstlernamen Lale Andersen an – und wurde kurze Zeit später mit dem Lied Vor der Kaserne weltberühmt.

Lale Andersen
Denkmal für Lale Andersen auf Langeoog, Quelle: Huebi/cc-by-sa 

Ein Teil ihrer ehemaligen Kollegen war inzwischen nach Amsterdam zurückgekehrt und versuchte eine Wiederbelebung des Ping Pongs. Mittlerweile hatten niederländische Künstler gegen das Überangebot der deutschen Emigranten in der niederländischen Unterhaltungskunst protestiert und erfolgreich gefordert, dass in deutschen Ensembles künftig auch Niederländer vertreten sein müssten. Als das Ping Pong im Herbst 1934 mit einem neuen Programm in Amsterdam auftrat, bereicherte es Kurt Egon Wolff um die gewünschten Einheimischen, und entging damit einem erneuten Verbot. Wie eine Kritik in der Zeitung De Volkskrant vom 8. Oktober 1934 vermuten lässt, erwies sich diese Entscheidung aber als falsch:

Man hatte die Idee, auch junge holländische Talente in das Ensemble aufzunehmen, aber alles, was man aufnahm, war erbärmlichster Dilettantismus. […] Das Talent in dieser Besetzung ist deutsch […] Der Rest, der hier konferiert, singt und witzig zu sein versucht, ist unter dem Niveau der Unterhaltung in der Kneipe auf einer Dorfkirmes und dürfte nicht auf den Brettern eines seriösen Kabaretts auftreten.[3]

Nach solchen Besprechungen blieben die Zuschauer fern. Nach ein paar Aufführungen löste sich das Ping Pong endgültig auf. Sein Verdienst besteht jedoch darin, das niederländische Kabarett dahingehend angeregt zu haben, dass eine Aufführung nicht eine Sammlung zusammenhangsloser Nummern sein kann, sondern ein in sich geschlossenes Programm.

Rudolf Nelson und Kurt Gerron

Bereits im Berlin der Kaiserzeit war Rudolf Nelson ein berühmter Liedkomponist. Ein Werk von rund 6.000 Melodien machten ihn zum Ralf Siegel seiner Zeit. In den zwanziger Jahren hatten Marlene Dietrich, Hans Albers, Claire Waldoff und Willy Prager seine Lieder gesungen, war Josefine Baker in seinem Theater aufgetreten, hatte Kurt Tucholsky Texte für seine zahllosen Operetten und Revuen geschrieben. Kurzum: Dass Berlin in den zwanziger Jahren die Hauptstadt der Unterhaltung wurde, war ein gutes Stück Rudolf Nelson und seinem Ensemble zu verdanken.

Im Frühjahr 1933 pfiffen die Nazis zwar weiter den von Friedrich Hollaender getexteten Schlager Das Nachtgespenst, seinen Komponisten Nelson jedoch belegten sie mit Aufführungs- und Kompositionsverboten. Da Nelson und seine Revuen in ganz Europa bekannt waren, ging er auf Tournee. Erste Station war Österreich. Doch in Wien gab es während der Vorstellung antijüdische Pöbeleien. In der Schweiz lief es besser. Allerdings stellte sich heraus, dass Basel, Bern, Luzern, Lugano, Locarno oder auch Zürich zu klein waren, um ein festes Revuetheater gewinnbringend mit Zuschauern zu versorgen. 1934 reiste Nelson deshalb nach Amsterdam. Wenige Wochen später lief die erste Revue im La Gaité im Tuschinski-Theater. Von nun an wehte an der Amstel ein Hauch von Berlin. Bis 1940 waren rund hundert, vornehmlich leichte, Revuen zu sehen. Gastauftritte von alten Mitstreitern aus Berliner Tagen, wie Max Ehrlich, Kurt Lilien, Otto Wallburg oder Willy Rosen rundeten das Programm ab und brachten es durch ihre Namen weit über Amsterdam hinaus zum Strahlen.

Trotz dieser Stars war es nicht einfach, das niederländische Publikum über eine Tournee hinaus für deutschsprachige Unterhaltung zu gewinnen. Am Anfang reichte es, ‚nur’ jeden Monat ein neues Programm zu komponieren. Um das Theater jedoch rentabel zu halten, musste Nelson bald alle zwei Wochen mit etwas Neuem aufwarten. 1935 kam deswegen sein Sohn Herbert aus Berlin und unterstützte ihn als Cheftexter. Von nun an sang man auch auf Niederländisch, und das sehr erfolgreich. Rudolf Nelsons Kompositionen befruchteten die niederländische Schlager- Kabarett- und Operettenszene in großem Maße und beeinflussten genauso auch den niederländischen Film der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre.

Am 28. März 1933 rief Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die deutsche Bevölkerung nicht nur zum Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen usw. auf, sondern bat am Abend auch die Größen der Filmindustrie in den Bankettsaal des Hotels Kaiserhof, um sie mit seiner Rede Über die zeitgemäßen Aufgaben des deutschen Films mit seinen weltanschaulichen, künstlerischen und personellen Forderungen an die Filmindustrie vertraut zu machen. Am nächsten Tag beschloss die Ufa, sich all ihrer jüdischen Mitarbeiter zu entledigen. Unter den vielen, die gehen sollen, waren neben Billy Wilder, Otto Walburg, Max Reinhardt auch Kurt Gerron, einer der erfolgreichsten Schauspieler des deutschen Films.

Rudolf Nelson
Rudolf Nelson im Jahr 1953, Quelle: NA (905-9149)

Im Jahre 1897 in Berlin als Kurt Gerron geboren, hatte Gerron 1920 von einem auf den anderen Tag beschlossen, sein Medizinstudium aufzugeben, und Schauspieler zu werden. Ohne einen speziellen Unterricht genossen zu haben, debütierte er in dem kleinen Kabarett, wo ihn die große Trude Hesterberg entdeckte. Zur Eröffnung ihrer Wilden Bühne stand Gerron neben Bert Brecht, Joachim Ringelnatz und Walter Mehring auf dem Programm. 1926 mimte er in der Uraufführung von Brechts Stück Baal die Rolle des Mech, im folgenden Jahr war er bei der Uraufführung von Carl Zuckmayers Schinderhannes in der Rolle des Korporal Mauschka zu sehen. Auch bei der Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper war Gerron dabei: als Tigerbrown sang er die weltberühmte Ballade von Mackie Messer.

Parallel zum Theater entdeckte Gerron den Film für sich – und der Film entdeckte ihn. Bis 1933 wirkte er in 60 Filmen mit. Heute noch ist er in der Rolle des Zauberkünstlers Kiepert in Carl Sternbergs Der blaue Engel, zusammen mit Marlene Dietrich, oder an der Seite von Lilian Harvey, Heinz Rühmann und Willy Fritsch in Die Drei von der Tankstelle immer wieder zu sehen. Daneben etablierte sich Gerron als Regisseur. 1931 hatte der Film Meine Frau, die Hochstaplerin mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle eine vielgelobte Premiere. Als im März 1933 seine Musikkomödie Heut kommt’s drauf an mit Hans Albers anlief, war Gerron ein Star mit großer Villa, berühmten Freunden und vielen Bewunderern.

Einen Tag nach Goebbels Rede über die Aufgabe des Deutschen Films, fuhr Gerron, wie die Tage zuvor auch, ins Studio, um seinen neuen Film Kind, ich freu mich auf Dein Kommen zu drehen. Magda Schneider, die damals die Hauptrolle spielte, erinnerte sich:

Wir wollten gerade mit den Dreharbeiten beginnen, als der Produktionsleiter erklärte, er wolle eine Rede zum Boykottag halten. Dann sagte er: ‚Alle Juden verlassen das Studio!’ Ich sah nur Gerrons zitternden Rücken, als er ging. Er weinte.[4]

Seit dem Ende der zwanziger Jahre hatte die sehr überschaubare Filmproduktion der Niederlande brach gelegen. Aufgrund der Wirtschaftskrise waren die wenigen niederländischen Regisseure entweder ins Ausland gegangen oder arbeitslos. Mit der Ankunft der deutschen Emigranten änderte sich die Lage augenblicklich. Auf einmal gab es wieder neue Ideen, Regisseure, Kameraleute, plötzlich wieder Filme. Zwischen 1934 bis 1940 entstanden insgesamt 37 niederländische Spielfilme, und damit sechs pro Jahr, was für die Niederlande eine Rekordzahl bedeutete. An 36 dieser 37 Filme waren deutsche Emigranten beteiligt, an dreien Kurt Gerron. Nach Stationen in Paris und Wien, wo er für den Film Bretter, die die Welt bedeuten Regie geführt hatte, war er nach Amsterdam gekommen.

Het mysterie van de Mondscheinsonate heißt sein erster niederländischer Film. Aufgrund des großen Erfolges konnte er im Anschluss daran den Roman Merijntje Gijzen’s Jeugd des Schriftstellers Adrianus Michael de Jong verfilmen. Anschließend erlebte Gerron mit seiner Kino-Adaption des Grimmschen Märchens Drei Wünsche einen Flop, mit seiner Synchronisation des Walt-Disney-Zeichentrickfilms Schneewittchen war er allerdings wieder erfolgreich, doch dann machte er eine Erfahrung, die seinen Berliner Erlebnissen in gewisser Weise ähnlich war: Nach den Deutschen, wollten ihn nun auch die Niederländer nicht. Diesmal nicht, weil er jüdisch, sondern weil er deutsch war.

Was Kabarettgruppen wie das Ping Pong und Revuen-Unternehmen wie das Nelsontheater zu spüren bekamen, erlebten auch die Emigranten aus dem Filmgeschäft: Die Furcht der Niederländer vor Überfremdung. Androhungen, Auftritte zu verbieten oder Arbeitserlaubnisse zu entziehen, waren die Folgen. Kurt Gerron bekam sie nicht nur zu spüren, wahrscheinlich war er sogar der Auslöser einer breit geführten Diskussion darüber, welche Rolle Ausländer in der niederländischen Kultur einnehmen dürfen. Nachdem sich Gerron in der niederländischen Filmszene etabliert hatte, beauftragte ihn die niederländische Luftfahrtgesellschaft 1937 damit, einen Werbefilm zu drehen. Dies veranlasste die Zeitung Het Vaterland, von einem [u]nerfreuliche[m] Gerücht zu schreiben, dass der wichtige Auftrag an einen Ausländer, einen Emigranten gegeben werden soll. Das erscheint uns aus mehr als einem Grund absolut unerwünscht.[5]

Der Streit endete damit, dass die Luftfahrtgesellschaft den Auftrag an einen Niederländer vergab. Äußerst betroffen kehrte Gerron dem Filmgeschäft den Rücken und suchte auf der Bühne seines Freundes Rudolf Nelson sein Publikum.

Neben diesen Unterhaltungsstars und den Schriftstellern, die vornehmlich in Verlagsangelegenheiten nach Amsterdam reisen, machten einige weitere aus Deutschland vertriebene und heute noch bekannte Künstler in den Niederlanden Station. 1934 und 1935 gastierten Erika Mann, Therese Giehse, Magnus Henning, Lotte Goslar und die anderen Mitglieder des bekanntesten Kabaretts des 20. Jahrhunderts, der Pfeffermühle, zum ersten Mal auf der Bühne des Amsterdamer Centraal Theaters, um auf literarisch-anspruchsvolle Weise vor Hitler zu warnen – allerdings unter den strengen Augen der niederländischen Zensur.

Kurt Gerron
Kurt Gerron (rechts) zusammen mit Siegfried Arno bei einer Kochausstellung, Quelle: Wikimedia Commons, BArch (102-11401)/cc-by-sa
 

Der hochgeschätzte Dirigent Bruno Walter floh im Frühjahr 1933 zunächst nach Wien. In den nächsten Jahren reiste er jedoch immer wieder nach Amsterdam, um dort das berühmte Concertgebouworchester zu dirigieren. Auch der weltweit gefeierte Opernsänger Joseph Schmidt – heute noch bekannt wegen seines Schlagers Ein Lied geht um die Welt – gastierte bis zum Ausbruch des Krieges oft in den Niederlanden.

Ein weiterer Künstler, der zunächst in die Niederlande floh, war der in linken Arbeiterkreisen damals enthusiastisch gefeierte Sänger und Schauspieler Ernst Busch. Mitte Dezember 1932 hatte er mit Hanns Eisler in der holländischen Stadt Hilversum für den linken Radiosender VARA (Vereinigung van Arbeiders Radio-Amateurs) ein Konzert eingespielt. Als sie nach der erfolgreichen Aufnahme am Bahnhof auf den Zug zurück nach Berlin warteten, bot ihnen der Leiter des Senders Folgendes an: Wenn Sie in Schwierigkeiten geraten sollten, können Sie zu uns kommen.[6]

Nach der Machtübernahme Hitlers griff Ernst Busch auf dieses Angebot zurück. Als er am 9. März in Hilversum ankam, schickte ihn Radio VARA gleich in die Aufnahme: Drei Tage später konnte man ihn in den Niederlanden das Kominternlied und das Solidaritätslied von Bertolt Brecht singen hören. Wenig später verpflichtete er sich für weitere Lieder und die Zusammenstellung ganzer Sendungen. Dafür lernte Ernst Busch umgehend Niederländisch. Bald beherrschte er es so gut, dass er in Hörspielen mitwirkte und mit einem aus dem Radio-Orchester zusammengestellten Ensemble, das sich De Flierefluiters nennt, auf Tournee ging. Die Erlöse daraus kamen Organisationen zugute, die deutsche Emigranten unterstützten. Im Herbst organisierte er ein Hilfskomitee für deutsche Flüchtlinge und gründete unter dem Namen Boekenvrienden Solidariteit einen Verlag, der im Reich verbotene Bücher veröffentlicht. Vor allem seine Arbeiter- und seine Seemannslieder, letztere stellte er unter dem Titel De Zee roept zu einem Programm zusammen, machten Ernst Busch in niederländischen und flämischen Gewerkschaftskreisen innerhalb kürzester Zeit zu einem gefragten Interpreten.

Nicht nur die Sänger, Schauspieler und Schriftsteller, auch bedeutende Maler entgingen mit der Flucht nach den Niederlanden einem Berufsverbot. Heinrich Campendonk, Mitglied des Blauen Reiters und heute einer der bekanntesten Vertreter des deutschen Expressionismus, hatte bis 1933 eine Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Nach seiner Entlassung verließ er Deutschland 1934 Richtung Belgien. 1935 wurde er an die Reichsakademie der bildenden Künste in Amsterdam als Professor für monumentale und dekorative Malerei berufen.

Auch der expressionistische Maler Max Beckmann wurde von  seinem Lehrstuhl an der Frankfurter Städelschule entlassen. Wie die Bilder seines Kollegen Campendonks sind auch seine Werke 1937 in der Münchner Propaganda-Schau Entartete Kunst zu sehen, wurden auch seine Werke aus allen deutschen Museen entfernt, beschlagnahmt und teilweise vernichtet. Beckmann verließ Deutschland und ließ sich mit einem kleinen Teil seiner Bilder in Amsterdam nieder. Nach Aufenthalten in Paris und London kehrte er 1939 nach Amsterdam zurück, eigentlich um sich auf die Ausreise nach den USA vorzubreiten.

Jeder dieser Künstler versuchte, nach der Flucht sein Leben so gut wie möglich zu gestalten. Manche integrierten sich in die niederländische Gesellschaft – wie etwa Elisabeth Augustin, Konrad Merz, Heinrich Campendonk oder Wolfgang Cordan. Andere, wie Klaus Mann oder Joseph Roth lernen kein Wort Niederländisch. Gemeinsam ist allen diesen Künstlern, dass sie in den Niederlanden oft unter großen Mühen versuchten, ihre Karrieren wiederaufzubauen und – dass sie darauf wartete, dass in Deutschland der Spuk Adolf Hitlers vorübergeht.


[1] Klaus Mann: Die Sammlung, Heft 1, September 1933, S. 1f.
[2] Klaus Mann: Der Vulkan. Roman unter Emigranten, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 114f.
[3] De Volkskrant, vom 8. Oktober 1934, zitiert nach Horst J.P. Bergmeier: Chronologie der deutschen Kleinkunst in den Niederlanden 1933-1944, Hamburg 1998, S. 36.
[4] Magda Schneider. In: Gerhard Harms und Marion Schmidt: Der Führer schenkt den Juden eine Stadt, WDR 1986, S. 2; Zitiert nach Barbara Felsmann und Karl Prümm: Kurt Gerron – gefeiert und gejagt 1897-1944. Das Schicksal eines deutschen Unterhaltungskünstlers, Berlin 1992, S. 63; Fritz H. Landshoff: Keizersgracht 333, Berlin 1991, S. 104.
[5] Aus: Het Vaterland, übertragen und zitiert nach Barbara Felsmann und Karl Prümm: Kurt Gerron  gefeiert und gejagt 1897 – 1944. Das Schicksal eines deutschen Unterhaltungskünstlers, Berlin 1992, S. 69.
[6] Zitiert nach: Ludwig Hoffmann, Karl Siebig: Ernst Busch, S. 143.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: Februar 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Schmidinger, Veit Johannes/Schoeller, Wilfried F.: Transit Amsterdam. Deutsche Künstler im Exil 1933-1945, München 2007.

Landshoff, Fritz: Amsterdam, Keizersgracht 333. Querido Verlag, Erinnerungen eines Verlegers, Berlin/Weimar 1991.

Schoor, Kerstin: Verlagsarbeit im Exil, Untersuchungen zur Geschicht der deutschen Abteilung des Amsterdamer Allert de Lange Verlages 1933-1940, Amsterdam/Atlanta 1992.

Hipp, Helga: Elisabeth Augustin, Tussen twee culturen, in: Ons Erfdeel, Jg. 39 (1996), Rekkem/Raamsdonksveer, S. 92–103 Onlineversion

Häntzschel, Hiltrud: Irmgard Keun, Hamburg 2001.

Sternburg, Wilhelm von: Joseph Roth, Eine Biographie, Köln 2009.

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