Literatur - Kurzbeitrag


Menno ter Braak (1902-1940): Leben und Werk eines Querdenkers*

Buchcover Hanssen/ter Braak
L. Hanssens Buch ist 2011 im Waxmann-Verlag erschienen, Quelle: Waxmann

Die Namen zweier Niederländer haben einen symbolischen Wert bekommen im Zusammenhang mit dem Leiden am Nationalsozialismus: Menno ter Braak und Anne Frank. Ihre Lebenswege haben sich nicht gekreuzt, außer an einer Stelle, die auch Symbolwert bekommen hat: Sils-Maria, dem Lieblingsort Nietzsches im schweizerischen Kanton Graubünden.

In ihrem Tagebuch notierte die dreizehnjährige Anne Frank im Oktober 1942, einige Monate nach dem Untertauchen im Achterhuis, einen Wunschtraum. Sie stellte sich vor, sie könne wieder in die Schweiz reisen und könne alles mitnehmen, ‚auch die Möbel und Geld‘. Sie zeichnete ein blaues ‚Eiskleid‘ in ihrem Heft und träumte, wie sie mit ihrem Vetter in einem Schwanentanz über das Eis gleiten und wie sie dabei einen ‚gewaltigen Luftsprung‘ machen würde.

Menno ter Braak machte am Abend der niederländischen Kapitulation am 14. Mai 1940 in Den Haag seinem Leben ein Ende. Was wird ihm in jenen Tagen seit dem Einmarsch der deutschen Truppen am 10. Mai durch den Kopf gegangen sein? Wir wissen, dass er in der Verwirrung des Augenblicks daran gedacht hat, die Flucht zu ergreifen, ohne dies auch wirklich tun zu können.

Auch ter Braak wird sich vorgestellt haben, in die Schweiz zurückzukehren, nach Sils Maria, das er im Schicksalsjahr 1933 (das Jahr der Machtergreifung Hitlers) mit seiner Frau Ant Faber während ihrer Hochzeitsreise besucht hatte und das auf ihn einen unvergesslichen Eindruck gemacht hatte.

Wenn Anne Frank an Sils dachte, dann dachte sie an einen Ort, wo ihre berühmte These vom Glauben an das Gute im Menschen gerettet werden konnte. Wenn ter Braak an Sils dachte, dann dachte er an den Heimatort des ‚guten Europäers‘, der Nietzsche vor allem für ihn war.

‚Ich wusste viel von ihm, ich sah nichts von ihm, als ich zufälligerweise Jenseits von Gut und Böse während einer Bahnfahrt zu lesen begann‘, schrieb ter Braak über seine erste Bekanntschaft mit Nietzsche. Dieser Augenblick der Bekanntschaft kann zeitlich genau festgelegt werden.

Ter Braak hatte im Frühling 1931 ziemlich abrupt seine Verlobung mit einer Frau aus Berlin aufgelöst. Er erhielt danach ein Telegramm mit der Mitteilung, dass diese Frau, mit dem Namen Gerda Geissel, einen Selbstmordversuch gemacht hatte. Am Ostermontag jenes Jahres reiste er per Bahn in die deutsche Hauptstadt und geriet, trotz der Aufregung über dasjenige, was ihn dort erwartete, ganz und gar in den Bann von Jenseits von Gut und Böse. Dass er dieses Buch ‚zufällig’ zu lesen begann, ist wohl nur halb wahr. Er wollte das Glück der ‚Begegnung‘ mit Nietzsche in möglichst strahlendem Licht erscheinen lassen.

Ter Braak bewunderte in Nietzsche den ‚Dämon mit dem magischen Stil‘. Aber er las den deutschen Philosophen besonders so, wie Thomas Mann ihn rezipierte: im Lichte der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus.

Während seiner Hochzeitsreise nach Sils Maria im August 1933 hat ter Braak außer Nietzsche auch das Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror gelesen: eine ‚schwarze Liste‘ über die Gewalttätigkeiten der Braunhemden. Dass ausgerechnet die Nazis sich auf den Autor der Fröhlichen Wissenschaft beriefen, traf ihn schmerzlich. Im Missbrauch von Nietzsches Gedankengut erkannte ter Braak ein Symptom seiner Zeit, in der jedes menschliche Zeugnis eine politische Bedeutung bekam. In der Wirklichkeit des Nationalsozialismus, so prophezeite der Holländer, würde ein anständiger Mensch alles verlieren, einschließlich seiner letzten inneren Gewissheit. Alles Minderwertige würde in eine maßlose Rachsucht münden.

Wenn ter Braak nach einem Halt für die Zukunft suchte, so kam Nietzsche für ihn immer an erster Stelle. Der Nietzsche, den er im schweizerischen Bergdorf Sils-Maria suchte – und fand, war der Nietzsche, der in Opposition zu Berlin dachte, das heißt, gegen die nationalistischen und antisemitischen Tendenzen des hitlerischen Systems.

Ein normaler Mensch, so ter Braak, verbringt seine Tage nicht im Bewusstsein, zu einer spezifischen Rasse oder ethnischen Gruppe zu gehören. Die Betonung des Rassen- oder des ethnischen Unterschiedes sah er als eine Folge des Minderwertigkeitsgefühls einer sozialen Gruppe dem kulturell-intellektuellen Vermögen oder dem zahlenmäßigen Wachstum Anderer gegenüber.

Die Verfolgung der Juden zeugte seines Erachtens jedoch von einer ‚bestürzenden Stupidität‘, da gerade die Juden in so starkem Maße die Kunst der Assimilation beherrschten und gerade deswegen als die Vorbilder des künftigen europäischen Menschen zu betrachten waren.

Menno ter Braak hat jede Gelegenheit genutzt, das rassistische Reinheitsdenken der Nazis aufs Korn zu nehmen. Die große Lektion Nietzsches und ter Braaks im Hinblick auf die Frage: Was sind gute Europäer?, war vielleicht, dass sie den Mut gehabt hatten, der Realität ins Auge zu sehen. Und die Realität sagt nur eins laut Nietzsche: ‚Der gute Europäer setzt das vielseitige, mittelmäßige, zahme Herdentier voraus‘.

Nun denn! Das demokratische Herdentier soll zweifelsohne nicht als etwas Minderwertiges betrachtet werden. Im Gegenteil, es ist das Fundament, um zur Bildung guter Europäer zu gelangen. Ter Braak wollte sich, in der Nachfolge Nietzsches, zu einem regelrechten Realismus bekennen; einem Realismus, der in den Symptomen des konkreten Lebens die Grundlage findet, einen guten ‚Europanismus‘ – eine gute europäische Gesinnung – zu entwickeln.

Geboren 1902 in Eibergen, einem Dorf in der Region ‚de Achterhoek‘, grenzend an das Münsterland, studierte ter Braak in Amsterdam Geschichte. 1927 hielt er sich längere Zeit zu Forschungsarbeiten für seine Doktorarbeit über den deutschen Kaiser Otto III. (980-1002) in Berlin auf.

Berlin war ihm dreierlei: Tempo, Tempo, Tempo. Selbst ter Braak, der als echtes Kind der Achterhoek unter der so genannten ‚Sächsischen Lähmung‘ litt: nur schwer sein Seelenleben preisgeben zu können, und verlangsamt, sekundär zu reagieren (vielleicht erkennen die Münsteraner diese psychische Veranlagung), selbst ter Braak tanzte in Berlin. Aber auch fand er das Leben hier ‚ziemlich bedrückend und in aller Offenheit verkommen‘.

Er sah wie es regelmäßig zu Zusammenstößen der Kommunisten mit den oft zahlenmäßig überlegenen Hakenkreuzlern kam. Er befürchtete, dass der Berliner Tanz in Terror und Diktatur entarten würde.

Ein Jahr später, 1928, promovierte ter Braak cum laude als Historiker. Bereits damals hat er sich für ein Leben nicht als Akademiker, sondern als Essayist und Kritiker entschieden.

Es ist ein Menschenleben her, dass Menno ter Braak 1930 seinen Karneval der Bürger veröffentlichte. Der Karneval ist in gewissem Sinne sein Erstlingswerk. Vorher hatte der 28-Jährige Holländer schon verschiedene kürzere und längere Aufsätze publiziert, aber jetzt ein Buch aus einem Guss, mit fast 280 Seiten Umfang.

Als Debüt ist es zugleich ter Braaks größte Leistung überhaupt. Aber was für eine Leistung! Sie verführt  uns, den Namen des Autors in einem Atem mit dem Walter Benjamins oder etwa des jungen Jean Paul Sartre zu nennen.

Der Karneval ist eine kulturphilosophische Betrachtung über das Verhältnis zwischen dem Rausch des Karnevals und dem Trübsinn des Aschermittwochs. Das Thema geht bekanntlich auf Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel zurück. Ter Braak deutete den Karneval als Versuch, die Erfahrung von ‚Chaos‘ zu bewältigen. Chaos im persönlichen Leben, Chaos in der Kultur. Die Faszination des Werkes liegt unter anderem darin, dass der Autor die Chaoserfahrung höchst anschaulich darzustellen weiß, ohne sie jedoch endgültig zu bewältigen.

Wie sollte er auch? Mit Goethe, in seiner Italienreise, war ter Braak der Meinung, dass der Rausch des Karnevals letztendlich im Taumel des Wahnsinns genossen wird. Auch glaubte er, dass die höchste Lust immer dicht an die höchste Gefahr grenzt und dadurch etwas sehr Alarmierendes hat.

Aus ter Braaks Karnevalswahrheit stammte allerdings auch seine Forderung, Kritik zu üben. Kritik an der bürgerlichen Normalität, die sich nicht mit dem Traum einer Entgrenzung auseinanderzusetzen weiß. Von diesem Impuls wurde ter Braaks kritische Haltung in den dreißiger Jahren getrieben: ter Braak, der Querdenker.

Ihn störte, was er die grundlose Selbstzufriedenheit der damaligen niederländischen Kultur nannte, das sich zufriedengeben mit dem Mittelmäßigen. Für diese holländische Haltung gibt es ein Wort, das vermutlich unübersetzbar ist: ‚halfzachtheid‘, d.h. in etwa: schlaffe Unentschiedenheit. Wer begriffen hat, was ‚halfzachtheid‘ ist, so ter Braak, hat auch alle Nachteile der niederländischen Kultur begriffen. Ter Braak meinte, die Niederlande lebten auch in den Jahren nach 1933 noch immer im neunzehnten Jahrhundert; sie seien noch immer nicht aus ihrem langen Schlaf erwacht.

Diese kritische Perspektive wurde damals von manch einem deutschen Emigranten in Holland übernommen. Der deutsche Exilautor Gerth Schreiner zum Beispiel vertrat in seinem 1937 erschienenen, höchst interessantem Buch „Wij leven in Holland…“, die These, die Niederlande seien im Grunde ein untragisches Land. Das käme nicht nur durch die bescheidenen geographischen Verhältnisse, sondern auch durch den schlichten Lebens- und Kulturstil. Die Niederländer tendieren nach einem Leben im Sparmodus. Wird eine Arbeit erledigt, wird eine geistige Unruhe bezwungen, so folgt der typische nationale Seufzer der Erleichterung: ‚Hè-hè!‘

Dieser Ausruf verrät aber eine Nervosität, die bei den Niederländern viel größer ist als man denkt. Es ist sogar eine ständige Volkskrankheit. Die ‚Nerven‘ müssen mit aller Macht unter Kontrolle gehalten werden und am liebsten so viel wie möglich maskiert werden. Das bürgerliche Kostüm, die bis in die späten Abendstunden geöffneten Vorhänge, die förmlichen Umgangsformen – alles gehört zu einer Taktik, um vorzuwenden, dass man alles, vor allem sich selbst, unter Kontrolle hat. Menno ter Braak fand es an der Zeit die bürgerliche Maske fallen zu lassen und aus der Erstarrung zu erwachen.

In vielen seiner Artikel stellte er die Frage, was denn die niederländische Kultur so niederländisch macht und welche Rolle sein Land innerhalb Europas spielen sollte. Niederländer werden Weltbürger sein oder untergehen. All ihre Traditionen basierten auf internationalem Austausch und einer kosmopolitischen Lebenshaltung. In einem vereinten Europa liege die Herausforderung für die niederländische Kultur darin, in positivem Sinne Freiheitsbewusstsein in die Welt zu tragen.

Der Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus 1933 markiert eine tragische Wende in ter Braaks Karriere. Er machte sich so große Sorgen über die in seinen Augen katastrophale politische Entwicklung Europas, dass er zunehmend von Depressionen heimgesucht wurde. Doch das hielt ihn keineswegs davon ab, sein Haus Flüchtlingen aus Deutschland, Polen und Österreich zu öffnen oder sich anderswie um ihr Schicksal zu kümmern. Für die deutschsprachigen Exilautoren in Holland wie den bereit erwähnten Schreiner galt ter Braak als das Gewissen der niederländischen Kultur.

Menno ter Braak war ein Denker von europäischer Reichweite. Er blickte und debattierte über die Landesgrenzen hinweg und stand mit verschiedenen europäischen Intellektuellen in Verbindung. Mit Thomas Mann pflegte er eine persönliche Freundschaft. Ter Braaks Besprechung der Lotte in Weimar galt Thomas Mann als gelungenste Rezension dieses Romans. Sein Dankesbrief erreichte den Holländer freilich nicht mehr: Am Abend der niederländischen Kapitulation, am 14. Mai 1940, nahm sich ter Braak, wie gesagt, in Den Haag das Leben. In dem persönlichen Schicksal Menno ter Braaks erlebte die niederländischen Kultur des 20. Jahrhunderts ihre Stunde Null.

Zwei Tage später entschied sich im ländlichen Laren auch der deutsche Emigrant Gerth Schreiner mit seiner holländischen Frau für den Freitod. Damit setzten auch sie ihren Entschluss in die Tat um, unter bestimmten existentiellen und politischen Bedingungen nicht leben zu wollen.

Aber kann ein Querdenker wie ter Braak denn sterben? Ist es nicht sein Schicksal zu leben und überleben zu müssen? Manch einer, der ter Braak gut gekannt und sein Werk verfolgt hatte, meinte, er habe keine Ekstase gekannt und dieser Mangel sei wohl die Strafe für irgend etwas gewesen. Doch für ter Braak lag die Leidenschaft des Schaffens im Zerstören. Durch seine Entscheidung für den Tod blieb er sich selbst treu und dem, wovon er seit Jahren träumte: Alles zugleich und nichts zu sein. Sein Leben wurde zum Kunstwerk, wie ein Kunstwerk für ihn zu sein hatte, eine Summe von Zerstörungen.

Ter Braaks Ideal von Leben und Denken im Sinnes eines heiteren Spiels musste zunächst noch Abrechnung und Streit bedeuten. In seinem Werk gibt es dennoch wenig Anlass zu Pessimismus oder gar Defätismus. Ein Denker im ter Braakschen Sinne muss ein Querdenker sein, der den Raum schafft für neue Wahlmöglichkeiten, damit die Menschen ihr Leben ändern können. ‚Du sollst dein Leben ändern.‘ Es ist keineswegs zufällig, dass ter Braaks Meisterwerk, Der Karneval der Bürger aus dem Jahr 1930, über die Funktion des Karnevals in der Kultur handelt. Denn im Lachen des Karnevals verbirgt sich weder Angst, noch Heuchelei oder Betrug; es bringt keinen auf den Scheiterhaufen und installiert keine Diktaturen. Im Gegenteil, das Lachen bahnt uns den Weg in eine freie Zukunft.


* Vortrag anlässlich einer Buchpräsentation im Haus der Niederlande (Münster) am 4. Mai 2011. Das Buch "Menno ter Braak (1902-1940). Leben und Werk eines Querdenkers" von Léon Hanssen ist 2011 bei Waxmann (Münster) erschienen.

Autor: Léon Hanssen
Erstellt: Mai 2011


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Hanssen, Léon: Menno ter Braak (1902-1940). Leben und Werk eines Querdenkers, Münster 2011.

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