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Grete Weil

* Egern, 18. Juli 1906 - † Grünwald bei München, 14. Mai 1999 – deutsche Schriftstellerin

Grete Weil
Grete Weil, Quelle: Nagel & Kimche Verlag

Grete Weil wurde am 18. Juli im oberbayrischen Ort Egern als Margarethe Elisabeth Dispeker geboren. Ihr Vater, Siegfried Dispeker, war in München ein angesehener, assimiliert-jüdischer, liberal eingestellter Rechtsanwalt. In seinem großbürgerlichen Haus verkehrten zahlreiche Künstler und Intellektuelle. Grete Weil verbrachte ihre Kindheit und Jugend vornehmlich in München und wurde dem Bildungsanspruch der Familie gemäß in Kunst, Theater und Literatur gefördert. Dem wachsenden Antisemitismus in Bayern begegnete die Familie mit tiefem Vertrauen in die deutsch-jüdische Symbiose. 1923 floh ihr Vater mit ihr im Zuge des Hitlerputsches nach Grainau am Fuße der Zugspitze zu Verwandten, kehrte jedoch nach einigen Tagen nach München zurück. Auch als Grete Weil und ihrem Bruder einige Zeit später die Aufnahme in den Alpenverein verweigert wurde, dachten sie nicht an Emigration.

Im Herbst 1929 schloss Grete Weil in Frankfurt ihre Schullaufbahn mit dem Abitur erfolgreich ab und begann dort ein Germanistikstudium, das sie auch nach Berlin, Paris und München führte. 1932 begann sie eine Dissertation über die Entwicklung des Bürgertums am Beispiel des zwischen 1786 und 1827 erscheinenden Journals des Luxus und der Mode und schrieb ihre erste Erzählung. Erlebnis einer Reise, so der Titel, ist autobiographisch inspiriert und spiegelt die Auflehnung junger Menschen gegenüber den bürgerlichen Moralvorstellungen am Ende der Weimarer Republik wider.

Im Juli 1932 hatte Grete Weil ihren langjährigen Freund, den promovierten Germanisten und an den Münchner Kammerspielen als Dramaturg beschäftigten Edgar Weil geheiratet. Nachdem er im Zuge der Machtübernahme Hitlers als Jude entlassen und für zwei Wochen in Polizeigewahrsam genommen wurde, musste er in Frankfurt die ‚Arisierung’ der väterlichen pharmazeutischen Fabrik organisieren. Angesichts dieser Erfahrungen beschloss er, das Unternehmen in den Niederlanden neu aufzubauen. Grete Weil blieb zunächst in München und ließ sich zur Fotografin ausbilden. Erst im Dezember 1935 folgte sie ihrem Mann nach Amsterdam. Die Stadt und die Niederlande wurden allerdings kein zweites Zuhause, das Heimweh war zu groß. Zu Grete Weils Bekannten und Freunden zählten vornehmlich deutsche Emigranten, unter ihnen der Maler Max Beckmann, der Dirigent Bruno Walter sowie der Schriftsteller Albert Ehrenstein.

Als die Wehrmacht die Niederlande im Mai 1940 innerhalb von fünf Tagen besetzte, versuchten Grete und Edgar Weil erfolglos über den Hafen IJmuiden nach England zu fliehen. In den nächsten Monaten erlitten sie die zügige Umsetzung der bereits im Deutschen Reich vollzogenen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Am 11. Juni 1941 wurde Edgar Weil auf offener Straße verhaftet, über das niederländische Lager Schoorl nach Mauthausen gebracht und dort im September ermordet.

Ein Jahr später begann die systematische Deportation aller sich in den Niederlanden aufhaltenden Juden in die Vernichtungslager im Osten. Grete Weil nahm Kontakt zu Widerstandsgruppen auf und fertigte für sie Fotos für gefälschte Personalausweise. Im Februar 1941 war in Amsterdam der sogenannte Joodsche Raad gegründet worden, mit dem Ziel, das jüdische Leben in den Niederlanden und sein Ende im Sinne der deutschen Besatzer zu organisieren. Um überleben und ihre mittlerweile ebenfalls nach Amsterdam geflüchtete Mutter schützen zu können, ließ sich Grete Weil als Mitarbeiterin dieses Rates anstellen. Zunächst arbeitete sie in der von der SS geführten Zentralstelle für jüdische Auswanderung als Fotografin, später war es ihre Aufgabe, für die wöchentlich 1.000, zum Abtransport in die Todeslager gefangen genommenen Juden, Briefe zu schreiben.

Am 29. September 1943 sollte Grete Weil selbst in die Todeslager geschickt werden. Sie floh und tauchte bei einem Freund, dem deutschen ‚Halbjuden’ Herbert Meyer-Ricard unter. In seiner Wohnung am Nieuwezijds Voorburgwal wartete sie achtzehn Monate auf das Ende der deutschen Besatzung. Sie arbeitete für Widerstandsgruppen, in dem sie Lebensmittelkarten fälschte, nachts schlief sie hinter einer Bücherwand. Die Befreiung erlebte sie bei einer Freundin in der Prinsengracht.

Während ihrer Zeit im Versteck hatte Grete Weil ihr seit 1933 ruhendes Schreiben wieder aufgenommen. Neben dem (auf ihren Wunsch hin unveröffentlichten) Roman Der Weg zur Grenze verarbeitete sie mit dem Theaterstück Weihnachtslegende 1943 ihre Erfahrungen im Amsterdamer Exil und im Untergrund. 1945 erschien die Weihnachtslegende unter dem Pseudonym B. v. Osten mit dem Titel Das gefesselte Theater – Het marionettentooneel der ‚Hollandgruppe’ speelt voor onderduikers (dt. Das Marionettentheater der ‚Hollandgruppe‘ spielt für Untergetauchte) als Privatdruck und erste Veröffentlichung Grete Weils in Amsterdam.

Nach der Befreiung blieb Grete Weil zunächst in Amsterdam. Ihre Mutter und ihr Bruder hatten den Holocaust überlebt, das Heimweh nach Deutschland war groß. Als Staatenlose durfte sie jedoch vorerst nicht nach Deutschland zurückkehren. Zunächst versuchte sie in Amsterdam, die pharmazeutische Fabrik ihres Mannes wieder aufzubauen. Im Herbst 1946 unternahm sie heimlich eine erste Reise nach Frankfurt und traf ihren Jugendfreund Walter Jokisch wieder. Sobald sie in Amsterdam als Widerstandskämpferin anerkannt war und einen niederländischen Pass erhielt, übersiedelte sie zurück nach Deutschland und ließ sich in Darmstadt nieder, wo ihr späterer Ehemann Walter Jokisch als Opernregisseur arbeitete.

Grete Weils Ziel war es, in ihrer Heimat „gegen das Vergessen anzuschreiben. Mit aller Liebe, allem Vermögen, in zäher Verbissenheit“[1]. In ihrer noch in Amsterdam geschriebenen Erzählung Ans Ende der Welt, die von der Deportation zweier holländisch-jüdischer Familien handelt, legte sie zum ersten Mal Zeugnis ab über die Verfolgung der niederländischen Juden. 1949 erschien die Erzählung im Ostberliner Verlag Volk und Welt, 1962 in Westdeutschland. Die niederländische Übersetzung Naar het eind van de wereld im darauffolgenden Jahr stieß auf größere Beachtung.

Nach Arbeiten als Librettistin (Boulevard Solitude, Musik Hans Werner Henze, UA. 1952) und Die Witwe von Ephesus (Musik Wolfgang Fortner, UA 1952), entstand der (unveröffentlichte) Roman Antigone. Daneben Theater-Rezensionen, einige Essays und Übersetzungen englischsprachiger Autoren. 1963 vollendete Grete Weil den Roman Tramhalte Beethovenstraat, in dem sie sich mit den Kriegs- und Nachkriegserfahrungen von Deutschen, jüdischen Deutschen und Niederländern auseinandersetzte. Während der Roman in den Niederlanden schnell auf breites Interesse stieß, zeigte sich die deutsche Gesellschaft erst ab den achtziger Jahren reif genug, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen.

Nach dem Tod ihres Mannes 1970 setzte Grete Weil mit dem Roman Meine Schwester Antigone von neuem der Zeit des besetzten Amsterdams und der Judenverfolgung ein Denkmal. Nach vielen Absagen, 1980 von einem Schweizer Verlag veröffentlicht, leitete dieser Roman den Durchbruch der nunmehr 74-jährigen Autorin in Deutschland ein: als Chronistin der Besatzungszeit in den Niederlanden, als auf Aussöhnung bedachte Leittragende, als außergewöhnliche Schriftstellerin. Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen (u.a. Tukan-Preis der Stadt München, Geschwister-Scholl-Preis, Bayerischer Verdienstorden, Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz), starb Grete Weil im Mai 1999 in Grünwald bei München.

Werke

  • Weihnachtslegende 1943 (Theaterstück, Amsterdam 1945)
  • Ans Ende der Welt (Erzählung, Berlin 1949)
  • Tramhalte Beethovenstraat (Roman, Wiesbaden 1963)
  • Happy, sagte der Onkel (Erzählungen, Wiesbaden 1968)
  • Meine Schwester Antigone (Roman, Zürich 1980)
  • Generationen (Roman, Zürich 1983)
  • Der Brautpreis (Roman, Zürich 1988)
  • Spätfolgen (Erzählungen, Zürich 1992)
  • Leb ich denn, wenn andere leben (Autobiographie, Zürich 1995)

Niederländische Übersetzungen

  • Naar het einde van de wereld, Amsterdam 1962
  • Tramhalte Beethovenstraat, Amsterdam 1964
  • Happy zei oom, Amsterdam 1969
  • Mijn zuster Antigone, Amsterdam 1982
  • B zeggen en andere verhalen, Amsterdam 1983
  • Generaties, Amsterdam 1984
  • De bruidsprijs, Hilversum 1989

[1] Grete Weil, zit. nach Elisabeth Exner: Land meiner Mörder, Land meiner Sprache. Die Schriftstellerin Grete Weil, München 1998, S. 131.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt:
Dezember 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben zum Thema Literatur finden Sie unter Bibliographie

Exner, Lisbeth: Land meiner Mörder, Land meiner Sprache. Die Schriftstellerin Grete Weil, München 1998.

Meyer, Uwe: „Neinsagen, die einzige unzerstörbare Freiheit“. Das Werk der Schriftstellerin Grete Weil, Frankfurt 1996.

Schmidinger, Veit Johannes: Grete Weil – „Es gab nur noch die eine Aufgabe“, in: Schmidinger, Veit J./Schoeller, Wilfried F.: Transit Amsterdam, München 1007, S. 214–223.

Mattson, Michelle: Mapping Morality in Postwar German Women's Fiction: Christa Wolf, Ingeborg Drewitz and Grete Weil, Studies in German Literature Linguistics and Culture, 2010.

Bos, Pascale: German-Jewish Literature in the Wake of the Holocaust: Grete Weil, Ruth Kluger and the Politics of Addres, 2005.

Arnold, Heinz Ludwig: Grete Weil, 2009.

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