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Simon Vestdijk

* Harlingen, 17. Oktober 1898  in Harlingen - † Doorn, 23. März 1971 - – war ein "Teufelskünstler", wie es sein Schriftstellerkollege Menno ter Braak ausdrückte. Damit spielte er auf die Tatsache an, dass Vestdijk in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts überraschend mit gleich einer ganzen Reihe überragender Werke auftrat und von da an eine schier unglaubliche Menge an Romanen, Gedichten, Essays und Rezensionen hervorbrachte.

Simon Vestdijk
Simon Vestdijk, Quelle: unbekannt/NA (935-0995)

Simon Vestdijk wurde am 17. Oktober 1898 als einziges Kind des Sportlehrers Simon Vestdijk und seiner Frau Anna Mulder in Harlingen geboren. Auf den Rat seines Vaters hin studierte Vestdijk Medizin und verbrachte gleich zehn Jahre als Student in Amsterdam. Die Länge seines Studiums erklärt sich auch durch seine früh auftretenden, schweren Depressionen, die ihn ein Leben lang begleiten sollten. Nach seinem Abschluss praktizierte er als Arzt, zog oft um und unternahm auch eine Reise nach Niederländisch-Indien (das heutige Indonesien) – um 1932 festzustellen, dass ihm der Arztberuf nicht zusagte. Er beschloss,  sich ganz der Literatur zu widmen.

Ein Jahr später bot er dem Verlag der berühmten Literaturzeitschrift Forum ein 950 Seiten starkes Manuskript, Kind tussen vier vrouwen, de kroniek van een jongensleven ("Kind zwischen vier Frauen, die Chronik eines Knabenlebens") an, das kurioserweise abgelehnt wurde. Später wurden aus diesem Manuskript die vier Romane des stark autobiographischen Anton-Wachter-Zyklus. Der erste publizierte Roman des Zyklus ist Terug tot Ina Damman ("Zurück zu Ina Damman", 1934), in dem auf ergreifende Weise die Liebe des jungen Anton Wachters zu einem Mädchen aus seiner Schule geschildert wird.

Anton muss erfahren, dass die Wirklichkeit nicht mit seinen Traumvorstellungen übereinstimmt. Die sehr detaillierte Innensicht in diesem Roman erinnert an Proust und verdeutlicht die Maxime, dass es Verlangen nur in der Phantasie geben kann. Tatsächlich hatte Vestdijk hauptsächlich Koryphäen der modernen Literatur wie Kafka, Rilke, Faulkner und Sartre als literarische Vorbilder. Typisch modernistische Techniken wie der innere Monolog ziehen sich durch seine Texte. Der Zweifel an der Möglichkeit, die Wirklichkeit erkennen und beschreiben zu können, kennzeichnen Vestdijks literarische Verfahren. Diese setzte er nicht nur in psychologischen, sondern auch in historischen und phantastischen Romanen um. Neben dem Verfassen von Gedichten und Essays betätigte er sich auch als Literaturkritiker, um sich ein finanzielles Auskommen zu garantieren.

Der Zweite Weltkrieg ist ein besonderes Kapitel in Vestdijks Biographie. 1942 wurde er gefangen genommen und abwechselnd im berühmten Geisellager Beekvliet (Sint Michielsgestel) und im Strafgefängnis Scheveningen (mit dem Spitznamen "Das Oranjehotel") festgesetzt. Nachdem er wieder frei gekommen war, meldete er sich auf Anraten von Freunden bei der berüchtigten deutschen "Kulturkammer", wurde jedoch nie Mitglied. Er folgte dem Rat der Nationalsozialsten, nicht zu publizieren. Nichtsdestotrotz wurden Romane wie Het vijfde zegel (1937, dt.: Das Fünfte Siegel, 1939) und Aktaion onder de sterren (1941, dt.: Aktaion unter den Sternen, 1942) ins Deutsche übersetzt und erreichten in Deutschland eine für niederländische Verhältnisse ungewöhnlich hohe Auflage. Der anti-britische Roman Iersche nachten erschien gar erst in deutscher Übersetzung (Irische Nächte, 1944), bevor er 1946 in den Niederlanden publiziert wurde.

Viele berühmte Freunde Vestdijks wie Ter Braak, Du Perron und Marsman hatten den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt, so dass Vestdijk als berühmter niederländischer Schriftsteller auf viel öffentliches Interesse stieß. Der etablierte, mehrfach preisgekrönte Schriftsteller sorgte für eine Kontinuität mit der Vorkriegsprosa und galt bis in die 70er Jahre als einer der wichtigsten Autoren. Das Gerücht einer Hochzeit zwischen ihm und Henriëtte van Eyk schaffte es auf die Titelseiten der Zeitungen, auch wenn es sich als Ente erwies: Vestdijk wohnte nach wie vor mit seiner Lebensgefährtin Ans Koster in Doorn. Weniger als ein Jahr nach dem Tod Kosters sorgte er jedoch für Aufsehen, als er die vierzig Jahre jüngere Mieke van der Hoeven heiratete, mit der er zwei Kinder bekam.

Kritiker warfen ihm vor, seine literarische Kunst allmählich mit zu viel routinierter Ironie zu betreiben und nicht mehr die aufwühlende Faszination seiner Anfangswerke zu erreichen. Mit dem Beginn der Arbeit an seinem Roman De Persconferentie ("Die Pressekonferenz") Ende des Jahres 1969 überfiel Vestdijk eine tiefe Depression. Zudem litt er schon länger an der Parkinsonkrankheit.  Er wurde ins Krankenhaus eingewiesen und starb schließlich 1971 an einer Lungenentzündung. Auch nach seinem Tod blieb er noch lange ein Autor mit großem Prestige, allerdings ließ sein Ruhm nach, so dass etwa der 1972 ins Leben gerufene "Vestdijkring" heute nur noch einen Bruchteil seiner ursprünglichen Mitgliederzahl erreicht.

Preise und Auszeichnungen

  • 1938 – C.W. van der Hoogtpreis für Het vijfde zegel
  • 1941 – Dr. Wijnaendts Francken-Preis für Albert Verwey en de Idee
  • 1946 – Prosapreis der Gemeinde Amsterdam für Pastorale 1943
  • 1950 – P.C. Hooftpreis für De vuuraanbidders
  • 1953 – Besonderer Preis der Jan Campert-Stifung für Essays in duodecimo
  • 1954 – Essaypreis der Gemeinde Amsterdam für Essays in duodecimo
  • 1955 –Constantijn Huygenspreis für das Gesamtwerk
  • 1960 – Prosapreis der Gemeinde Amsterdam für De ziener
  • 1964 – Prijs voor Meesterschap für das Gesamtwerk
  • 1971 – Prijs der Nederlandse Letteren für das Gesamtwerk
  • 1955 – Ernennung zum Offizier des "Orde van Oranje-Nassau"
  • 1963 – Ritter des "Orde van de Nederlandse Leeuw"
  • 1965 – Ehrendoktor der Reichsuniversität Groningen

Autorin: Beatrix van Dam
Erstellt:
September 2006


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Grüttemeier, Ralf/Leuker, Maria-Theresia (Hrsg.): Kritisch lexicon van de Nederlandstalige literatuur na 1945; Niederländische Literaturgeschichte, Stuttgart, 2006.


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