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Harry Kurt Victor Mulisch

* Haarlem, 29. Juli 1927 – Amsterdam, 30. Oktober 2010 – Schriftsteller

Harry Mulisch
H. Mulisch, Quelle: Kippa/NA (119-0340)

Harry Mulisch wurde am 29.07.1927 als einziges Kind von dem aus dem ehemaligen Österreich-Ungarn stammenden Karl Victor Mulisch und der Antwerpener Jüdin Alice Schwarz im niederländischen Haarlem geboren. Mulisch wuchs zweisprachig auf (deutsch und niederländisch), in der Familie wurde jedoch fast ausschließlich deutsch gesprochen.

Von 1933 bis 1944 besuchte Mulisch die Grundschule am Christelijk Lyceum in Haarlem. Im Alter von neun Jahren ließen sich seine Eltern scheiden und Harry wurde hauptsächlich durch die aus Posen (heute Polen) stammende Haushälterin Frieda Falk großgezogen. Seine Mutter zog nach Amsterdam, Harry blieb bei seinem Vater. Dieser schaffte es aufgrund einer leitenden Tätigkeit bei Lippmann-Rosenthal & Co. – einer der Banken, die u. a. Geld damit verdiente, die von den Juden geraubten Besitztümer zu verwalten – seinen Sohn und seine Ex-Frau vor den Nazis zu schützen, während Mulischs Familie mütterlicherseits fast vollständig von den Nazis umgebracht wurde.

Während seiner Schulzeit war der junge Mulisch vor allem von den Naturwissenschaften fasziniert. Inspiriert durch das Jugendbuch „De avonturen van Bram Vingerling“ von Leonard Roggeveen, richtete er sich sogar ein kleines Labor ein, in dem er experimentierte – dies allerdings zu Lasten seiner schulischen Leistungen, so dass er durch die Prüfung für die weiterführende Schule fiel und 1944 im gegenseitigen Einvernehmen die Schule verließ. Mulischs Interesse verschob sich in den Folgejahren zunehmend von den Naturwissenschaften hin zur Kunst. Er begann zu zeichnen – und zu schreiben. So schrieb er 1946 die Geschichte „De kamer“, welche ein Jahr später in der niederländischen Zeitschrift Elsevier veröffentlicht wurde. Mulisch interessierte sich nun hauptsächlich für das Schreiben und beschäftigte sich mit großen Literaten wie Multatuli oder Dostojevski, er fing an Theater zu spielen und trat in einer Operette auf.

Ab 1949 beschäftigte er sich fast ausschließlich mit dem Schreiben und arbeitete an seinem Debütroman „Archibald Strohalm“, für den er zwei Jahre später mit dem Reina Prinsen Geerlingspreis ausgezeichnet wurde. 1957 starb sein Vater. In den Jahren 1958 bis 1962 war Harry Mulisch Redakteur bei der literarischen Zeitschrift Podium, von 1961 bis 1969 bei Randstad und von 1965 bis 1990 bei De Gids. In der Zwischenzeit heiratete Mulisch im Jahre 1971 Sjoerdje Woudenberg, mit der er zwei Kinder haben sollte. Im Hintergrund arbeitete an seinem großen Œuvre.

Hierzu gehören phantastische Erzählungen wie „De versierde mens“ (1957), Theaterstücke wie „Tanchelijn“ (1960), philosophische Werke wie „De compositie van de wereld“ (1980), autobiographische Schriften wie beispielsweise „Voer voor psychologen“ (1961) oder „Mijn getijdenboek“ (1975), aber auch Lyrikbände wie z.B. „De wijn is drinkbaar dankzij het glas (1976) und zahlreiche weitere Romane.

Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. So wurde Mulisch 1978 der Niederländische Staatspreis für Literatur zugedacht. Ein Jahr zuvor wurde er zu seinem fünfzigsten Geburtstag zum Ritter im Orden von Oranje-Nassau ernannt und nach Erscheinen des Romans „De Ontdekking van de Hemel“ im Jahre 1992 zum Offizier im Orden Oranje-Nassau befördert. In Deutschland bekam er für sein Werk aufgrund dessen „wichtiger Vermittlerrolle“ das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen. Darüber hinaus wurden einige Bücher verfilmt. Bereits 1981 kam „Twee vrouwen“ mit internationaler Besetzung in die Kinos. Das im Jahr 1982 erschienene und meistverkaufte Buch Mulischs, „De aanslag“, wurde 1986 von Fons Rademakers verfilmt, der dafür 1987 einen Oscar für den besten ausländischen Film und einen Golden Globe erhielt. Im Jahre 2001 verfilmte Jeroen Krabbé mit „The discovery of heaven“ Mulischs Roman „De Ontdekking van de Hemel“.

Mulischs Werke weisen oftmals einen metaphysischen Charakter auf und werden von einer magisch-mythischen Lebensphilosophie dominiert. Darüberhinaus zeichnen sich Mulischs Geschichten vor allem durch die Romankomposition aus, da er es versteht mit verschiedenen Handlungssträngen zu arbeiten. Vieles in seinem Werk weist autobiographische Züge auf, ist aber fast immer mit fiktionalen Elementen gespickt. Mulisch gilt als einer der bedeutendsten Nachkriegsautoren der Niederlande und gehörte neben Willem Frederik Hermans und Gerard van het Reve zu den drei größten niederländischen Schriftstellern der Nachkriegszeit („De Grote Drie“).

Trauer Harry Mulisch
Gedenkplakat Mulischs am Tag seiner Beisetzung am 6. November 2010 vor der Stadsschouwburg Amsterdam, Quelle: Hendrik Parmentier/cc-by-nc-sa

Harry Mulisch verstarb am 30. Oktober 2010 im Alter von 83 Jahren an den Folgen einer langjährigen Krebserkrankung (NiederlandeNet berichtete). Ein Jahr darauf ehrte ihn sein Stammcafé mit einem Lesetisch. Zusätzlich gab das Letterkundig Museum (dt. Museum für Literaturwissenschaften) in Den Haag bekannt, dass im Wohnhaus Mulischs an der Leidsegracht in Amsterdam ein Museum entstehen soll (NiederlandeNet berichtete).

Werke

De aanslag (1982), De ontdekking van de hemel (1992), Het zevende land (1998, Essay), De Procedure (1998, Roman), Het theater, de brief en de waarheid (2000, Boekenweekgeschenk), Siegfried (2003)

Deutsche Übersetzungen

Die Entdeckung des Himmels (2005), Das Attentat (2004), Die Elemente, (2002), Das steinerne Brautbett (1995), Augenstern (2003), Archibald Strohalm (2006), Das Theater, der Brief und die Wahrheit (2002), Die Prozedur (2001), Höchtse Zeit (2002), Selbstproträt mit Turban (1997), Siegfried (2003), Zwei Frauen (2000)

Autor: Boris Krause
Erstellt:
November 2010
Aktualisiert: Online-Redaktion, Juli 2014


Links

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Harry Mulisch in der digitalen Bibliothek der niederländischen Literaturwissenschaft (NL) DBNL

Website des Schritstellers Harry Mulisch

Kurzbiografie auf der Website 'Literatur im Kontext' (D)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben zum Thema Literatur finden Sie unter Bibliographie

Rover, F. d.: ‘Harry Mulisch’, in: Brems, H., Deel T.v., Zuiderent A. (Hrsg.): Kritisch lexicon van de Moderne Nederlandstalige Literatuur. Groningen. Band 5. Mai 1980 – Mai 1995.


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