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Konrad Merz (Kurt Lehmann)

* Berlin, 2. April 1908 - † Purmerend (Niederlande), 3. November 1999 – deutsch-niederländischer Schriftsteller

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Konrad Merz während der Frankfurter Buchmesse am 30. Setember 1992, Quelle: Günter Prust/cc-by

Konrad Merz kam am 2. April 1908 als Kurt Lehmann als Sohn eines zur jüdischen Arbeiterklasse zählenden Ehepaares in Berlin auf die Welt. Sein Vater stammte aus Berlin und arbeitete als Schneider, seine Mutter stammte aus Stettin. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1914 verbrachte Lehmann einige Jahre im Waisenhaus. Die zwanziger Jahre waren für ihn geprägt von Erwerbslosigkeit und Gelegenheitsarbeiten. Sechs Jahre arbeitete er als Statist an der Berliner Oper. Um dem Leben eines Hungerlöhners zu entkommen, besuchte er ab 1928 das Berliner Abendgymnasium und schloss es mit dem Abitur ab. Vier Jahre später ermöglichte ihm ein Stipendium das Jurastudium. Die Verbannung aller nichtarischen Studenten aus den Universitäten nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten traf jedoch auch ihn. Lehmann wurde exmatrikuliert.

Im Juni 1934 wurde Lehmann von der Gestapo gesucht. Ohne Geld, einen berühmten Namen und ohne Sprachkenntnisse floh er in die Niederlande, wo er zunächst in einer Gärtnerei in Ilpendam als Knecht Arbeit fand. Einige Wochen später übersiedelte er nach Amsterdam.

Lehmann hatte während seines Studiums zu schreiben begonnen und im Februar 1933 erste eigene Texte in der von ihm mitbegründeten Zeitschrift Der Aufstieg veröffentlicht. Das im Zuge der Machtübernahme verhängte Druckverbot jüdischer Schriftsteller hatte ihm jedoch weitere schriftstellerische Ambitionen unmöglich gemacht. Als er in die Niederlande ging, nahm er sein Tagebuch mit. Darin hatte er seine Erlebnisse während des Endes der Weimarer Republik und dem Beginn des Dritten Reiches festgehalten. Der Herausgeber der in Paris erscheinenden Exil-Zeitung Das Neue Tagebuch, Leopold Schwarzschild, war von diesen Zeugnissen so angetan, dass er sie im Herbst 1934 als Tagebuch eines Berliner Studenten veröffentlichte. Zur selben Zeit verarbeitete Lehmann seine Erfahrungen in den Niederlanden bereits zu einem Roman. Ermutigt durch einen in der Emigrantenzeitung Pariser Tageblatt erscheinenden Essay, dessen Verfasser, der niederländische Literaturkritiker Menno ter Braak, die mangelnde Qualität der bislang im Exil entstandenen Literatur beanstandete, wandte sich Lehmann an Ter Braak mit der Bitte, seinen Roman zu prüfen. Ter Braak war begeistert. Er glaubte, in Lehmanns Manuskript endlich die von ihm geforderte neue Stimme des Exils gefunden zu haben und öffnete ihm die Türen zum auf Literatur von Emigranten spezialisierten Querido-Verlag in Amsterdam. 1936 erschien das Buch unter dem Titel Ein Mensch fällt aus Deutschland. Um sich und seine in Berlin lebende Mutter vor den Nationalsozialisten zu schützen, wählte Lehmann das Pseudonym ‚Konrad Merz’. Im darauffolgenden Jahr erschien sein Erstlingswerk in einer niederländischen Übersetzung unter dem Titel Een mensch aangespoeld. Der Erfolg des Romans ermöglichte ihm für niederländische Zeitschriften zu schreiben – unter anderem für die von Wolfgang Cordan herausgegebene Zeitschrift Het Fundament. 1938 entstand ein zweiter Roman. Lehmann thematisierte darin erneut seine Erlebnisse als Emigrant in Amsterdam. Unter dem Titel Generation ohne Väter sollte er diesmal in der Schweiz veröffentlicht werden. Doch die durch den ‚Anschluss’ Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes stark verkleinerten Absatzmöglichkeiten verhinderten dies. Jahrzehntelang blieb das Manuskript verschollen. Erst kurz vor Lehmanns Tod tauchte es wieder auf und erschien 1999 im Berliner Aufbau-Verlag.

Als die Deutschen nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 nach Regimegegnern suchten, suchten sie auch nach dem Schriftsteller Konrad Merz. Gegen die Person Kurt Lehmann lag nichts vor. Bald jedoch wurde er als Jude verfolgt.

Lehmann versteckte sich in Amsterdam, Den Haag und Ilpendam und überlebte so den Holocaust. In diesen Jahren entstanden einige Gedichte, nach der Befreiung war er allerdings davon überzeugt, das Schreiben verlernt zu haben. Außerdem war das Interesse an der Exilliteratur und ihren Autoren in Westdeutschland und Österreich bis in die siebziger Jahre beschämend gering.

Der Mord an seiner Mutter – sie war in Auschwitz umgebracht worden – war für Lehmann eine wichtige Motivation, nicht nach Deutschland zurückzukehren, sondern in den Niederlanden zu bleiben. In den fünfziger Jahren machte er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten in Amsterdam. Dort lernte er Jet ter Kuile kennen, die aus einer Enscheder Textilfabrikantenfamilie stammte und ebenfalls als Physiotherapeutin arbeitete. 1956 heirateten beide, im folgenden Jahr bekamen sie eine Tochter, Titia. Zusammen mit seiner Frau arbeitete er im Krankenhaus in Pumerend und führte daneben bis zu seinem 75. Lebensjahr eine eigene Praxis.

Erst vierzig Jahre nach seiner letzten Veröffentlichung nahm Lehmann das Schreiben wieder auf. Er schrieb nun täglich und auf Deutsch. 1976 erschien ein Erzählband mit dem Titel Der Mann, der Hitler nicht erschossen hat. Erzählungen eines Masseurs, der, autobiographisch inspiriert, einen deutlichen Bezug zum Nationalsozialismus und zum Exil in den Niederlanden hatte. Der 1982 veröffentlichte Erzählband Glücksmaschine Mensch schloss daran an. 1998 erschien seine Autobiographie Berliner, Amsterdamer und ach – Jude auch.

In den Niederlanden wurde Lehmann ebenfalls erst gegen Ende der siebziger Jahre als Schriftsteller wahrgenommen. Den Anfang machten Een mens valt uit Duitsland und De man die niet op Hitler schoot (beide 1979 und von L. Coutinho übertragen), 1983 folgte der Erzählband Geluksmachine mens, vertelling van een masseur.

Kurt Lehmann starb am 30. November 1999 einundneunzigjährig in Purmerend bei Amsterdam.
Wie Grete Weil, Hans Keilson und Elisabeth Augustin gehörte Kurt Lehmann/Konrad Merz zu der Generation junger Autoren, die während der Entstehung des Dritten Reiches zu schreiben und zu veröffentlichen anfingen und deren Karrieren von den Nationalsozialisten zerstört wurden, bevor sie richtig beginnen konnten. Konrad Merz war der Einzige dieser Gruppe, dem es gelang, als unbekannter Neuling bei einem renommierten Exilverlag sein Debüt als Schriftsteller zu geben. Mit Ein Mensch fällt aus Deutschland schuf er ein sehr authentisches, sprachlich neue Wege beschreitendes Bild der deutschen Emigration in den Niederlanden. Seit 2007 verwaltet das Deutsche Literatur Archiv Marbach seinen Nachlass.

Werke

  • Ein Mensch fällt aus Deutschland, Amsterdam 1936.
  • Der Mann der Hitler nicht erschossen hat. Erzählungen eines Masseurs, Darmstadt 1977.
  • Glücksmaschine Mensch. Plaudereien eines Masseurs, Zürich 1982.
  • Berliner, Amsterdamer und ach – Jude auch. Memoiren aus neunzig Jahren, Bocholt und Bredevoort 1998.
  • Generation ohne Väter, Berlin 1999.

Niederländische Übersetzungen

  • Een mensch aangespoeld, Amsterdam 1937
  • Een mens valt uit Duitsland, Utrecht, 1979
  • De man die niet op Hitler schoot, Utrecht 1979
  • Geluksmachine mens, vertellingen van een masseur, Bussum 1983

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt:
Dezember 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben zum Thema Literatur finden Sie unter Bibliographie

Grijn Santen, W. B. van der: Amsterdam als jüdischer Zufluchtsort in der deutschen und niederländischen Literatur, Würzburg 2008 (zgl. Dissertation Würzburg 2008).

Haack, Eckhard: Humor in der Tragödie, in: Merz, Konrad: Berliner, Amsterdamer und ach – Jude auch, Bocholt/Bredevoort 1998, S. 170–188.

Schmidinger, Veit Johannes: Konrad Merz – Ein Mensch fällt aus Deutschland, in: Schmidinger, Veit J./Schoeller, Wilfried F.: Transit Amsterdam, München 2007, S. 28–35.

Schöffling, Klaus (Hrsg.): Konrad Merz zum fünfundsiebzigsten Geburtstag am 2. April 1983, Zürich 1983.

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