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Hans Keilson

* Bad Freienwalde an der Oder, 12. Dezember 1909 - † Hilversum, 31. Mai 2011 – deutsch-niederländischer Psychoanalytiker, Arzt und Schriftsteller

Hans Keilson
Hans Keilson bei der Verleihung der Moses Mendelssohn-Medaille 2007 in Potsdam, Quelle: Florian Oertel/cc-by-sa

Hans Keilson wurde am 12. Dezember 1909 in der brandenburgischen Kleinstadt Freienwalde an der Oder als Sohn jüdischer Eltern geboren. Von Jugend an interessierte er sich für Literatur. Als er mit einer Rezension des Buches Demian von Hermann Hesses an einem Preisausschreiben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels teilnahm, gewann er den dritten Preis. Das Preisgeld investierte er in eine Ausgabe von Sigmund Freuds Vorlesungen zu Einführungen in die Psychoanalyse.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise musste Keilsons Vater sein Geschäft aufgeben. Im Sommer 1931 verarbeitete Keilson dieses Schicksal in einem ersten Roman. Das Leben geht weiter, so der Titel, erschien im Frühjahr 1933 im S. Fischer Verlag in Berlin als letzte Veröffentlichung eines Schriftstellers, der als Jude von den Nationalsozialisten nun zu den unerwünschten Autoren gezählt wurde.

Nach seinem Abitur (1928) studierte Keilson in Berlin Medizin, parallel dazu ließ er sich an der Preußischen Hochschule für Leibesübungen zum Sportlehrer ausbilden. Da ihm als Juden nach Abschluss des Medizinstudiums (1934) das klinische Praktikum verwehrt wurde, arbeitete er als Erzieher an jüdischen Schulen.

Seit 1934/35 war Keilson mit der Graphologin Gertrud Manz liiert. Im Gegensatz zu ihm erkannte sie die Gefahr, die von den Nationalsozialisten drohte, und drängte ihn zur gemeinsamen Übersiedlung in die Niederlande. Im September 1936 reisten sie als ‚Touristen’ ohne nennenswerte Geldmittel nach Amsterdam. Einige Monate später fanden sie in der Kleinstadt Naarden eine Wohnung und einen verständnisvollen Vermieter. Während Gertrud Manz als Graphologin schnell Arbeit fand, trug Keilson, der rasch Niederländisch lernte, durch Redaktionstätigkeit und pädagogische Beratung zum Unterhalt bei. Da beide nach wie vor deutsche Staatsbürger waren, blieb ihnen seit Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze (1935) die gewünschte Heirat auch in den Niederlanden verwehrt.

Bald nach seiner Ankunft in den Niederlanden hatte Keilson auch wieder zu schreiben begonnen, überwiegend auf Deutsch. Auch nachdem er die niederländische Sprache gut beherrschte, schrieb er auf Deutsch. In den Gedichten Selbstbildnis, Der Tod Erich Mühsams und Amsterdamer Lied, spiegelte sich Keilsons Leben als Emigrant. Einige seiner Gedichte wurden in der renommierten Literaturzeitschrift De Gemeenschap veröffentlicht (um Keilsons noch in Deutschland lebende Eltern nicht zu gefährden unter dem Pseudonym Alexander Kailand), darunter auch das 1937 in einer ersten Fassung entstandene Gedicht Bildnis eines Feindes, die Grundlage seines später im Untergrund begonnenen Romans Der Tod des Widersachers. Er war in dieser Zeit unter dem Pseudonym Benjamin Cooper Mitherausgeber der niederländischen Anthologien In het doolhof der liefde, De zingende walvis und Zeven keer zweven vredestemmen aller tijden en volkeren.

Nach der ‚Reichskristallnacht’ gelang es Keilson, seine Eltern nach Holland zu holen und so gut es ging finanziell zu unterstützen.
Mit der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht wiederholten sich die Ausgrenzungen und Bedrohungen. Die 1941 geborene Tochter Barbara wurde als Kind eines Wehrmachtssoldaten ausgegeben, um sie und Gertrud Manz zu schützen.

Keilson tauchte im April 1943 unter. Als Dr. van der Linden wurde er von der Delfter Widerstandsgruppe, der seine Gastfamilie angehörte, im Rahmen der Vrije Groepen Amsterdam als Kurier, Berater und psychologischer Betreuer von Familien eingesetzt, die anderen Verfolgten ein lebensrettendes Versteck boten. Unterdessen wurden seine Eltern über das Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Nach der Befreiung heirateten Hans Keilson und Gertrud Manz und machten so die zehn Jahre lang verhinderte Ehe offiziell. Da vor allem Gertrud Keilson-Manz nicht nach Deutschland zurückkehren wollte, beschloss man, in den Niederlanden zu bleiben und niederländische Staatsbürger zu werden.

Hans Keilson holte sein niederländisches Arztexamen nach, einschließlich der Ausbildung zum Nervenarzt (Psychiater und Neurologe) und Psychoanalytiker. Von den niederländischen jüdischen Kindern, die untergetaucht oder aus den Konzentrationslagern zurückgekehrt, den Holocaust überlebt hatten, hatten circa 2.000 Kinder beide Eltern verloren. Für diese jüdischen Waisenkinder wurde direkt nach Kriegsende die Hilfsorganisation Le Ezrat HaJeled (dt. Zur Hilfe des Kindes) gegründet, die sich unter anderem um Vormundschaften für die Kinder bemühte. Seit ihrer Gründung arbeitete Hans Keilson für diese Organisation und für diese Kinder als psychiatrischer Berater. Diesen Kindern und ihrem Schicksal während und nach den Jahren der Verfolgung galt in den 1960er und 1970er Jahren seine Untersuchung Sequentielle Traumatisierung bei Kindern, mit der er 1979 an der Universität von Amsterdam promovierte und die heute, übersetzt ins Englische und Französische und 2005 neu aufgelegt, als Standardwerk gelten kann.

Daneben war er Mitarbeiter der Psychiatrischen Kinderklinik der Universität Amsterdam, Leiter einer Stiftung für therapeutische Pflegefamilien und hatte in Bussum (einem Nachbarort des Städtchens Naarden) eine Privatpraxis, die er bis in seine letzten Lebensjahre fortführen konnte.

Seine literarischen „Seitensprünge“, wie er es nannte, hatte er gleich nach Kriegsende wieder aufgenommen. 1947 erschien die in Delft geschriebene Erzählung Komödie in Moll, auf Deutsch und Niederländisch. 1959 erschien bei Westermann der ebenfalls noch im Untergrund begonnene Roman Der Tod des Widersachers, übersetzt ins Niederländische und ins Englische. Schon damals erhielt dieser in den USA ein positives Echo. In den 60er Jahren wendete sich Keilson wieder verstärkt dem Schreiben von Gedichten zu. In den 80er und 90er Jahren entstanden zahlreiche Essays.

Von 1985 bis 1988 war Hans Keilson Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. 1996 wurde er zum Gastprofessor auf den Franz-Rosenzweig-Lehrstuhl der Universität Kassel berufen und 1999 zum korrespondierenden Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die ihm 2005 ihren Essay-Preis verlieh. Im gleichen Jahr brachte der S. Fischer Verlag eine Gesamtausgabe seiner literarischen Schriften heraus.

Im Spätsommer 2010 begrüßte die Rezensentin der New York Times die eben erschienene amerikanische Ausgabe der Komödie in Moll mit einer begeisterten Besprechung. Diese fand auch in den Niederlanden überraschend große Aufmerksamkeit, wo der 100-jährige Autor quasi noch einmal neu entdeckt wurde und in Radio- und Fernsehinterviews geduldig Rede und Antwort stand. In den Niederlanden und kurz darauf im S. Fischer Verlag erschien im Frühjahr 2011 ein Band mit Erinnerungsfragmenten: Da steht mein Haus. Das internationale Interesse führte in der Folge zu Übersetzungen ins Spanische, Französische, Italienische, Portugiesische, Hebräische, Finnische, Ungarische, Koreanische und Dänische.

Hans Keilson starb am 31. Mai 2011 in Hilversum.

Ausgewählte Werke

  • Das Leben geht weiter (Roman, Berlin)
  • Komödie in Moll (Erzählung, Amsterdam 1947)
  • Der Tod des Widersachers (Roman, Braunschweig 1959)
  • Sprachwurzellos (Gedichte, Gießen 1986)
  • Sequentielle Traumatisierung. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up-Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden (Gießen, 2005 [Stuttgart, 1979])
  • Werke in zwei Bänden (Detering, Heinrich/Kurz, Gerhard (Hrsg.), Frankfurt 2005)
  • Da steht mein Haus (Frankfurt 2011)

Ausgewählte Auszeichnungen

  • 1985-1988: Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland
  • 1996: Franz-Rosenzweig-Gastprofessur der Universität Kassel
  • 1992: Ehrendoktorwürde der Universität Bremen
  • 2005: Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay
  • Ab 2006 Ehrenmitglied des PEN
  • 2007: Moses-Mendelsohn-Medaille des Moses Mendelsohn Zentrums Potsdam
  • 2008: WELT-Literaturpreis
  • 2009: Officier in de Orde van Oranje-Nassau

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt:
Dezember 2012


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