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Willem Frederik Hermans

Amsterdam, 1. September 1921 † Utrecht, 27. April 1995 - Schriftsteller

Willem Frederik Hermans
Willem Frederik Hermans, Quelle: Kippa/NA (119-0320)

Willem Frederik Hermans gehört zu den berühmtesten niederländischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er gilt auch als großer Kritiker der niederländischen Kultur und ist für seine negative Auffassung der Welt als "sadistisches Universum" bekannt.

Hermans wird 1921 in Amsterdam geboren. 1940 beginnt er dort auch zu studieren und erlebt die deutsche Besatzung mit. Da er schon während der Studienzeit literarisch aktiv wird, schließt er sein Studium der physischen Geographie erst 1950 ab. 1955 promoviert er in diesem Fach. Bis 1973 ist er zusätzlich zu seinem literarischen Schaffen als Universitätsdozent in Groningen tätig.

Hermans Debütroman erscheint 1947 unter dem Titel Conserve ("Konserve"). Schon in diesem Roman kündigt sich Hermans' weltanschauliches und literarisches Programm an, das sich bis zu seiner posthum erschienenen Novelle Ruisend Gruis ("Rauschender Staub", 1995) durch sein Werk zieht. Hermans' Weltanschauung wird auch als "epistemologischer Nihilismus" bezeichnet, der auf der Grundannahme beruht, dass der Mensch die Wirklichkeit nicht durchgründen kann, weil diese komplex, doppeldeutig und von Grund auf chaotisch ist. Wie wenig man sich auf seine Wahrnehmung verlassen kann, sucht Hermans auch in seinen Romanen deutlich zu machen. In seinem bekanntesten, im zweiten Weltkrieg spielenden Roman, De donkere kamer van Damokles (dt.: Die Dunkelkammer des Damokles, 2001), der ihm 1958 zum Durchbruch verhilft, bleibt bis zum Schluss offen, ob eine der Figuren des Romans jemals wirklich existierte, oder ob sie nur Teil der Phantasie einer anderen Figur war. Auf diese Weise wird auch den Leserinnen und Lesern gezeigt,  dass durch keine Erkenntnis eine letzte Wahrheit aus der Wirklichkeit zu extrahieren ist. Schon die Titel von Hermans' Werken wie Moedwil en misverstand („Mutwille und Missverständnis“, 1948), Paranoia ("Paranoia", 1953) oder Het sadistische universum ("Das sadistische Universum", 1964), weisen auf diese negative Grundauffassung hin. In seinem Roman Nooit meer slapen (1966, dt.: Nie mehr schlafen 1982/2002) wird den Lesern und Leserinnen in der Figur eines durch Nordnorwegen irrenden Geographen, dessen unter großer Aufopferung durchgeführte Suche nach Meteoritenkratern erfolglos bleibt, die Sinnlosigkeit des Strebens nach Erkenntnis vor Augen geführt. Obwohl oder gerade weil die Wirklichkeit für Hermans unkontrollierbar ist, tritt er für ihre geordnete Wiedergabe in der Literatur ein. Von ihm stammt die berühmte "Spatzenforderung" ("musseneis"), nach der in einem Roman kein Spatz vom Dach fallen darf, ohne dass dies zur Gesamtbedeutung des Werks beiträgt.

In und neben seinem literarischen Schaffen etabliert sich Hermans auch als großer Kritiker in der niederländischen Öffentlichkeit. Schon in seinem während der Nachkriegsjahre erschienenen Roman De tranen der acacia's (1949, dt.: Die Tränen der Akazien, 1968/2005) klingt Kritik an der Glorifizierung des niederländischen Widerstandes gegen die Nationalsozialisten an. Deutlich polemisch sind Hermans’ Romane Ik heb altijd gelijk ("Ich habe immer Recht", 1951) und Onder professoren ("Unter Professoren", 1975). In Onder professoren  nimmt Hermans das akademische Milieu auf's Korn, Ik heb altijd gelijk ist der Rundumschlag eines degradierten, aus den Kolonien heimgekehrten Sergeant gegen alles und jeden. Wegen der in diesem Roman formulierten polemischen Ausfälle des Protagonisten gegen die katholischen Teile der niederländischen Bevölkerung muss sich Hermans vor Gericht verantworten, wurde aber freigesprochen. In zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften publiziert Hermans zusätzlich kritische Artikel und Kommentare.

Obwohl Hermans in den Niederlanden zu den anerkanntesten Schriftstellern gehört, wird er in Deutschland erst seit kurzem als bedeutender europäischer Autor entdeckt. Da er prinzipiell gegen Literaturpreise ist, wird ihm nur 1949 der Essaypreis der Gemeinde Amsterdam und 1977 der Prijs der Nederlandse Letteren verliehen. 

Autorin: Beatrix van Dam
Erstellt:
Dezember 2006


Literatur

Alle bibliographischen Angaben zum Thema Literatur finden Sie unter Bibliographie

Grüttemeier, Ralf/ Leuker, Maria-Theresia (Hrsg.): Niederländische Literaturgeschichte,Weimar 2006.

Zuiderent, Ad/Brems,Hugo/ Deel, Tom van (Hrsg.): Kritisch lexicon van de Nederlandstalige literatuur na 1945, Alphen aan den Rijn 1980.

Anbeek, Ton: Geschiedenis van de literatuur in Nederland 1885-1985, Amsterdam 1999.

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