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Hélène Serafia Haasse

* Batavia, 2. Februar 1918 - † Amsterdam, 29. September 2011 - Schriftstellerin

Hella Haasse
H. Haasse, Quelle: Kippa/NA (139-0720)

Hélène Serafia Haasse ist in der Nachkriegsliteratur schon fast so etwas wie die grand old lady. Seit dem Beginn ihres literarischen Schaffens hat die Autorin ein umfangreiches Oeuvre aus Gedichtbänden, Essays, Theaterstücken, Novellen und Dramen hervorgebracht und wurde dafür mit einer langen Reihe wichtiger Preise ausgezeichnet.

Haasse wurde am 2. Februar 1918 in Jakarta/Indonesien geboren, das damals unter dem Namen "Batavia" als die Hauptstadt der niederländischen Kolonie Niederländisch-Indien bekannt war. Schon Haasses Vater war Schriftsteller gewesen und auch ihre Mutter betätigte sich künstlerisch als Pianistin. Der Vater schrieb jedoch nur unter dem Pseudonym W.H. van Eemlandt und arbeitete hauptberuflich als Finanzinspektor bei der niederländischen Kolonialregierung. Haasse verbrachte die meiste Zeit ihrer Jugend in Niederländisch-Indien und ging dort von der Grundschule bis zum Gymnasium zur Schule. Nur von 1924 bis 1928 wohnte sie mit ihrem Bruder bei ihren Großeltern in den Niederlanden, weil ihre Mutter aus gesundheitlichen Gründen nach Europa zurückkehren musste.

Nach ihrer Rückkehr aus Europa interessierte sich Haasse vor allem für zwei Dinge: das Lesen und das Theater. Sie schrieb Stücke, die sie von ihren Nachbarskindern aufführen ließ und las sich quer durch den Bücherschrank ihres Vaters. Vor allem historische Romane von Victor Hugo, Walter Scott und Jacob van Lennep interessierten sie. Als sie elf Jahre alt war, verfasste sie ihren ersten eigenen historischen Roman.

Auszeichnungen

1948 – Preis des Novellenwettbewerbs CPNB für Oeroeg
1958 – Nationaler Atlantischer Preis für De ingewijden
1960 – Internationaler Atlantischer Preis für De ingewijden
1961 – Preis der Stiftung "Kunstenaarsverzet 1942-1945" (Widerstand der Künstler 1942-1945) für das             Gesamtwerk
1962 – ANV-Visser Neerlandia-Preis für Een draad in het donker
1977 – Littéraire Witte Preis für Een gevaarlijke verhouding of Daal-en-Bergse brieven
1981 – Constantijn Huygenspreis für das Gesamtwerk
1984 – P.C. Hooftpreis für das Gesamtwerk
1985 – J.P. van Praagpreis für das Gesamtwerk
1993 – Publikumspreis für das Heren van de thee
1995 – Annie Romeinpreis für das Gesamtwerk
1995 – Ehrendoktorat an der Katholischen Universität Löwen
1996 – Gabriela Mistral-Medaille für das Gesamtwerk
1996 – Preis des PEN-Centrum Flandern
2003 – NS Publikumspreis für Sleuteloog
2003 – Dirk Martenspreis für Sleuteloog
2004 – Prijs der Nederlandse Letteren ("Preis der Niederländischen Literaturwissenschaft") für das Gesamtwerk

1938 ging Haasse zum Studium in die Niederlande. Als weltfremdes und naives Mädchen tauchte sie in das Amsterdamer Studentenleben der Besatzungszeit ein. Trotz der politischen Umstände blieb sie vor allem an der Kunst interessiert, trat 1940 einer Theatergruppe bei und schrieb ihre ersten Gedichte. 1945 erschien ihr Debütgedichtband Stroomversnelling ("Stromschnelle"). Ihr Prosadebüt Kleren maken de vrouw ("Kleider machen die Frau") stieß auf kein großes öffentliches Interesse, dafür ihre Novelle Oeroeg (1948, dt.: Der schwarze See, erst 1994 übersetzt) umso mehr. Diese Erzählung wurde ein Klassiker der niederländischen Nachkriegsliteratur und gehörte jahrzehntelang zum festen Kanon der Schullektüre.

In Oeroeg werden Kindheitserinnerungen an Indonesien verarbeitet. Dabei sind das Land und seine Einwohner nicht wie in Haasses Erinnerung nur das Dekor einer beschützen Jugend, sondern der ins Zentrum gerückte Gegenstand der Aufmerksamkeit. Die Novelle handelt von der unmöglichen Freundschaft zwischen einem niederländischen und einem indonesischen Jungen namens Oeroeg. Als der niederländische Ich-Erzähler von seinem Studium in den Niederlanden nach Indonesien zurückkehrt, ist Oeroeg für ihn genau so unergründlich wie der schwarze See, an dem sich sein Leben abspielt: die beiden sind sich im Erwachsenenalter völlig fremd geworden.

Obwohl in dieser berühmten Novelle der Versuch der Annäherung und der Erkenntnis scheitert, steht für ihr gesamtes Werk der Gedanke im Mittelpunkt, dass in der Literatur die Wahrheit aufgedeckt und eine verborgene Wirklichkeit zutage gefördert werden kann. Immer wieder versuchte Haasse in ihren Romanen auch die Geschichte zu ergründen. Ihr erster historischer Roman, Het woud der verwachting (1949, dt.: Wald der Erwartung: das Leben Karls von Orleans, 1957) ist in seiner Schreibweise noch recht traditionell. Im darauf folgenden Roman De scharlaken stad (1952, dt.: Die scharlachrote Stadt, 1955) über Giovanni Borgia deutet sich schon ein essayistischer Schreibstil an, der sich in Een nieuwer testament (1966, dt.: Ein neueres Testament, 1966) fortsetzt und seinen Höhepunkt in Een gevaarlijke verhouding of Daal-en-Bergse brieven (1976, dt.: Gefährliche Freundschaft oder Briefe aus Daalberg, 1976) erreicht.

In jüngster Zeit kehrte Haasse mit den Romanen Heren van de thee (1992, dt.: Die Teebarone, 1995) und Sleuteloog (2002, dt.: Schlüsselauge, 2002) wieder zur kolonialen Thematik zurück, wobei sie vor allem in Sleuteloog an die Novelle Oeroeg anschließt, diesmal aber eine ganz andere Perspektive einnimmt. Ihr umfangreiches Werk umfasst noch viele andere Texte, welche allesamt davon zeugen, dass Hella S. Haasse eine vielschichtige Erzählerin und genaue Beobachterin ist und keineswegs nur auf ihren Roman Oeroeg und die damit verbundene Periode gediegener Nachkriegsliteratur reduziert werden sollte.

Arbeiten und Übersetzungen seit 1994

Transit (1994, Boekenweekgeschenk), Ogenblikken in Valois (1996, Autobiografische Texte, Essays), Uitgesproken opgeschreven (1996, Essays), Zwanen schieten (1997, Roman), Fenrir: een lang weekend in de Ardennen (2000), Sleuteloog (2002, Roman), Het diepteloot van de herinnering (2003, Autobiografische Texte)

Deutsche Übersetzungen

Die scharlachrote Stadt, 1996 (Rowohlt), Wald der Erwartung, 1999 (Rowohlt), Das blaue Haus, 1998 (Goldmann), Der kleine Garten, 1999 (Btb/Goldmann), Das Gemälde, 1999 (Btb/Goldmann), Ich widerspreche stets (1999, Rowohlt), Transit, 1999 (Rowohlt)


Autorin: Beatrix van Dam
Erstellt:
Mai 2007
Aktualisiert: September 2011


Literatur

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Grüttemeier, Ralf/ Leuker, Maria-Theresia (Hrsg.): Niederländische Literaturgeschichte,Weimar 2006.

Zuiderent, Ad/Brems,Hugo/ Deel, Tom van (Hrsg.): Kritisch lexicon van de Nederlandstalige literatuur na 1945, Alphen aan den Rijn 1980.

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