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Arnon Grünberg

* Amsterdam, 22. Februar 1971 – Schriftsteller

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Arnon Grünberg 2012, Quelle: Ben kleyn/cc-by-sa

Wenn Arnon Grünberg in der Stadt ist, spricht sich das meistens schnell herum. Als der bekannte aber etwas scheue Schriftsteller vor ein paar Wochen zu Besuch in Den Haag war, dauerte es wieder einmal nicht lange, bis ihm eine Frau einen dicken Blumenstrauß brachte. Einfach so. Dann beugte sie sich zu ihm, zeigte auf einen Buchladen und sagte sinngemäß: „Da drüben sind noch einige andere Leute, die ihre Gesellschaft zu schätzen wissen“. Arnon Yasha Yves Grünberg, wie er offiziell heißt, hat diese kleine Anekdote aus seinem Leben kürzlich selbst preisgegeben. Der Wahl-New Yorker lässt sich wohl am besten als Vielschreiber charakterisieren. Romane, Reportagen, Kolumnen, Blogs und sogar ein Theaterstück – Grünberg oder in der amerikanisierten Form häufig auch Grunberg – publiziert Texte am laufenden Band. Für seine Anhänger ist er außerdem das sprichwörtlich offene Buch. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern besitzt Grünberg eine umfangreiche Internetseite, die viele Details über sein Privatleben enthält. Die Einträge gibt es allerdings ausschließlich auf Englisch – ungewöhnlich könnte man denken.

Andererseits wird Grünbergs Werk in bis zu 27 Sprachen übersetzt. Seine Leser verteilen sich mittlerweile über den ganzen Globus. Die Fotos, die er auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht, sind ein wichtiges Element, um mit seinen Fans Kontakt zu halten. Die aktuellsten Bilder zeigen Hotelbetten, in denen Grünberg übernachtet hat. Die Einträge auf seiner Homepage sind sogar noch persönlicher. Unter anderem findet man eine Gegenüberstellung seiner Vorlieben und Abneigungen, einen Text über Einflüsse durch andere Schriftsteller, eine Hitliste seiner Lieblingsfilme (zum Beispiel Scarface und Apocalypse Now) sowie einen Zeitplan mit einem typischen Tagesablauf. Der Leser erfährt darin, dass Grünberg morgens um 8 Uhr aufsteht, selbst wenn er sich erst eine Stunde vorher schlafen gelegt hat. Danach geht Grünberg in einen kleinen Laden, wo er sich Kaffee und Orangensaft bestellt. Im Anschluss wandert er zurück in seine Wohnung im Stadtteil Queens, setzt sich in die Küche und schreibt bis 13 Uhr Texte. Wenn er nicht Zuhause ist, schreibt er vom Hotelbett aus. So könnte man die Fotos erklären.

Grünbergs Internetseite verfügt passenderweise aber auch über eine Unterseite zum Thema Sex. Daneben gibt es einen weiteren Button mit der Überschrift „Love/Girlfriends“. Wer möchte, kann dort nachlesen, dass der gebürtige Amsterdamer viel Zeit in Restaurants verbringt und sich wohl daher bereits dreimal in eine Kellnerin verliebt hat. Einmal soll es sogar die Tochter des Restaurantbesitzers gewesen sein. Allerdings enden Grünbergs Offenbarungen immer mit einem kleinen Sternchen. In der Auflösung wird klar, dass der Schriftsteller Passagen aus diesem und jenem seiner bisher rund 20 Romane gestreut hat. Was also letztendlich stimmt und was nicht, weiß wohl nur Grünberg selbst. Künstler halt. Die vielen Einträge über Religion, Eltern, Amerika und Schauspiel haben vermutlich (noch) einen ganz anderen Sinn: Sie fassen die Themen zusammen, die in Grünbergs Texten immer wieder auftauchen. Besonders hervorzuheben sind hier Sprache, Jugend und das Judentum. Grünberg – übrigens selbst Jude – berichtete aber auch schon über den amerikanischen Militäreinsatz im Irak. Zweimal war er als embedded journalist vor Ort.

Die unerwartet ehrlichen Selbstbeschreibungen auf Grünbergs Internetseite sollen den Leser vor allem von Anfang an auf die Art von Büchern vorbereiten, die ihnen der Schriftsteller in sehr regelmäßigen Abständen serviert. Oder anders gesagt: Grünberg liebt es zu provozieren. Mit 17 Jahren – diese Geschichte ist wirklich so passiert – flog der junge Arnon vom Vossius-Gymnasium in Amsterdam-Zuid. Im offiziellen Begründungsschreiben an die Eltern wurde er als „asoziales Element“ bezeichnet. Auf Grünbergs Internetseite liest sich das in etwa so: „Im Mai haben sie mich von der Schule geworfen. Ein paar Tage nachdem ich begonnen hatte, eine alternative Schülerzeitung zu verkaufen. Es lief sehr gut. Selbst alle Lehrer kauften sich eine Ausgabe. Einen Tag später wurde ich zum Rektor zitiert. Das Magazin war voll von Obszönitäten. Natürlich war es das.“ Auch in seinen literarischen Texten spielt Grünberg gerne mit grotesken Situationen, Slapstick, Tabus, nationalen Gefühlen und den Ekelempfinden der Leser. Der jüdische Messias ist vermutlich das bekannteste Beispiel dafür. Grünberg schrieb den Roman im Jahr 2004.

Der sonst immer sehr zügig arbeitende Diogenes-Verlag haderte allerdings geschlagene neun Jahre mit sich, ehe er das zuvor bereits auf Niederländisch erschienene Buch ins Deutsche übersetzte. Parallel zur Buchveröffentlichung präsentierten die Schweizer Verleger ein Interview mit Grünberg, in dem dieser auf Fragen antwortete wie: „Wollen Sie Ihre Leser aufrütteln mit diesem Roman, sie schockieren?“ oder „Darf man Witze über den Holocaust machen?“. Grünberg erklärt in einem Interview mit Die Zeit, man habe gar keine andere Wahl als den Zweiten Weltkrieg auf die Schippe zu nehmen. In einem Fernsehbeitrag – Grünberg spricht fließend Deutsch – berichtete er, dass man ihn wegen dieses Buches schon als Antisemiten beschimpft habe. An derartigen Vorwürfen ist natürlich nichts dran. Die Verunsicherung der Leser ist vielmehr ein kalkuliertes Element der Marke Arnon Grünberg. In den Niederlanden fährt der Schriftsteller damit offenbar einen sehr erfolgreichen Kurs. Für die Zeitung de Volkskrant darf Grünberg seit März 2010 sogar die tägliche Kolumne Voetnoot (dt. Fußnote) schreiben – prominent platziert auf der Titelseite.

Ein Blick in den 600 Seiten starken Inhalt von „Der jüdische Messias“ zeigt aber auch, warum Grünberg bei seinen Lesern gelegentlich gemischte Gefühle hervorruft. „Weil sein Großvater mit aufrichtiger Begeisterung und rückhaltlosem Glauben an die Zukunft der SS gedient hatte ...“ lauten die ersten Zeilen. Die Hauptfigur plant unter anderem Hitlers „Mein Kampf“ ins Jiddische zu übersetzen. Ein Freund von ihm organisiert die noch ausstehende Beschneidung des Protagonisten, die in einem Keller stattfindet und von einem mehr oder weniger blinden Käsehändler durchgeführt wird. Xavier Radek, die Hauptfigur, verliert bei dem Eingriff einen Hoden, den er fortan „König David“ nennt und in einem Glas mit sich herumträgt. Am Ende der Erzählung sitzt Xaver in einem Bunker und erschießt seinen Schäferhund. Nun muss man wissen, dass Grünbergs Eltern von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Die Familie floh deshalb 1933 aus Berlin nach Amsterdam. Während des Krieges kamen beide in das Konzentrationslager Auschwitz. Sie blieben unversehrt. 1971 kam Arnon auf die Welt.

Nachdem er 1988 die Schule vorzeitig verlassen musste, arbeitete Grünberg unter anderem in einer Apotheke und als Tellerwäscher. Später wollte er Schauspieler werden, übernahm mehrere Rollen in kleineren Produktionen. 1994 kam der Durchbruch mit dem sehr autobiografischen Roman „Blauer Montag“. Seine Schwester zog einige Zeit später nach Israel, wo sie heute nach streng orthodoxen Regeln lebt. Arnon Grünberg dagegen wanderte 1995 in die USA aus und wandte sich von seiner Religion ab. Irgendwie verwundert es nicht, dass seine Biografie ihn zwangsläufig nach New York geführt hat. Wo sonst wird man so schnell vom Aushilfskellner zum gemachten Mann? Aber auch im alten Europa hat Grünberg überaus viele Erfolge zu verzeichnen. Seine Bücher wurden bereits mit sämtlichen niederländischen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2002 erhielt er zudem den Literaturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Für die Münchner Kammerspiele hat er im vergangenen Jahr ein Theaterstück geschrieben, dass den Titel „Hoppla, wir sterben“ trägt. Bei Grünberg geht es einfach nicht ohne eine gewisse Provokation.

Autor: Felix Rentzsch
Erstellt: März 2015


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