XIII. Ein Blick in die Zukunft

Die Veränderung der Sprache ist ein andauernder Prozess. Er verläuft so langsam, dass er von Sprechern in der Regel nicht wahrgenommen wird. Zwar kennt jeder die Kontroversen um den „Verfall“ der Sprache – heutzutage gern unterstützt durch die Aufzählung zahlreicher Anglizismen – aber kaum jemand ist sich bewusst, wie die eigene Sprache sich konkret ändert. Sprache ändert sich einerseits „von allein“, das heißt ohne direkten und gezielten Eingriff, andererseits wird Sprache auch immer wieder künstlich verändert (zum Beispiel die Schreibsprache durch Rechtschreibreformen). In beiderlei Hinsicht ist Sprachentwicklung der Mode beziehungsweise gesellschaftlichen Tendenzen unterworfen, die sich nicht vorhersehbar verändern und von einem Extrem in das andere fallen können. Eine Vorausschau auf das Niederländische der Zukunft kann deshalb nur vage gehalten werden und soll hier kurz ausfallen.

Wie schon erwähnt, wird das Niederländische (wie auch das Deutsche) immer wieder als vom Englischen bedroht angesehen. Alarmisten, die eine Ausbreitung des Englischen zu Lasten des Niederländischen anprangern, werden oft belächelt, jedoch sollten die Einwände nicht ganz unbeachtet gelassen werden. Entwarnung in Hinblick auf Anglizismen kann tatsächlich durch einen historischen Vergleich mit der Übernahme des umfangreichen Wortschatzes aus dem Lateinischen und Französischen gegeben werden. Auch wenn viele englische Begriffe dauerhaft im Niederländischen verbleiben werden, schadet das der Sprache nicht, sondern kann sie durchaus bereichern. Durch Anpassung des entlehnten Vokabulars an die niederländische Aussprache und Rechtschreibung wird dieses irgendwann möglicherweise gar nicht mehr als ursprünglich englisch zu erkennen sein. Wer weiß schon, dass muur oder papier dem Ursprung nach keine niederländischen Wörter sind? Jedoch muss auch gesagt werden, dass das Englische dabei ist, im Zuge der internationalen Mobilität einige Domänen zu erobern. So ist in manchen Konzernen mit Rücksicht auf Mitarbeiter aus vielen verschiedenen Ländern die berufliche Alltagssprache Englisch geworden. Auch in wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und sogar in der universitären Lehre ist das der Fall, damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert wird. Das ist wirtschaftlich gesehen zwar ein starkes Argument, kann jedoch als sprachkultureller Rückschritt betrachtet werden, der die Bedeutung des Niederländischen in den Niederlanden verringert. Sprachgebrauch ist aber immer mit menschlichen Emotionen verbunden. Widerstand oder Unmut gegen das Englische in der universitären Lehre ist zumindest vorhanden und vielleicht kann er auch wieder eine Umkehrung der Entwicklung erreichen.

Einen zweiten Einfallswinkel für eine Vorausschau in die Zukunft bieten die Dialekte beziehungsweise die Regiolekte. Die Besinnung auf die regionalen und lokalen Sprachvarietäten im Zusammenhang mit einer Identifikation der Menschen mit ihrer Herkunft hat auch zu mehr Sorge um die Dialekte geführt. Ein Dialekt ohne Funktion kann jedoch nicht dauerhaft künstlich am Leben erhalten werden. Wenn ihm keine Domäne eingeräumt wird, in der er sich natürlich entfalten kann, hat er keine Zukunft. Die Rückzugsräume der Dialekte waren traditionell das Land und die Familie. Bekanntermaßen lebt heute jedoch nur noch die Kernfamilie zusammen unter einem Dach, und sobald die Kinder erwachsen werden, gründen sie meist ihren eigenen Haushalt. Die Zeit, die mit der Familie verbracht wird, ist heute im Allgemeinen viel kürzer als in der Vergangenheit. Das bedeutet auch, dass es weniger Zeit zur Dialektpflege in der Familie gibt. Auf dem Land ist das eher noch der Fall als in städtischen Regionen.

Das Land ist in der modernen Gesellschaft jedoch nicht mehr so abgeschirmt von gesellschaftlichen und somit sprachlichen Bewegungen, wie es früher einmal der Fall war, und durch die bereits erwähnte Mobilität der Menschen, auch der Landbevölkerung, bietet sich kaum noch ein geschlossener Raum, in dem der Dialekt gegenüber einer standardnäheren Variante zum Zuge kommen kann. Allerdings bieten sich in unterschiedlichen Regionen auch unterschiedliche Bilder. In der niederländischen Peripherie sind Dialekte stärker als im zentralen Westen, wobei man jedoch berücksichtigen muss, dass die holländischen Dialekte per Definition standardnäher liegen. Die Verwendung des Dialekts hängt auch immer mit der Anziehungs- beziehungsweise Identifikationskraft einer Region zusammen. Diese ist wiederum von verschiedenen Faktoren abhängig, wie Wirtschaftskraft, landschaftliche oder andere regionale Besonderheiten und so weiter. Das bedeutet, dass es manche Dialekte leichter haben werden als andere, sich dauerhaft zu halten. Langfristig steht eher zu vermuten, dass die Mehrheit der Dialekte über den Zwischenschritt zum Regiolekt den Weg der verstärkten Anpassung in Richtung Standard weitergehen werden.

Die Standardsprache selbst wird von einigen ebenfalls als gefährdet betrachtet, denn die Toleranz gegenüber Abweichungen vom Standard hat auch ihre Grenzen. So wird der Sprachverfall bedauert, der sich Kritikern zufolge derzeit abzeichnet. Aber auch hier ist zu sagen, dass aktuelle Sprachveränderung sehr häufig als Verschlechterung empfunden werden. Mit etwas Abstand wird diese Ansicht letztlich doch rückblickend relativiert. Objektiv kann nicht gemessen werden, was eine Verbesserung oder Verschlechterung einer Sprache ist. Die Frage, wie eine Sprache idealerweise aussehen oder klingen soll, wird immer von Individuen beantwortet und muss demnach subjektiv ausfallen. Wie sich eine Sprache tatsächlich entwickelt, ist immer ein Prozess, der von der gesamten Sprachgemeinschaft ausgehandelt wird. Im demokratischen Sinn kann das Ergebnis nur positiv bewertet werden.

Die Geschichte der niederländischen Sprache ist also noch nicht zu Ende. Das Niederländische in hundert Jahren wird sich mit Sicherheit vom heutigen Niederländisch unterscheiden. Inwiefern und in welchem Umfang, das kann heute nicht vorhergesagt werden. Die Entwicklung zu verfolgen bleibt daher spannend.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011