V. Westgermanisch, westgermanische Dialekte

In der weiteren Entwicklung hin zum Niederländischen spielt der Zerfall der germanischen Sprachgemeinschaft durch die sogenannte Völkerwanderung eine Rolle. Die Germanen breiteten ihr Territorium nach Süden aus. Ein Teil der Stammesverbände entfernte sich durch eine westliche Wanderbewegung in das ungefähre Gebiet der heutigen Niederlande und Nordwestdeutschlands. Die räumliche Trennung führte allmählich zu einer sprachlichen Abspaltung. Wahrscheinlich ist, dass die sprachlichen Veränderungen mit dem Kontakt mit anderen Sprachgemeinschaften verknüpft sind. Die Germanen trafen zum Beispiel auf Kelten und verdrängten diese, übernahmen von ihnen aber neben kulturellen Errungenschaften auch sprachliche Elemente. Das heißt, es wurden nicht nur vereinzelte Lehnwörter in die germanischen Dialekte übernommen, sondern nicht-germanische Dialekte übten womöglich auch Einfluss auf zum Beispiel den Lautstand des Germanischen aus. Man muss jedoch immer berücksichtigen, dass „die Germanen“ keine homogene Gruppe waren, sondern dass auch zwischen den Stämmen sprachliche Unterschiede bestanden und diese dann zusätzlich durch unterschiedliche Spracheinflüsse von außen vergrößert wurden. So bildete sich unter den nach Südwesten gewanderten Germanen nach und nach ein neuer germanischer Sprachzweig heraus, der zusammenfassend „Westgermanisch“ genannt wird.

Im heutigen niederländischen Sprachgebiet ließen sich verschiedene Stämme nieder. Die germanischen Küstenbewohner, die entlang der Nordsee siedelten, werden Ingwäonen und sprachliche Elemente, die vermutlich aus ihrer Sprache stammen, Ingwäonismen genannt. Zu den Ingwäonen zählt man die Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen. Im modernen Englischen und Friesischen sind häufiger Ingwäonismen zu finden als im Niederländischen; im Deutschen sind sie kaum vorhanden. Beispiele sind die Personalpronomina, die mit h- beginnen, wie die Formen für er: he im Englischen, hij im Niederländischen und hy im Friesischen (sowie he im Niederdeutschen!) und die Pluralendung -s bei Substantiven. Weiter im Binnenland siedelten sich Istwäonen an, zu denen die Brukterer, Bataver, Tungerer und Germani gehörten. Durch deren Zusammenschluss mit weiteren kleinen Stämmen entstand im 3. Jahrhundert der Stammesverbund der Franken.

Auch das (Ur-)Westgermanische fällt noch in die prähistorische Zeit. Schriftliche Zeugnisse sind, bis auf wenige Runeninschriften, nicht überliefert. Eine uniforme Sprache ist jedoch wiederum wenig wahrscheinlich. Viel mehr gab es wohl, bedingt durch die Völkerwanderung mit immer neuen Stammeszusammenschlüssen und -abspaltungen sowie dem Zusammentreffen mit Nicht-Germanen, eine heterogene Gruppe von Sprechern verschiedener Dialekte, die zusammen als Westgermanisch bezeichnet werden.

Sprachlich unterschieden sich die westgermanischen Dialekte von anderen germanischen Zweigen durch einige neue Entwicklungen:

  • die Konsonantenverdoppelung (auch Konsonantendehnung oder Konsonantengemination genannt) vor einem nachfolgenden [j], manchmal auch vor [w],[r] und [l]: germanisch *satian zu altniederfränkisch settan gegenüber gotisch satjan und altnordisch setja;
  • Wegfall der Endung -s im Nominativ bei maskulinen Substantiven, zum Beispiel altniederfränkisch dag (dt. Tag) gegenüber gotisch dags und altnordisch dagr (im Altnordischen -r statt -s);
  • Bildung neuer Wortendungen, heute zu finden zum Beispiel im modernen Niederländisch -heid, -dom oder -schap = deutsch -heit, -tum bzw. -schaft;
  • Wortschatz, der nur in westgermanischen Sprachen vorkommt, zum Beispiel englisch ghost, friesisch geast, niederländisch geest (dt. Geist); englisch sheep, friesisch skiep, niederländisch schaap (dt. Schaf); friesisch mês, niederländisch mes (dt. Messer)[1] und viele andere

Die westgermanischen Dialekte differenzierten sich immer mehr aus, näherten sich vielleicht teilweise auch wieder einander an, beeinflussten einander auf jeden Fall und wurden schließlich zum Niederschreiben ganzer Texte verwendet, was zuvor nur dem Latein vorbehalten war. In diesen Schriftstücken findet man die ältesten nachweisbaren Formen der heutigen westgermanischen Sprachen Deutsch (die Überlieferung des Althochdeutschen beginnt im 8. Jahrhundert; Altsächsisch als Vorfahre der niederdeutschen Dialekte ist ebenfalls ab dem 8. Jahrhundert überliefert), Niederländisch (die ältesten altniederländischen Texte stammen aus dem 9./10. Jahrhundert), Friesisch (Altfriesisch ist erst ab dem 13. Jahrhundert bewahrt) und Englisch (die altenglischen Dialekte sind ab dem 7. Jahrhundert überliefert).


[1] Das moderne englische knive ist eine Entlehnung aus dem Dänischen (kniv) und ist schon im Altenglischen als cnīf überliefert.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011