II. Niederländisch

Wenn man die Geschichte der niederländischen Sprache verfolgen will, muss man sich natürlich zuallererst darüber klar werden, was mit „Niederländisch“ gemeint sein soll. Diese Frage ist komplexer, als sie zunächst scheint. Ein kurzer Blick zu Wikipedia verrät schon, dass Niederländisch nicht nur in den Niederlanden und in einem Teil Belgiens Amtssprache ist, wie die meisten wissen, sondern auch in Surinam und auf den Antilleninseln Aruba, Bonaire, Curaçao, Saba, Sint Eustatius und Sint Martin. Darüber hinaus wurde „das Niederländische“ durch Kolonisation bzw. Auswanderung auch in andere Teile der Welt getragen, wie zum Beispiel nach Indonesien (das frühere Niederländisch-Indien), Sri Lanka, Nordamerika, Brasilien und Australien. Beschränken wir uns in diesem Artikel auf das Niederländisch, das in den Niederlanden und im flämischen Teil Belgiens verwendet wird, da diese die Ursprungsgebiete der Sprache darstellen.[1]

Aus gegenwärtiger Sicht wäre zunächst an die Standardsprache zu denken, das ANAlgemeen Nederlands (dt. wörtlich „Allgemeines Niederländisch), häufig auch noch als ABNAlgemeen Beschaafd Nederlands (dt. wörtlich „Allgemeines gebildetes Niederländisch“) bezeichnet. Diese Standardsprache hört und liest man in den Medien, sie wird bei offiziellen Anlässen verwendet, wie zum Beispiel bei königlichen Ansprachen an das Volk, sie wird in der Schule als „Muttersprache“ und im Ausland als Fremdsprache gelehrt. Die tatsächliche Muttersprache ist jedoch für die meisten Niederländer und Flamen ein Dialekt oder eine Sprachvarietät zwischen Dialekt und Standard. Die Standardsprache kann als eine überdachende Sprache verstanden werden, die eine Reihe zugehöriger Dialekte überspannt und für das betreffende Gebiet die Funktion einer Kultursprache übernimmt.[2] Interessant sind also, wenn man das Niederländische betrachten will, neben dem Algemeen Nederlands auch die Dialekte, die in den Niederlanden und Belgien gesprochen werden. Dass die Dialekte viel älter als die Standardsprache sind und nicht etwa, wie manchmal behauptet, „verfälschte“ oder „unkorrekte“ Varianten des Standards, wird ab Kapitel III deutlich.

Es ist allerdings – gerade in Bezug auf die Dialekte, die im Nordosten der Niederlande und dem Nordwesten Deutschlands gesprochen werden – schwierig, eine sprachwissenschaftlich eindeutig begründbare Trennlinie zwischen „niederländischen“ und „deutschen“ Dialekten zu ziehen. Stattdessen spricht man von einem westgermanischen Dialektkontinuum. Das bedeutet, dass die Dialekte so ineinander übergehen, dass sie aufgrund sprachlicher Merkmale nicht sinnvoll voneinander abzugrenzen sind. Allerdings gibt es das oben erwähnte Kriterium der überdachenden Sprache. Die Dialektgebiete westlich der deutsch-niederländischen Grenze werden von der niederländischen Standardsprache, dem Algemeen Nederlands, überdacht, während die östlich gelegenen Dialektgebiete von der deutschen Standardsprache, dem Hochdeutschen, überdacht werden. Verschiedene historisch-politische Entwicklungen, von denen später noch die Rede sein wird (Kapitel III ff.), haben diese kulturell-sprachliche Tatsache geschaffen. Der oft zitierte Satz „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine“[3] gilt letztlich für die Abgrenzung zwischen Niederländisch und Deutsch. Diese Sprachverwandtschaft der Dialekte und die überdachende Kultursprache sind demnach Abgrenzungskriterien für den Gegenstand der hier geführten Betrachtungen: für das Niederländische. Gemeint sind demnach die Dialektvarietäten, die in den Niederlanden und im Norden Belgiens gesprochen werden – mit Ausnahme der friesischen Dialekte, wie in Kapitel XII erläutert wird, – sowie das Algemeen Nederlands.


[1] Zum Niederländischen in der Welt empfiehlt sich: Sijs, Nicoline van der (Hrsg.): Wereldnederlands. Oude en jonge variëteiten van het Nederlands, Den Haag 2005.
[2] Die Problematik Dachsprache und Kultursprache erläutert Goossens am Beispiel von Niederländisch und Deutsch: Goossens, Jan: Was ist Deutsch – und wie verhält es sich zum Niederländischen?, in: Königlich Niederländische Botschaft (Hrsg.): Reihe Nachbarn, Bd. 11, Bonn 1971.
[3] Dieses Statement (auf Jiddisch „a shprakh iz a dialekt mit an armey un flot“) wird dem Sprachwissenschaftler Max Weinreich, Experte für das Jiddische, zugeschrieben.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011