VIII. Niederländisch in der frühen Neuzeit

Um 1500 beginnt die Periode des Neuniederländischen. Nicht nur sprachliche Kriterien definieren diesen Anfangspunkt. Ein wichtiges politisches Ereignis, dass auch die Entwicklung des Niederländischen beeinflusste, ist die Trennung der südlichen von den nördlichen Niederlanden. Ein wirtschaftlicher Faktor, der den Beginn einer neuen Sprachstufe – nicht nur im Niederländischen – markiert, ist die Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Sprachliche Kriterien schließlich, durch die sich das Neuniederländische vom Mittelniederländischen unterscheidet, sind zum einen der immer stärkere Abbau der Flexionssysteme, das heißt, Substantive und Adjektive haben immer weniger (unterschiedliche) Beugungsendungen, sowie zum anderen die Zunahme der Bestrebungen, eine allgemein verwendbare Standardsprache zu schaffen.

Infolge der Auseinandersetzungen im 80-jährigen Krieg  (1568–1648) flüchteten Emigranten aus politischen und religiösen Gründen aus den südlichen Niederlanden in den Norden. Nachdem Karl V. im Jahr 1548 die „Siebzehn Provinzen“[1] durch Erbschaft und Kauf zu einem separaten Gefüge innerhalb des Heiligen Römischen Reichs vereinigt hatte, erklärte er diesen Bund ein Jahr später für unauflöslich. Mit der Aufteilung der Habsburgischen Ländereien gingen die Siebzehn Provinzen an die spanischen Habsburger. Der katholische Eifer Philipps II., der den seit der Reformation aufsteigenden Protestantismus hart bekämpfte, führte zum Krieg zwischen den Aufständischen in den niederländischen Provinzen und den Spaniern. Schließlich setzten sich sieben protestantische Provinzen im Norden durch. Nachdem sie sich 1579 in der Utrechter Union zusammengeschlossen hatten, erklärten sie sich 1581 für unabhängig und gründeten die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen. Der Fall von Antwerpen und der Sieg der Spanier im Süden löste 1585 dann eine große Flüchtlingswelle aus Brabant und Flandern in Richtung Seeland und Holland aus – auch die angesehensten, gebildeten, wohlhabenden Schichten der Städte sowie Künstler, Handwerker etc. sahen ihre Zukunft im Norden. Das bereits aufstrebende Holland bekam dadurch einen wichtigen Impuls, seine politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrumsfunktion auszubauen und zu zementieren. Die Grenzen der Republik der Niederlande wurden nach Beendigung des Kriegs endgültig festgelegt. Mit der politischen Trennung der Niederlande fand auch eine unterschiedliche Entwicklung des Niederländischen in Nord und Süd statt. Im Folgenden wird nun mehr hauptsächlich die Entwicklung in den Niederlanden berücksichtigt.

Zu Beginn der neuen Periode bis ins 18. Jahrhundert hinein war das Neuniederländische immer noch stark dialektal gegliedert – vor allem in Bezug auf die Aussprache. Die Dialekte blieben die Verkehrssprache in und zwischen den Regionen. Nur ganz allmählich begann sich eine allgemeine Aussprache zu entwickeln, die jedoch bis in die Moderne nicht weit fortschritt.

In Bezug auf den Wortschatz gab es einige Veränderungen im Neuniederländischen. Die reformierten Kirchen und auch die Wissenschaft bevorzugten die Volkssprache gegenüber dem Latein. Insbesondere auf dem Gebiet der Wissenschaft wurde eine umfangreiche neue Terminologie geschaffen (Neologismen), da für viele Konzepte bis dato nur lateinische Begriffe existierten. Solche Neologismen waren zum Beispiel driehoek (dt. Dreieck) und middellijn (dt. Mittellinie). Auch auf andere Weise wurde der niederländische Wortschatz ausgeweitet. Mit den flämisch-brabantischen Emigranten wanderten Wörter ein, die im Holländischen bereits eine Entsprechung hatten. Von diesen Doubletten (Wörter mit gleicher Bedeutung) setzte sich in der Regel die südliche gegenüber ihren holländischen Zwillingen als die Variante für den gehobenen Stil durch: zendensturen (dt. senden, schicken), wenenhuilen (dt. weinen), spoediggauw (dt. schnell), werpengooien (dt. werfen) etc. Im Süden (heute Belgien) hat sich die allgemeine Bedeutung der südlichen Varianten dagegen erhalten.

So sehr die Wertschätzung des Lateinischen in Hinsicht auf den Wortschatz zurückging, so sehr wurde dessen Grammatische Struktur als vorbildlich erachtet. Aus Gründen der „Verbesserung“ des Niederländischen wurden aus dem Lateinischen ganze grammatische Konstruktionen übernommen, von denen sich die Infinitivkonstruktion immerhin teilweise bis ins moderne Niederländisch hinein halten konnte. Sie soll hier darum kurz skizziert werden. Die Infinitivkonstruktion, genauer der accusativus cum infinitivo (ACI, Akkusativ mit Infinitiv), kann im modernen Niederländisch, wie übrigens auch im Deutschen, nur noch mit Verben der Sinneswahrnehmung verwendet werden, wie fühlen, hören oder sehen: Ik hoorde haar zingen (dt. Ich hörte sie singen). Dabei steht das Wort, dass als Subjekt der Konstruktion fungiert, im Akkusativ. Im Neuniederländischen des 17. Jahrhunderts waren auch Verbindungen mit anderen Verben, zum Beispiel menen, zeggen, denken (dt. meinen, sagen, denken) möglich: ick en wil niet ontkennen sulck niet somwijlen geschiet te zijn (dt. Ich will nicht bestreiten, dass so etwas nicht manchmal geschah).

Eine sprachliche Veränderung, die nicht künstlich herbeigerufen wurde, ist die Diphthongierung, das heißt, dass sich aus einem Vokal ein Diphthong (Zweiklang) entwickelt. Im Mittelniederländischen setzte wahrscheinlich bereits die Veränderung des langen [i:] und [y:] zu [ai] beziehungsweise [oi] ein. Dies schlug sich aber erst im Neuniederländischen in der Schreibung nieder. Die höheren gesellschaftlichen Klassen Hollands bevorzugten eine Aussprache der Diphthonge als [ei] beziehungsweise [oey], um sich dadurch von den niedrigeren Schichten abzuheben. Diese Ausspracheweise setzte sich dann auch als Standard durch. Mit zunehmender Bedeutung Hollands auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene wurde auch der holländische Sprachgebrauch in andere Regionen weitergetragen. Dieser Prozess wird „Hollandse Expansie“ genannt. So wurde auch das [ei] verbreitet, konnte jedoch nicht in die südlichen Zipfel des Landes, in die Dialekte in Seeland und Limburg, vordringen. Die Verbreitung des [oey] dauerte erheblich länger und konnte sich auch nicht überall durchsetzen. Die Diphthongierung begann möglicherweise in den niedrigeren Klassen Hollands, sicher ist dies jedoch nicht. Eine andere Hypothese vermutet den Ursprung der Diphthongierung in Brabant und nimmt an, dass sie dann von zahlreichen Emigranten nach Holland gebracht wurde.

Die Aussprache wurde wie oben angedeutet zunächst nicht direkt und nicht aktiv verändert. Es gab allerdings verstärkte Bestrebungen hin zu einer einheitlichen Schriftsprache, was den Beginn des Standardisierungsprozesses bedeutete. Zur Standardisierung gehören die Stadien Selektion (Makro- und Mikroebene), Kodifikation sowie Funktionsausweitung und Akzeptanz. Selektion auf Makroebene bedeutet, dass ein bestimmter Dialekt oder eine andere bestimmte Sprachvarietät ausgewählt wird, auf deren Basis die Standardsprache entstehen soll. Das Holländische mit seinen neuen südlichen Einflüssen war als Prestigevarietät für diese Rolle prädestiniert. Bei der Selektion auf Mikroebene werden bestimmte Varianten (aus dem Wortschatz oder unter verschiedenen grammatischen Konstruktionen, Aussprachevarianten etc.) ausgewählt. In die neue Standardsprache wurden Elemente sowohl aus dem Holländischen als auch aus den südlichen Dialekten aufgenommen: Aus den südlichen Dialekten zum Beispiel die Aussprache von spelen und steen mit [e] und wonen mit [o] statt speulen und weunen mit [ø] und stien mit [iə]; aus dem Holländischen zum Beispiel die Endung für die Diminutivformen (Verkleinerungsformen) -je(n) statt südlichem -ke(n). Grundlage für die Selektion auf Mikroniveau waren unter anderem die 1637 erschienene Statenbijbel (eine Bibelübersetzung, die auf Veranlassung des höchsten Staatsorgans der Republik, den Generalstaten, angefertigt wurde), Werke bedeutender zeitgenössischer Schriftsteller wie P.C. Hooft und Joost van den Vondel  sowie Grammatiken und Wörterbücher.

Buchdrucker versuchten, eine Rechtschreibkonvention zu schaffen und veröffentlichten deshalb Regelwerke wie die Nederlandsche Spellinghe (Joos Lambrecht, 1550) und Nederduitse Orthographie (Pontus de Heuiters, 1581). Ebenfalls wurden Grammatiken gedruckt, die sich auch mit Rechtschreibregeln auseinandersetzten: Die Voorreden vanden noodich ende nutticheit der Nederduytscher taelkunste (Johan Radermacher, 1568) war weniger Grammatik als vielmehr eine Verteidigung der Idee, eine niederländische Grammatik zu verfassen. Die erste echte, umfangreiche Grammatik des Niederländischen ist dagegen die Twe-Spraack vande Nederduitsche letterkunst (Hendrik Laurenszoon Spieghel, 1584), die anders als moderne Grammatiken, die eine Sprache beschreiben, Regeln festsetzte und vorschrieb, wie „gutes Niederländisch“ verwendet werden muss (deskriptive versus präskriptive Grammatiken). Spieghel war übrigens Mitglied der rederijkerskamer In Liefd' Bloeyende und bekam bei der Zusammenstellung seiner Grammatik von dieser Seite Unterstützung, da die welsprekendheid (dt. Beredsamkeit) für Rederijkers große Bedeutung hatte. Vorbild für ein „richtiges“ Niederländisch war die lateinische Sprache, obwohl sie erheblich in ihrer Struktur vom tatsächlich gesprochenen Niederländisch abwich. Zum Beispiel hatte sich, wie bereits angedeutet, das Kasussystem (das System der grammatischen Fälle) im Niederländischen stark vereinfacht; Spieghel gibt in seiner Grammatik jedoch nach lateinischem Vorbild sechs Fälle vor. Obwohl Spieghels Werk sehr erfolgreich war, regte sich gerade in Hinsicht auf die Reglementierung des Kasussystems Widerstand; zum Beispiel im 17. Jahrhundert durch Petrus Leupenius, der für drei Fälle plädierte (was den inzwischen etablierten sprachlichen Tatsachen entsprach).

Die Zusammenstellung von Wörterbüchern war ein weiterer Schritt hin zur Standardisierung. Das (zweisprachige) Dictionarium Teutonico-latinum (Cornelis Kiliaan,1574, in einer erweiterten Auflage 1588 erschienen) umfasst als Ausgangspunkt Wortschatz aus dem Brabantischen, enthält aber zusätzlich auch Anmerkungen zu Wortschatz anderer Regionen sowie Anmerkungen zur Wortherkunft. Galt auf dem Gebiet der Grammatik der Einfluss des Lateinischen als wünschenswert, so sah das auf dem Gebiet des Wortschatzes anders aus. In einer dritten Ausgabe seines Wörterbuchs, die 1599 als Etymologicum Teutanicae linguae sive Dictionarium Teutonico-latinum erschien, fügte Kiliaan eine Liste mit aus romanischen Sprachen (Latein und Französisch) entlehnten Wörtern an, die seiner Meinung nach nicht verwendet werden sollten. Dies war eine Maßnahme, die zu den Aktivitäten der Sprachpuristen zählt, die versuchten, die niederländische Sprache frei von fremden Einflüssen zu halten.

Ein neues Prinzip zur Festlegung von Rechtschreibregeln war nunmehr das Prinzip einer Gleichförmigkeit statt die Aussprache. Auch wenn zum Beispiel der letzte Laut in hand stimmlos, also als [t] gesprochen wird, wurde nach neuem Prinzip hand und nicht mehr hant geschrieben, damit die Schreibung des Einzahlwortes mit der Schreibung des Mehrzahlwortes handen korrespondiert. Ebenfalls neu war die Festlegung, dass ein Laut auch nur mit einem Buchstaben wiedergegeben werden soll. Beispiel hierfür ist die Darstellung des [u], dass in Brabant als <ou>, in Limburg als <u> und in Holland als <oe> geschrieben wurde. Auch hier setzte sich die holländische Schreibweise durch. Die Rechtschreibung wurde also in der frühen Neuzeit insgesamt systematischer, konsequenter und einheitlicher.

Die Zusammenstellung von Wörterbüchern und Grammatiken ist gleichzeitig eine Maßnahme zur Kodifikation der standardisierten Sprache. Wie man erkennt, sind die Schritte der Standardisierung nicht als chronologisch aufeinanderfolgende Stufen zu verstehen, sondern sie verlaufen zum Teil gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig. So sind auch Schritte der Funktionsausweitung und der Akzeptanz der neuen Einheitssprache nur in Parallelität zu denken. Mit Funktionsausweitung ist gemeint, dass die neue Einheitssprache in Domänen (Lebensbereiche wie „in der Familie“, „im Geschäftsbereich“, „in der Schule“) verwendet wurde, die zuvor anderen Sprachen, wie dem Latein oder dem Französischen vorbehalten waren. Wie bereits geschildert, hielt das Niederländische in Kirche und Wissenschaft Einzug und eroberte auch andere Bereiche, wie die Rechtsprechung. Dies konnte jedoch nur durch die Akzeptanz durch die Sprachgemeinschaft geschehen. Die neue Einheitssprache fand insbesondere in den hohen gesellschaftlichen Schichten der holländischen Städte Anklang. Dabei ging es jedoch vorerst nur um die Verwendung einer allgemeinen und einheitlichen Schriftsprache. Gesprochen wurde nach wie vor in allen Schichten der lokale Dialekt.

Im 18. Jahrhundert entwickelten sich Schriftsprache und gesprochene Sprache immer stärker auseinander. Die Schriftsprache wirkte durch eine stetig wachsende Zahl an Regeln, die zum Teil nach lateinischem Model entstanden, künstlich. Grammatische Fälle wurden wieder unterschieden, obwohl das in der gesprochenen Sprache kaum noch vorkam, die Sätze waren lang und verschachtelt und darüber hinaus wurden manche Wörter allein in der Schriftsprache verwendet. Die Regeln sollten die niederländische Sprache verbessern und bereichern. Zum einen orientierte man sich wie bereits erwähnt an Werken bedeutender zeitgenössischer Schriftsteller, zum anderen besann man sich auch auf ältere Werke. Der Regent und Autor Balthasar Huydecoper war ein Verfechter des letzteren Ansatzes. In Fällen, in denen Variationen im Sprachgebrauch entstanden waren, griff er zur Reglementierung des Wildwuchses auf die alten Regeln zurück. Lambert ten Kate berücksichtigte dagegen unterschiedliche Faktoren für seine Anleiding tot de kennisse van het verheven deel der Nederduytsche Sprake (1723). Auch er zog ältere Sprachstufen für seine Überlegungen heran, jedoch beobachtete er auch die gesprochene Sprache und leitet davon allgemeine Regeln für die Schreibung ab.

Große Bedeutung erlangte die Rechtschreibung von Matthijs Siegenbeek, die 1804 als Verhandeling over de Nederduitsche spelling ter bevordering van eenparigheid in dezelve erschien. Sie wurde verpflichtend an Schulen eingeführt und von Regierung und Behörden zur Tätigung der Amtsgeschäfte verwendet. Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts kann man von einer einheitlichen Schriftsprache sprechen, die zumindest in den gehobenen Kreisen weithin akzeptiert wurde.


[1] Artois, Brabant, Flandern, Gelderland, Groningen, Hennegau, Holland, Limburg, Luxemburg, Mecheln, Namur, Overyssel, Ost- und Westfriesland, Utrecht, Zeeland und Zütphen.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011