IX. Niederländisch in der Moderne

Die Einheit der Schriftsprache war zwar erreicht, jedoch regte sich Widerstand gegen die allzu große Diskrepanz zur gesprochenen Sprache. Um dies zu verändern, gab es zwei Ansätze: Der eine war, die Aussprache an die Schreibung anzupassen, der andere war, die Schriftsprache an die gesprochene Sprache anzunähern. Vertreter dieser Meinung waren unter vielen anderen zum Beispiel die bekannten Schriftsteller Willem Bilderdijk und Jacob van Lennep. In die zeitgenössische Strömung der Romantik und später des Realismus passte dieser Blick auf die Sprache sehr gut: Die Schriftsprache sollte natürlich sein und zur gesprochenen Wirklichkeit passen. Besonders der Schriftsteller Multatuli (Eduard Douwes Dekker) bemühte sich in seinen Werken um eine realitätsnahe Wiedergabe der gesprochenen Sprache, wobei dies nicht zu verwechseln ist mit der phonetisch orientierten Schriftlichkeit des Mittelniederländischen. Die Schriftsprache, die die Befürworter der Anpassung an die Mündlichkeit anstrebten, folgte ebenfalls den Regeln von Analogie und Einheitlichkeit. Es ging ihnen jedoch gleichzeitig um eine Vermeidung von archaischen Elementen, zu langen und verschachtelten Sätzen und „Papierwörtern“, die in der gesprochenen Sprache nicht vorkamen. Von Seiten der Wissenschaft wurde dieses Ansinnen von Johannes Kinker, Professer an der Universität Lüttich, unterstützt, der jedoch einer gesunden wechselseitigen Annäherung von Sprech- und Schriftsprache den Vorzug gab.

Der Schriftsteller Multatuli im Oktober 1853
Der Schriftsteller Multatuli im Oktober 1853
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Auch Matthias de Vries interessierte sich sowohl für die gesprochene Sprache, die er vorurteilsfrei beobachtete, als auch für die Schriftsprache, die er für die kultivierte Form der Sprache hielt. De Vries nahm zusammen mit Lammert Allard te Winkel die Arbeit am WNT – Woordenbook der Nederlandsche Taal (dt. Wörterbuch der niederländischen Sprache, erstmals 1864 erschienen) auf, das bis in die jüngste Vergangenheit (1998) weitergeführt wurde. In dieser Zeit wandelte sich der Charakter des Wörterbuchs von normativ zu historisch-beschreibend. Die Rechtschreibregeln des Wörterbuchs – übrigens basierend auf der „Spelling Siegenbeek“ – fanden allgemeine Verbreitung.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam durch mehrere Ereignisse neuer Schwung in die Bestrebungen zur Anpassung der Schriftsprache. Junge Dichter schlossen sich zum einen in der „Beweging van Tachtig“ (dt.Bewegung der Achtziger“) zusammen. Die Künstler legten Wert auf modernen Sprachgebrauch, wobei die Schrift ein Hilfsmittel war, um Sprache zu Papier zu bringen. Zum zweiten brachte die Erneuerung des Unterrichts im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts große Fortschritte in Hinblick auf die Vereinfachung der Schriftsprache. Die Modernisierer, beeinflusst von den deutschen Junggrammatikern, wollten Kindern die Möglichkeit zur Entfaltung geben und sie eine lebendige Schriftsprache verwenden lassen, wie sie die Kinder vom Hören und Sprechen kannten. Außerdem wurden mit der allgemeinen Schulpflicht auch viel mehr Kinder erreicht, für die diese Vereinfachungen später zur Norm wurden. Zum dritten gründete Roeland Kollewijn 1892 die Vereniging tot Vereenvoudiging van onze Schrijftaal (dt. Vereinigung zur Vereinfachung unserer Schriftsprache). Er zielte insbesondere auf die Abschaffung der altertümlichen Elemente in der Schriftsprache: Die Unterscheidung von maskulinen und femininen Substantiven gab es im gesprochenen Niederländischen schon lange nicht mehr und die grammatischen Fälle wurden nicht mehr (durch Flexion) unterschieden. Auch wenn Kollewijns Ideen anfangs auf Widerstand stießen, setzten sie sich in Laufe der folgenden Jahrzehnte doch durch.

Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht beförderte im Übrigen auch die Normierung der gesprochenen Sprache. Diese standardisierte Form basierte auf der einheitlichen Schriftsprache, die alle benutzen und dadurch eine Orientierung für eine nicht-dialektale Aussprache hatten. Mit der sich im 20. Jahrhundert stetig verstärkenden Mobilität der Menschen und mit der Einführung des Telefons, des Radios und des Films wurde eine weite Verbreitung und Etablierung einer gesprochenen Standardsprache möglich. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich allmählich der Konsens durch, die Aussprache des Niederländischen als Basis zu wählen, das in den gehobenen Schichten der holländischen Städte Amsterdam, Haarlem, Leiden und Den Haag gepflegt wurde. Diese Aussprache wurde seit kurz vor der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert Algemeen Beschaafd Nederlands (ABN, dt. wörtlich Allgemeines gebildetes Niederländisch) genannt.

Die Verbreitung des ABN begann von Holland aus über die höheren Schichten anderer großen Städte. In den Städten imitierten die niedrigeren Schichten diesen Sprachgebrauch, er wurde aber auch durch die Schule weiterverbreitet – bis in die Dörfer und bis in die unteren Schichten. In den 1950er und 60er Jahren konnte jeder ABN verstehen, wusste jeder, wie ABN klingen sollte und die meisten waren in der Lage, ABN mehr oder weniger zu sprechen.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011