VII. Mittelniederländisch

Ab wann man genau von Mittelniederländisch sprechen kann, ist schwierig zu bestimmen, da der Übergang vom Altniederländischen zum Mittelniederländischen ein fließender war. Da Sprachwandel in der Regel ungesteuert verläuft, werden zeitliche Periodengrenzen erst nachträglich anhand verschiedener Kriterien gesetzt, die nicht ausschließlich sprachwissenschaftlicher Natur sein müssen. Eine allgemein akzeptierte sprachwissenschaftliche Abgrenzung zwischen Alt- und Mittelniederländisch ist die Vollendung der Endsilbenabschwächung, die um 1150 vermutet wird. Die unbetonten (End-)Silben wurden im Mittelniederländischen durchgängig (abgeschwächt) mit <e> wiedergegeben und wohl als Schwa (siehe Kapitel IV) ausgesprochen.

Auch das „Mittelniederländische“ ist ein Oberbegriff für die zahlreichen Dialekte, die auf dem Gebiet der mittelniederländischen Provinzen gesprochen wurden. Auch wenn sich die Dialekte in manchen Aspekten unterschieden, lassen sich vier größere Dialektgruppen zusammenfassen: Limburgisch, Brabantisch, Flämisch und Holländisch (dazu kommen die nordöstlichen Dialekte, die allerdings wenig zum späteren modernen Niederländisch beitrugen). Die mittelniederländischen Provinzen gehörten in der Mehrzahl dem Deutschen Reich an (zum Teil auch der französischen Krone) und formten keinen Einheitsstaat. Kennzeichnend für die kulturelle Entwicklung im Mittelalter war das Wachstum und der Bedeutungsgewinn der Städte, und mit dem wirtschaftlichen Erfolg bestimmter städtischer Regionen wuchs auch deren kulturelle Bedeutung. Obwohl es noch keine regulierte Standardsprache gab, kann man von Quasi-Standards sprechen. Das bedeutet, dass die Sprache der Wirtschafts- und Kulturzentren auch das Vorbild für die schriftliche Wiedergabe der Volkssprache bildete, da man zum Beispiel wegen des Handelsverkehrs um eine verbesserte Kommunikation durch eine einheitliche Sprache bemüht war. Neben dem pragmatischen Grund der Verständigung zum Handelszweck ist auch der Faktor Sprachprestige nicht zu unterschätzen. Je (erfolg-)reicher eine Region war, umso mehr Ansehen genoss sie und umso mehr Menschen versuchten, zum Beispiel Geschäftsgebaren, Kultur und auch die Sprache zu imitieren.

Schaubild 2: Mittelniederländische Dialekte und ihre Vorfahren

Quelle: Eigene Darstellung nach Janssens, Guy/Marynissen, Ann: Het Nederlands vroeger en nu, Leuven 2008, S. 71
Quelle: Eigene Darstellung nach Janssens, Guy/Marynissen, Ann: Het Nederlands vroeger en nu, Leuven 2008, S. 71
© Eigene Darstellung nach Janssens & Marynissen 2008, Fig. 3, S. 71

Wenn man Mittelniederländisch um 1150 beginnen lässt, dann stammen die ältesten mittelniederländischen Texte aus dem Limburgischen. Hendrik van Veldeke – auf Limburgisch Heinric van Veldeken – ist als der erste Autor bekannt, der in der Volkssprache schrieb. Da er im maasländisch-niederrheinischen Kulturgebiet lebte und wirkte, wird er sowohl als Dichter der niederländischen als auch der deutschen Literaturgeschichte (als Heinrich von Veldeke) beansprucht. Um 1170 verfasste er die Heiligenvita Sente Servas über den heiligen Servatius, Bischof von Tongern im 4. Jahrhundert.[1] In diesem Werk finden sich hochdeutsche Elemente, die kennzeichnend für das Limburgische sind: ich und mich mit erkennbarer hochdeutscher Lautverschiebung (sonst im Mittelniederländischen ic und mi) sowie eyn (dt. ein) mit einem Diphthong (sonst een mit langem Monophthong). Außerdem hat das Limburgische die Konsonantenkombination ol +d erhalten, während die anderen mittelniederländischen Dialekte den Wandel zu ou +d vollzogen hatten (siehe Kapitel VI).

Im 13. Jahrhundert etablierte sich Flandern mit den Zentren Brügge, Kortrijk und Gent als wirtschaftlich erfolgreichste und kulturell führende Region des niederländischen Sprachgebiets. Urkunden und andere amtliche Schriftstücke wurden zwar immer noch auf Latein verfasst, jedoch wurden als Folge des erstarkenden Bürgertums und dessen Bedeutungszunahme in der lokalen und regionalen Verwaltung immer mehr Dokumente in der Volkssprache geschrieben, vor allem Brügge sticht dabei heraus. Eine wichtige Sammlung mittelniederländischer Überlieferungen – nicht nur flämischer – bis einschließlich 1300 hat der Sprachwissenschaftler Maurits Gysseling zusammengetragen (das „Corpus Gysseling“). Von 15 Bänden enthalten neun amtliche Texte. Die Sammlung dokumentiert unter anderem die allmähliche Ablösung des Latein durch die Volkssprache als (amtliche) Schriftsprache im niederländischen Sprachgebiet.

Van den vos Reynaerde: Dycksche Handschrift, um 1375
Van den vos Reynaerde: Dycksche Handschrift, um 1375
© ULB Münster/gemeinfrei

Die Gebiete Flandern, Brabant, Holland und Utrecht wurden im 14. Jahrhundert unter der Herrschaft der Burgunder politisch vereinigt. Diese wählten Brüssel zu ihrer Residenz, was die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung Brabants wachsen ließ. Brabant mit den großen Städten Löwen, Brüssel und Antwerpen übernahm im 14. Jahrhundert die Führungsrolle unter den Provinzen der Lage Landen (dt. Niederen Landen). Allerdings orientierten sich die Schreiber bis zum 15. Jahrhundert am flämischen Vorbild für Schriftlichkeit, so dass brabantische Merkmale nicht immer leicht zu entdecken sind.

Typisch für das Brabantische ist das <o> an Positionen, an denen in anderen mittelniederländischen Dialekten ein <u> verwendet wird, zum Beispiel in aldos statt aldus (dt. also, folgendermaßen). Des Weiteren steht im Brabantischen ein <ue> an Stelle eines <oe> in Wörtern wie guet statt groet (dt. Gruß), woraus man schließen kann, dass sich im Brabantischen aus dem [u] durch Umlaut ein [y], entwickelt hat, das im Deutschen durch <ü> wiedergegeben wird. Im Brabantischen wird, anders als im Flämischen, das <i> als Längenzeichen verwendet, was man heute noch in Ortsnamen wie Goirle findet. Auf deutschem Gebiet im Rheinland und am Niederrhein ist diese Schreibweise ebenfalls bekannt (Troisdorf, Grevenbroich). Kennzeichnend für brabantische Texte ist zudem der Wegfall des <v> zwischen Vokalen in Wörtern wie hoot statt hovet (mod. niederländisch hoofd) (dt. Kopf).

Aus dem Holländischen, das seine Blütezeit später noch erleben wird, haben amtliche Dokumente vom Ende des 13. Jahrhunderts überdauert. Darüber hinaus sind weitere Textarten überliefert: Die erste historische Abhandlung in den Lage Landen, die Rijmkroniek van Holland, wurde um 1300 vom Kanzleischreiber Melis Stoke verfasst, der jedoch der flämischen Schreibtradition stark verhaftet war. Dirc Potter, ein Diplomat und Dichter, der rund hundert Jahre später wirkte, verwendete mehr holländische Elemente in seinen Schriftstücken. Als solche gelten der Ersatz des <a> durch <e>, zum Beispiel in sel statt sal (mod. nl. zal bzw. dt. werden). Des Weiteren findet man <ie> statt <ee> in stien statt steen (dt. Stein) und <eu> statt <ee> wie in veul statt veel (dt. viel). Zusätzlich wurde <i> statt <e> verwendet, wie in mit statt met (dt. mit). Schließlich hatte sich der Wandel der Konsonantenkombination -ft- zu -cht- (siehe Kapitel VI) wohl nicht ganz vollzogen, denn es kommen verschiedentlich Wörter wie vercoft statt vercocht (mod. nl. verkocht bzw. dt. verkauft) oder after statt achter (dt. hinter) vor. Dieses Merkmal hat das Holländische mit den nordöstlichen Dialekten gemein, denn diese haben die Veränderung gar nicht mitgemacht.

Die nordöstlichen Dialekte entwickelten sich aus dem Altsächsischen, nicht aus dem Altniederfränkischen und sind daher keine direkten Vorfahren des modernen Niederländischen. Der eher landwirtschaftlich geprägte Charakter der Region wirkte sich nicht sehr positiv auf die wirtschaftliche und somit politische und kulturelle Bedeutung für die Lage Landen aus. Außerdem war der Handel eher östlich orientiert, so dass eher festere Beziehungen mit dem niederdeutschen Raum bestanden. Urkunden weisen jedoch auf einen Einfluss der anderen mittelniederländischen Dialekte hin. Erst aus dem 15. Jahrhundert sind andere Textarten überliefert, nämlich moralisierende Schriften der Devotio Moderna (nl. Moderne Devotie), einer religiösen Strömung, die von Gert Groote im 14. Jahrhundert ins Leben gerufen worden war. Diese hat durch die Aktivitäten ihrer Mitglieder unter anderem den Rückgang des Analphabetismus bewirkt. Kennzeichnende Elemente für die östlichen Dialekte sind neben der genannten Konsonantenverbindung -ft- auch -ol- +d oder +t, wie in gold statt goud (dt. Gold) und holt statt hout (dt. Holz). Kennzeichnend ist außerdem ein langes [e:], wiedergegeben durch <ee> wie in leef, statt eines <ie> in lief. Dagegen wird an Stelle des in anderen Dialekten verwendeten <ee> ein <ei> beziehungsweise <ey> geschrieben, wie in meynden statt meenden (dt. meinten oder dachten). Interessant ist auch die Benutzung der Pronomina uns für ons (dt. uns) und hoer statt haer (mod. nl. hun bzw. dt. ihr, Plural).

De Nederlantsche tale

Die Volkssprachen, die in den Lage Landen gesprochen wurden, wurden in Abgrenzung zu Latein und anderen Sprachen als Diets(ch) bezeichnet. Auch die Bezeichnungen Duuts(ch) oder Duytsch kommen in überlieferten Schriftstücken vor. Nederduytsch taucht dagegen erst 1457 in einer holländischen Handschrift auf, um die Volkssprache zu benennen. Jedoch wurde so auch das Niederdeutsche bezeichnet. Mit Hochduytsch war dagegen das Hochdeutsche (nicht als Standard, sondern geografisch zu verstehen) gemeint. In einem früh gedruckten Buch (Inkunabel) aus dem Jahr 1482 findet man zum ersten Mal Nederlantsche tale, als Gegensatz zur Overlantsche tale (Hochdeutsch).

Die Dialektunterschiede wurden von ihrem Schreibern sehr wohl wahrgenommen. Jacob van Maerlant zum Beispiel wies in seiner Naturenzyklopädie aus dem 13. Jahrhundert auf Tierbezeichnungen in unterschiedlichen Dialekten hin. Außerdem bevorzugte er allgemeiner bekannte Wörter gegenüber regionalen, um seine Werke einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen. Nicht selten weisen mittelniederländische Texte genau aus diesem Grund keine eindeutigen Dialektmerkmale auf. Andererseits können Texte auch Elemente verschiedener Dialekte enthalten, zum einen, weil Kopisten beim Abschreiben Elemente ihres Dialekts einfließen ließen, oder zum anderen, weil Schreiber Elemente aus anderen Dialekten passender fanden und sie denen des eigenen Dialekts vorzogen.

Auch das Mittelniederländische wurde von benachbarten Fremdsprachen beeinflusst. Neben Latein war durch die politische Bindung Flanderns an Frankreich sowie durch die Orientierung an der französischen höfischen Kultur in Flandern, Brabant und Holland das Französische eine bedeutende Quelle für den Import neuer Wörter. Viele dieser Lehnwörter stammen darum aus dem Kontext der Hof- und Ritterkultur, inklusive Esskultur und Rechtssprache: garsoen (dt. Knappe), fazant (dt. Fasan), sentencie (dt. Urteil), etc. Einen weitaus geringeren Beitrag zum Mittelniederländischen lieferte dagegen das Deutsche. Insbesondere die deutsche Mystik des 14. Jahrhunderts bot eine Quelle für Lehnwörter, wie zum Beispiel vernunftig (dt. vernünftig), indruc (dt. Eindruck), invloet (dt. Einfluss).

Ein typisch mittelniederländisches Kennzeichen ist die zweigliedrige Verneinung, die man in Texten findet, unabhängig von deren regionaler Herkunft. Im Altniederländischen war die Negation noch durch ein Element – ne (auch en oder n) – gekennzeichnet, dass allerdings anders als im modernen Niederländisch vor der Personalform des Verbs stand. Im Mittelniederländisch trifft dies nur noch auf vereinzelte Fälle zu. Es überwiegt zunehmend die zweigliedrige Negation nach dem Muster Substantiv/Personalpronomen + en + Personalform des Verbs + niet, zum Beispiel: In [ic en] laet niet ligghen up mijn siele (dt. Ich will nichts auf meinem Gewissen lasten lassen). Im Mittelniederländischen wird die zweigliedrige Verneinung zur Regel, allerdings zeigen sich erste Fälle einer erneuten Änderung wieder hin zur eingliedrigen Verneinung – ohne ne, dafür mit niet. Diese neue Form der Verneinung wird sich jedoch erst im Neuniederländischen durchsetzen. Die zweigliedrige Verneinung ist von der doppelten Verneinung zu unterscheiden, die es im Mittelniederländischen ebenfalls gibt. Bei dieser enthält der Satz ein negatives Element wie zum Beispiel geen (dt. kein) nergens (dt. nirgends) oder nooit (dt. niemals) und trotzdem wird zusätzlich mit ne ... niet verneint: Daerne quam oec nie geen man, ... (dt. Da kam auch nie ein Mann, ...). Die verneinenden Elemente verstärken die Negation noch. Im Neuniederländischen wird man sie allerdings mit wissenschaftlichen Argumenten bekämpfen, denn nach mathematischen Regeln ergibt negativ und negativ positiv.

Weitere sprachliche Veränderungen, umfassten den Wegfall des Ausspracheunterschieds zwischen einfachen und doppelten Konsonanten („länger“ ausgesprochen), wie -d- und -dd- oder -g- und -gg- etc. sowie den Wegfall von [χ] oder [k] bei der Aussprache von menschen (dt. Menschen, Leute), wasschen (dt. waschen) etc. in den meisten Dialekten. Eine weitere allgemeine Neuentwicklung war die Entstehung von bestimmten Artikeln. Während im frühen Mittelniederländischen die Demonstrativpronomina die und dat auch gleichzeitig wie Artikel verwendet wurden, erscheinen bald die neuen Artikel de und het. Möglicherweise entstanden sie aus der unbetonten Aussprache der Demonstrativa als de und 't.

Im Spätmittelalter wurden die Bemühungen um eine stärker standardisierte Sprache intensiviert. Einerseits hatten ab dem 15. Jahrhundert die rederijkerskamers, Dichtervereinigungen, die auch Theaterstücke schrieben, durch Wettstreite untereinander das Bedürfnis entdeckt, eine gemeinsame Literatursprache zu verwenden. Andererseits war es im Zuge der politisch festeren Einheit der Lage Landen zu verstärkten Handelsbeziehungen zwischen den Regionen gekommen, was eine allgemein verständliche Sprache zur verbesserten Verständigung zwischen Händlern nötig machte. Ein besonders wichtiger Faktor auf dem Weg zur Entwicklung einer Standardsprache war jedoch die Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Bücher konnten dadurch in hoher Stückzahl produziert und an einen großen Kundenkreis verkauft werden, was bedeutete, dass die Texte in einem größeren Gebiet verstanden werden mussten, um für möglichst viele potenzielle Kunden attraktiv zu sein. Eine einheitliche Schriftsprache wurde jedoch im Mittelniederländischen längst noch nicht erreicht. Kennzeichnend für die Rechtschreibung war nach wie vor, dass sie vor allem der Aussprache der Wörter folgte und noch nicht nach Analogien systematisiert war.


[1] Edition zusammen mit einer modernen hochdeutschen Übersetzung: Goossens, Jan/Schlusemann, Rita/Voorwinden, Norbert (Hrsg.): Sente Servas, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort der Herausgeber, Münster 2008.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011