IV. Germanisch

Germanischer Wortschatz ist in sehr geringem Umfang durch römische Schreiber überliefert. Es handelt sich dabei zum großen Teil um Namen, die mit ihren altertümlichen Lautformen wohl dem Urgermanischen zugerechnet werden können. Hilfreich für den Erkenntnisgewinn zum Germanischen sind auch in andere Sprachen übernommene Lehnwörter, wie sie zum Beispiel im Finnischen zu finden sind. Dort sind diese Wörter in weniger verändertem, ursprünglicherem Zustand erhalten geblieben und lassen Schlüsse auf die Wortformen im Germanischen zu (vgl. niederländisch ring und finnisch rengas mit germanisch *hrengaz)[1]. Daneben gibt es ab dem 2. Jahrhundert einige wenige Runeninschriften, oft aus dem skandinavischen Raum, die, obwohl sie jüngeren Datums sind, aufgrund ihrer Form zur selben Sprachstufe gehören. Ein großer Teil des germanischen Grundwortschatzes ist nicht-indoeuropäischen Ursprungs, was vermuten lässt, dass die Menschen der Trichterbecherkultur nicht zu den Indoeuropäern gehörten. Ihre Sprache ist jedoch nicht überliefert.

Trotz kaum vorhandener schriftlicher Überlieferung sind Spezialisten in der Lage, sich durch die Anwendung besonderer Verfahren der historischen vergleichenden Sprachwissenschaft an eine mögliche Form des Germanischen anzunähern, d.h. an eine abstrakte Sprache, die in der Realität aber wahrscheinlich verschiedene Varietäten kannte. Überlegungen zu den Ursprüngen des Niederländischen beruhen also weder auf wilden Spekulationen noch auf eindeutig beweisbaren Fakten, sondern auf gut recherchierten und wissenschaftlich haltbaren Schlussfolgerungen.

Germanisch unterschiedet sich von den verwandten indoeuropäischen Sprachen unter anderem durch die sogenannte germanische oder erste Lautverschiebung und durch die Festlegung des Wortakzents auf die erste Silbe, die im Folgenden näher erklärt werden. Auf weitere Lautveränderungen kann hier nicht näher eingegangen werden. Auf der Ebene der Morphologie sind folgende Phänomene zu nennen: das Kasussystems schrumpft von acht auf sechs Fälle, es gibt nur noch zwei Zeitformen (Präsens und Präteritum, andere Zeitformen werden später mit Hilfsverben gebildet), es entsteht ein System des Ablauts starker Verben (Ablautreihen), die Klasse der schwachen Verben (unter Verwendung eines Suffixes mit -t-) und die starke Deklination von Adjektiven.

a) Erste Lautverschiebung

Die germanische bzw. erste Lautverschiebung ist zeitlich schwer einzuordnen, hat aber wahrscheinlich im ersten Jahrtausend vor unserer Zeit stattgefunden. Sie ist – wie jeder Sprachwandelprozess – ein sehr komplexer Vorgang, der hier nur stark vereinfacht dargestellt werden kann. Die Lautverschiebung betraf zwölf Konsonanten, wobei die Verschiebungen von [p][2], [t], [k], zu [f], [þ] (wie das englische th in three) und [χ] (wie das deutsche ch in Dach) am bekanntesten sind.

Beispiele:

  • lateinisch pedis → gotisch[3] fōtus (mod. niederländisch voet, dt. Fuß)
  • lateinisch frater → gotisch broþar (mod. niederländisch broer, dt. Bruder)
  • lateinisch cornu → gotisch haúrn (mod. niederländisch hoorn, dt. Horn)

Ebenfalls verschoben wurden:

  • [kw][4] zu [χw]
  • [b], [d], [g], [gw] zu [p], [t], [k] und [kw]
  • [bh][5], [dh],[gh], [gwh] zu [b], [d], [g] und [gw]

Da diese Unterschiede zuerst von Jacob Grimm beschrieben wurden, werden sie in der englischen Fachliteratur auch als Grimm's Law, in der niederländischen als Wet van Grimm bezeichnet. Eine Ausnahme, die Grimm nicht deuten konnten, wurde vom Dänen Karl Verner erklärt („Vernersches Gesetz“): Wenn die Betonung in einem Wort auf der Silbe lag, die vor einem verschobenen [f], [þ] oder [χ] (alle stimmlos) stand, so verändert sich der entsprechende Laut im Germanischen weiter zu den stimmhaften Reibelauten [β] (in keiner modernen germanischen Sprache vorhanden, vergleiche jedoch die Aussprache des spanischen b, wenn es zwischen zwei Vokalen artikuliert wird, zum Beispiel in abajo), [ð] (wie das englische th in that) bzw. [γ] (wie das niederländische g).

b) Festlegung des Wortakzents

Die Festlegung des Wortakzents auf die erste Silbe spielt eine mindestens ebenso bedeutende Rolle bei der Trennung der germanischen von den indoeuropäischen Sprachen. Im Proto-Indoeuropäischen war der Wortakzent variabel (oft als freier Wortakzent bezeichnet) und konnte, zum Beispiel je nach Kasus, auf verschiedenen Silben eines Wortes liegen. Mit der „Festlegung auf die erste Silbe“ im Germanischen ist die erste Silbe des Wortstamms gemeint. Vorsilben konnten später unbetont dem Wort vorangesetzt werden und wurden von dieser Entwicklung nicht mehr erfasst. Durch die Betonung der ersten Silbe wurde der Grundstein dafür gelegt, dass die Vokale der Endsilben im späteren Zeitraum abgeschwächt wurden und im Schwa (so wird das unbetonte e wie im deutschen „machen“ [ə] genannt)  zusammenfielen. Mit der Festlegung des Wortakzents geht auch die Wandlung von einem musikalischen Akzent (unterschiedliche Tonhöhe) im Proto-Indogermanischen auf einen dynamischen Akzent, auch Druckakzent genannt (unterschiedliche Intensität, Lautstärke), im Germanischen einher.


[1] Wörter, die mit einem * gekennzeichnet sind, sind nicht tatsächlich überliefert, sondern rekonstruiert.
[2] Eckige Klammern geben an, dass nicht die Buchstaben (Grapheme), sondern die Laute (Phoneme) gemeint sind. Die Schriftzeichen wurden im International Phonetic Alphabet (IPA) international vereinbart, damit Sprachlaute schriftlich beschreibbar werden. In Wörterbüchern findet man die Aussprache der fremdsprachigen Wörter ebenfalls in eckigen Klammern. Ausspracheerklärungen werden hier angegeben, wenn das IPA-Zeichen vom deutschen Lautwert eines Buchstaben abweicht.
[3] In Vergleichen dieser Art wird in der Regel Gotisch als Referenz gewählt, da es sich dabei um die germanische Sprache handelt, die die ältesten Überlieferungen aufweisen kann. Gotisch ist eine ostgermanische Sprache und wie alle ostgermanischen Sprachen bereits seit mehreren Jahrhunderten ausgestorben.
[4] mit gerundeten Lippen
[5] mit Behauchung

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011