X. Niederländisch in der Gegenwart

Seit dem Ende der 1960er Jahre hat sich die niederländische Gesellschaft stark verändert, eine Entwicklung, die oft mit Demokratisierung und Informalisierung angedeutet wird. Diese gesellschaftlichen Veränderungen hatten – wieder einmal – Auswirkungen auf die Sprache: Abweichungen von der Standardsprache ABN wurde immer mehr Toleranz entgegengebracht, regionale Einfärbungen sollten kein Anlass für Kritik mehr sein und das Steife, Strenge der Standardsprache sollte mehr Lockerheit weichen. Auch die in den Medien verwendete Sprache zeigte nach und nach Variationen des ABN (zum Beispiel verschiedene Aussprachen des /r/). Die Bezeichnung ABN selbst wurde auch immer stärker abgelehnt und die Bezeichnung Algemeen Nederlands (AN) bevorzugt.

Die Gegenwart ist wieder gekennzeichnet durch die wahrgenommene Vielfalt des Niederländischen. Neben der Standardsprache sind die Dialekte wieder stärker in das Zentrum des Interesses gerückt. Die regionalen Varietäten waren nie ganz verschwunden, sie wurden nur mehr oder weniger aus der Öffentlichkeit verbannt (je formeller ein Gespräch, umso stärker orientierte man sich in Richtung ABN). Dialekte entwickelten sich eher im Stillen weiter, in der Familie und eher auf dem Land. Mit der Ausbreitung der Standardsprache hat diese zusätzlichen Einfluss auf die Dialekte ausgeübt, so dass sie sich mehr in Richtung Standardsprache entwickelten und sich benachbarte Dialekt stärker aneinander anglichen (Regiolekte). Auch durch die Mobilität der Sprecher, die immer weitere Arbeitswege auf sich nehmen und häufiger umziehen, werden die Dialekte nivelliert. Trotzdem sind die großen Dialektgruppen der Niederlande immer noch erkennbar.

Die Dialekte ungefähr östlich der IJssel (Groningen, Drenthe, Overijssel und Gelderland sowie in Teilen der Provinz Friesland) entwickelten sich – wie schon mehrfach angedeutet – aus dem Altsächsischen und werden als Nedersaksisch bezeichnet. Nedersaksisch ist seit 1996 als streektaal (dt. Regionalsprache) nach der Europäischen Charta für regionale Sprachen und Minderheitssprachen anerkannt. Das trifft ebenfalls auf das Limburgisch zu, dass im Süden der Niederlande wie auch im Nordosten Belgiens an der deutschen Grenze gesprochen wird. Die Anerkennung als Regionalsprache erfolgte hier 1997. Brabantisch, westlich des Limburgs gesprochen, und Ostflämisch, westlich des Brabants, sind ebenfalls auf die Niederlande und Belgien verteilt. In Frankreich (Französisch-Flandern) wird der Dialekt jedoch nur noch von der ältesten Generation verwendet und wird somit nicht mehr lange existieren. Die Holländischen Dialekte schließlich werden in den niederländischen Provinzen Nord- und Südholland gesprochen. Ausdrücklich aus dem Gefüge der niederländischen Dialekte auszunehmen ist jedoch das Friesische, das als selbständige Sprache zu klassifizieren ist (dazu mehr im Kapitel XII).

Neben den Dialekten beziehungsweise Regiolekten gibt es noch weitere Sprachvarietäten, die sich nach der sozialen Schicht ihrer Sprecher richten (Soziolekt), nach deren Abstammung (Ethnolekt), nach dem Beruf (Fachsprache), nach dem Alter der Sprecher oder deren Geschlecht. Auf diese Varietäten soll hier nicht näher eingegangen werden. Eine Person kann durchaus gleichzeitig mehreren Sprechergruppen angehören und je nach Kontext oder Situation eine Varietät auswählen oder zwischen Varietäten hin- und herspringen. Die gegenwärtige heterogene Gesellschaft ermöglicht oder verlangt sogar derartige sprachliche Flexibilität.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011