XI. Niederländisch in Belgien

Die Geschichte des niederländischsprachigen Teils Belgiens war, nachdem sich die nördlichen Niederlande im 16. Jahrhundert vom Süden gelöst hatten, recht turbulent. Zunächst blieb der Süden unter spanischer Herrschaft, später zu Beginn des 18. Jahrhunderts ging es in die Hände Österreichs, wurde am Ende desselben Jahrhunderts von Frankreich besetzt, nach dem Untergang Napoleons für kurze Zeit mit den Niederlanden zum Vereinigten Königreich der Niederlande zusammengeführt und gehörte ab 1830 zum neu gegründeten Staat Belgien.

Erste Seite der im Jahr 1788 erschienenen Verhandeling op d’onacht der moederlyke tael in de Nederlanden
Erste Seite der im Jahr 1788 erschienenen Verhandeling op d’onacht der moederlyke tael in de Nederlanden

Das Niederländische im Süden ging ebenfalls einen schwierigen Weg – überwiegend im Hintergrund – der hier aber nur kurz skizziert werden soll. Im Gegensatz zum Norden kam im 16. Jahrhundert im Süden der Ansatz zur Standardisierung nicht voran. An den nördlichen Standard wollte man sich allerdings vor dem Hintergrund religiöser Differenzen (der Süden blieb katholisch) auch nicht anschließen. Einen eigenen Standard zu entwickeln gelang jedoch ebenfalls nicht. Noch dazu sahen sich die niederländischen Dialekte dem Latein (in Kirche, Wissenschaft und höherer Bildung) und dem Französischen (in den höheren Kreisen, in der Verwaltung) gegenüber – beides Standardsprachen mit gefestigter Position. Im 18. Jahrhundert war es in Schulen sogar verboten, Niederländisch zu sprechen. Zwischen der französischsprachigen Oberschicht und den niederländischsprachigen unteren Schichten der Gesellschaft ging die soziale Schere immer weiter auseinander. Ohne Französisch war ein sozialer Aufstieg unmöglich. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert wurde dem Niederländischen jedoch von Intellektuellen ein stärkeres Interesse entgegengebracht. Der Rechtsgelehrte J.-B. Verlooy veröffentlichte 1788 die Verhandeling op d'onacht der mederlyke tael in de Nederlanden, worin er für die Wiedereinführung des Unterrichts auf Niederländisch warb. Unter französischer Herrschaft war dieses Ansinnen unmöglich umzusetzen. Im Gegenteil, jeder sollte nur noch Französisch lernen und sprechen. Jedoch gingen so wenige Kinder zur Schule, dass es den Franzosen auch nicht gelang, ihre Idee zu verwirklichen. Die oberen Schichten hingegen hielten sehr gern am Französischen fest und hoben sich damit absichtlich vom gemeinen Volk ab.

Im Vereinigten Königreich der Niederlande kam dem Niederländischen eine stärkere Position zu. Es wurde zur offiziellen Sprache erklärt, musste sich diesen Status aber mit dem Französischen teilen. König Willem I. ergriff vor allem im Bereich der Bildung Maßnahmen, um das standardisierte Niederländische zu fördern. In Grundschulen wurde vollständig auf Niederländisch unterrichtet, in der mittleren Stufe gab es in jeder Schule Niederländischunterricht und an jeder Universität wurde ein Lehrstuhl für niederländische Sprache und Literatur eingerichtet. Widerstand – auch und vor allem auf politischer Ebene – gegen die königlichen Maßnahmen kamen aus den französischsprachigen Landesteilen, aber ebenso aus der französischsprachigen Oberschicht, die sich bevormundet sah. Der König machte zwar einige Zugeständnisse: In den niederländischsprachigen Landesteilen durfte bei Gericht und in der Verwaltung auch wieder französisch gesprochen werden und schließlich wurde auch das Prinzip der Sprachfreiheit offiziell zugestanden, aber die politische Teilung des Landes konnte dadurch nicht mehr aufgehalten werden.

Nach der erneuten Teilung verbesserte sich die Position der niederländischen Dialekte nicht. Theoretisch bestand zwar Sprachfreiheit, aber nur das Französische – immer noch die bevorzugte Sprache in den einflussreichen Schichten – bot die Möglichkeit, sozial aufzusteigen. Alle Domänen des öffentlichen Lebens wurden durch das Französische besetzt. Eine niederländischsprachige Minderheit aus der Mittelschicht, die ihre schulische und/oder universitäre Ausbildung im Vereinigten Königreich auf Niederländisch genossen hatte, wollte sich mit dieser Situation nicht abfinden. Sie gründete die Vlaamse Beweging (dt. Flämische Bewegung), die unter anderem die offizielle Anerkennung des Niederländischen in Belgien zum Ziel hatte. Ihre Forderungen weitete sie allerdings auch auf die politische Ebene aus, da sie die niederländischsprachige Bevölkerung diskriminiert sah. Mit der Flämischen Bewegung wurde auch die Bezeichnung Flämisch für das Niederländische in Belgien (nicht nur für die flämischen Dialekte im Westen) gebräuchlich.

Ein jahrzehntelanger Sprachenstreit brach an. Nach anfänglichen Misserfolgen wurde das Niederländische 1873 im flämischen Teil Belgiens vor Gericht erlaubt, sofern der Angeklagte kein Französisch sprach. Mehrere weitere Zugeständnisse gegenüber dem Niederländischen folgten. 1898 wurde schließlich das Gelijkheidswet (dt. Gleichheitsgesetz) verabschiedet, welches festlegte, dass alle Gesetzte auf Niederländisch und Französisch veröffentlicht werden müssen und beide Versionen gleichberechtigt gelten. Der flämische Teil Belgiens war somit zweisprachig (während Wallonien und Brüssel einsprachig Französisch blieben). Nach weiteren Jahrzehnten des Bemühens um mehr Anerkennung des Niederländischen wurde in den 1930er Jahren eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die eine Sprachregelung nach dem Territorialprinzip traf. Somit wurde der flämische Teil Belgiens grundsätzlich einsprachig Niederländisch. In den Jahren 1962 und 1963 wurden in Belgien endgültig vier Sprachgebiete geschaffen: die französischsprachige Wallonie, der niederländischsprachige flämische Teil, ein kleiner deutschsprachiger Teil und das zweisprachige Brüssel (Niederländisch und Französisch).

Flandern war damit einsprachig, und 1973 wurde per Dekret festgelegt, dass diese Sprache „Niederländisch“ genannt werden soll, nicht „Flämisch“. Prinzipiell wurde eine Spracheinheit mit den Niederlanden anvisiert, allerdings waren die Widerstände in Belgien zu stark. Einerseits störte man sich an den französischen Lehnwörtern im AN und ersetzte diese durch Neologismen. Andererseits gab es Befürworter einer eigenen Standardsprache. Die südliche Standardsprache unterscheidet sich durch Wortschatz und Aussprache vom AN, sie ist offiziell anerkannt, wird aber in der Bevölkerung weniger gut angenommen. Stattdessen bedient man sich immer häufiger der tussentaal (dt. Zwischensprache), die zwischen südlichem Standard und den Dialekten liegt. Die Zwischensprache trägt zunehmend brabantische Kennzeichen, vereinheitlicht sich und übernimmt Funktionen, sowohl des südlichen Standards als auch der Dialekte, die in Belgien bisher eine stärkere Position innehatten als in den Niederlanden. Möglicherweise entwickelt sich so eine neue südliche Standardvariante, die sich dann stärker vom AN unterscheidet.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011