VI. Altniederländisch

Ab dem 6. Jahrhundert kann man von Altniederländisch sprechen, weil sich dann wahrscheinlich bereits spezifische sprachliche Features entwickelt hatten, die sich von denen anderer westgermanischer Dialekte unterschieden. Jedoch sind aus dieser Anfangszeit wie erwähnt noch keine schriftlichen Zeugnisse erhalten geblieben. Diese Tatsache hat zahlreiche Gründe: Die wenigsten Menschen waren überhaupt in der Lage zu schreiben. Die Einführung der Schriftlichkeit ging mit der Christianisierung der germanischen Stämme einher. Diese konnte unter den Stämmen auf dem Gebiet des heutigen niederländischen Sprachraums vergleichsweise spät Fuß fassen (8. Jahrhundert[1]). Geschrieben wurde demzufolge in erster Linie durch Geistliche und hauptsächlich auf Latein. Die wenigen Altniederländischen Texte, die ab der Zeit Karls des Großen (747 oder 748-814) gelegentlich auftauchen, sind durch Unglücke (zum Beispiel Brände), Unachtsamkeit oder auch mit Absicht dezimiert worden. Die Zeit der ersten textlichen Überlieferungen, die Linguisten zur Verfügung stehen, beginnt somit erst im 8. Jahrhundert.

In Folge der Christianisierung fand neben lateinischen Wörtern aus Kunst, Kultur und Wissenschaft eine Vielzahl christlicher Vokabeln den Weg ins Altniederländische: Neue Wörter waren zum Beispiel kruis (dt. Kreuz), school (dt. Schule) und tafel (dt. Tisch). Der Großteil dieses Lehnwortschatzes ist jedoch nicht in altniederländischer Form, sondern in mittelniederländischer überliefert. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die Wörter zusammen mit den entsprechenden (realen oder abstrakten) Konzepten in das Altniederländische vorgedrungen sind. Noch ältere lateinische Lehnwörter aus Kultur, Verwaltung und Recht entstammen dem direkten Kontakt der Franken mit nördlichen Gallo-Romanen und wurden über das Altfranzösische ins Altniederländische eingeführt, zum Beispiel kasteel (dt. Schloss) über Altfranzösisch chastel von Lateinisch castellum.

Mit Altniederländisch wird die Sprache bezeichnet, die als der älteste direkte Vorfahre des modernen Niederländisch gelten kann. „Sprache“ ist hier wiederum als theoretisches Konstrukt zu verstehen, das sich eigentlich aus mehreren Dialekten zusammensetzt. Hauptsächlich handelte es sich dabei um altniederfränkische Dialekte, jedoch sind einzelne Elemente der ingwäonischen Dialekte überliefert. Ingwäonische Dialekte sind nicht erhalten, da sie entweder von den fränkischen Dialekten überlagert wurden, bevor sie schriftlichen Niederschlag fanden, oder einfach durch Zufall keine ingwäonischen Schriftstücke überdauert haben.

Auch die niederfränkischen Überlieferungen – man unterscheidet Altost- und Altwestniederfränkische Dialekte – sind spärlich, jedoch existieren im Gegensatz zu den ingwäonischen Dialekten zumindest einige Texte und Textfragmente, die ein genaueres Bild der Sprache ergeben.

Altwestniederfränkische Elemente sind in Personen- und Ortsnamen wie -lo beziehungsweise -loo (Lichtung) zum Beispiel in Waterloo erhalten geblieben,. Darüber hinaus finden sich in lateinischen Texten an den Rändern oder zwischen den Zeilen einige Wörter (Glossen) im altwestniederfränkischen Dialekt, die schwierige lateinische Wörter übersetzen oder Textstellen erklären sollen. Ein sehr viel größerer Text ist der in der Universitätsbibliothek Leiden aufbewahrte sogenannte Leidener Willeram (nach der Abtei von Egmond, wo er wahrscheinlich kopiert wurde, auch Egmonder Willeram genannt) aus dem 11. Jahrhundert. Es handelt sich dabei um eine Bearbeitung eines Kommentars zum Hohelied, den Williram, Abt von Ebersberg, um 1065 ursprünglich auf Ostniederfränkisch verfasst hatte. Der Kopist hat bei der Bearbeitung seinen eigenen westniederfränkischen (holländischen) Dialekt zugrunde gelegt. Bekannter ist jedoch ein kleiner westniederfränkischer (flämischer) Satz, der Ende des 11. Jahrhunderts wohl nur als Nebenprodukt der eigentlichen Schreibarbeit niedergeschrieben wurde, als der Schreiber seine neue Feder ausprobieren wollte:

„Hebban olla uogala“ aus dem 11. Jahrhundert
„Hebban olla uogala“ aus dem 11. Jahrhundert
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Hebban olla uogala nestas hagunan / hinase hic enda thu / uuat unbidan uue nu
„[Es] haben alle Vögel Nester begonnen [zu bauen], außer ich und du, worauf warten wir nun?“
Das Stückchen Pergament mit diesem recht romantischen Satz liegt in der Bodleyan Library in Oxford und wurde in der Abtei von Rochester (Grafschaft Kent) von einem Schreiber aus Französisch-Flandern beschrieben. Es ist durch Zufall überliefert worden, da das ursprüngliche ganze Blatt Pergament zerschnitten und als Buchrückenverstärkung verwendet wurde.

Das wichtigste Fragment altostniederfränkischer Überlieferung – auch wenn es nur als Abschrift aus dem 16. Jahrhundert bewahrt ist – sind die Wachtendonckschen Psalmen. Der Kanoniker Arnold van Wachtendonck lieh dem Gelehrten Justus Lipsius eine Psalmensammlung im altostniederfränkischen (südniederrheinischen) Dialekt, die im 10. Jahrhundert als Bearbeitung einer südwestmoselfränkischen Psalmenübersetzung aus dem 9. Jahrhundert entstanden war. Lipsius kopierte Teile daraus, die überliefert wurden.

Volkssprache

In Abgrenzung zum Latein, der Sprache der Gelehrten, wird die Sprache, die die einheimische Bevölkerung sprach, „Volkssprache“ genannt. In zeitgenössischen Texten ab dem 9. Jahrhundert wird der Begriff tieis oder diutisk verwendet, der vermutlich von *thiudisk stammt und eine Lehnübersetzung von lateinisch lingus vulgaris (Sprache des Volks) ist. Die Niederfränkischen Dialekte werden später im Mittelniederländischen dietsch oder diets genannt (zur Entwicklung hin zum Begriff „Niederländisch“ siehe Kapitel VII).

Allgemeine sprachliche Kennzeichen des Altniederländischen sind in Abgrenzung zu späteren Sprachstadien die vollen Vokale [a, i, o, u] in unbetonten Silben, wie in thancan (dt. danken), eldi (dt. Alter), findon (dt. finden), turtulduve (dt. Turteltaube). Wie Untersuchungen der überlieferten Texte vermuten lassen, waren diese Vokale allerdings schon im Prozess der Abschwächung begriffen (es wird zum Beispiel argumentiert, dass im Satz Hebban olla uogala ... die vielen <a> in unbetonter Position auf einen Vokalzusammenfall und eine Endsilbenschwächung hindeuten), der im Mittelniederländischen zum Abschluss kam. Unbetonte Vokale werden dabei letztendlich zu Schwa (siehe Kapitel IV).

Durch eine Reihe von Lautveränderungen grenzt sich das Altniederländische von den anderen westgermanischen Sprachen ab[2]. Die Konsonantenverbindung -ft- wird im Altniederländischen zu -cht-, so dass zum Beispiel im modernen Niederländisch verkocht mit deutsch verkauft korrespondiert. Des Weiteren entwickelte sich die Verbindung -al- oder -ol- mit nachfolgenden -d oder -t zu -ou- mit -d oder -t: zum Beispiel niederländisch oud gegenüber deutsch alt, friesisch âld und englisch old. Bei der Konsonantenverbindung -[χs]- entfiel das [χ], so dass wir heute niederländisch vos gegenüber deutsch Fuchs, friesisch foks und englisch fox antreffen. Außerdem trat in offenen, betonten Silben eine Verlängerung kurzer Vokale auf, während die anderen kurzen Vokale beibehalten wurden. Dadurch findet man auch heute noch bei vielen Substantiven Ausspracheunterschiede zwischen der Einzahl- und der Mehrzahlform: gat vs. gaten (dt. Loch vs. Löcher).

Daneben liefen weitere Lautveränderungen ab, die auch in anderen westgermanischen Sprachen stattfanden (dort jedoch zum Teil erst später). So verlor sich im 9. Jahrhundert das h- am Wortanfang, wenn danach ein anderer Konsonant folgte, zum Beispiel ringis (dt. Ring) von *hrengaz. Ebenfalls im Altniederländischen vollzog sich die Auslautverhärtung, wodurch stimmhafte Konsonanten am Wortende stimmlos wurden. Dieses Phänomen trifft man auch im Deutschen an. Es kommt zu Ausspracheunterschieden, wenn eine weitere Silbe angehängt wird, wie zum Beispiel bei der Pluralbildung: niederländisch hond und deutsch Hund mit [t] gegenüber honden und Hunde mit [d]. Die germanischen Diphthonge [ai] und [au] wurden im Altniederländischen zu langem [e:] bzw. [o:], was man jedoch auch im Altsächsischen und Altfriesischen beobachten kann. Zum Hochdeutschen hat sich jedoch so ein Gegensatz entwickelt, zum Beispiel: steen vs. Stein und boom vs. Baum.


[1] Im Gegensatz dazu England, wo Ende des 7. Jahrhundert die Christianisierung bereits abgeschlossen war: Die altenglische Überlieferung beginnt bereits im 7. Jahrhundert.
[2] Andererseits grenzte sich das Althochdeutsche von den anderen westgermanischen Sprachen durch die Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung ab, die sich ab dem 6. Jahrhundert von Süden (aus dem Alemannischen, Bairischen, Langobardischen) ausgehend über mehrere Jahrhunderte hinweg nach Norden bis zur heutigen „Benrather Linie“ (ganz grob skizziert von Eupen in Belgien bis Frankfurt/Oder) ausbreitete. Die Veränderungen betrafen unter anderem die durch die Erste Lautverschiebung geschaffenen Konsonanten [p], [t] und [k], die zu [pf] beziehungsweise [f], [ts] beziehungsweise [s] und [χ] (in Mittel- und Endstellung) wurden. Daher die modernen deutsch-niederländischen Wortpaare pferd-paard, harp-Harfe, tellen-zählen, water-Wasser, maken-machen.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011