XII. Exkurs: Afrikaans

Die Landung des Jan van Riebeeck: Das Gemälde von Charles Bell zeigt die Ankunft des VOC-Schiffsarztes und Verwalters der Kolonie am Kap
Die Landung des Jan van Riebeeck: Das Gemälde von Charles Bell zeigt die Ankunft des VOC-Schiffsarztes und Verwalters der Kolonie am Kap
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Eine andere Art der verwandtschaftlichen Beziehungen, als die, die das Friesische mit dem Niederländischen unterhält, trifft man zwischen Afrikaans und Niederländisch an: Afrikaans ist eine sogenannte Tochtersprache des Niederländischen. Afrikaans und Niederländisch sind also nicht gleichzeitig entstanden, sondern Afrikaans hat sich (hauptsächlich) aus dem Niederländischen entwickelt – nicht aus der Standardvarietät, sondern aus Dialekten des 17. Jahrhunderts (Holländisch und Seeländisch). Kolonisten besiedelten ab 1652 die Kapregion, da die Verenigde Oostindische Compagnie (VOC, die Niederländische Ostindien-Kompanie) hier einen Stützpunkt für die lange Fahrt in Richtung des heutigen Indonesien benötigte. Um 1700 zogen Siedler (die sogenannten boeren, deutsch Buren) weiter ins Land hinein und ließen sich an der damaligen Ostgrenze nieder. Die Sprache dieser Siedler wurde zur Vorlage für das Standard-Afrikaans. Ab dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kann man Afrikaans bereits als eigenständige Sprache bezeichnen. Im 19. Jahrhundert breitete sich die Sprache von der Ostgrenze weiter nach Norden aus. Im Jahre 1925 wurde Afrikaans neben Englisch auch offizielle Sprache in Südafrika. Heute ist Afrikaans eine von elf offiziellen Sprachen in Südafrika und wird von ungefähr 16 Prozent der Bevölkerung gesprochen, wobei die Anzahl der Muttersprachler bei circa sechs Millionen liegt.

Zwei Hypothesen stehen sich in Bezug auf die Entstehungsgeschichte des Afrikaans gegenüber: Die eine besagt, dass die Dialekte der niederländischen Siedler durch diese selbst über einen längeren Zeitraum so aneinander angepasst und grammatisch vereinfacht wurden, wobei sie ständigen Einflüssen der anderen Siedlersprachen ((Nieder)Deutsch und Englisch), der Sprachen der Sklaven (Malaiisch und portugiesische Kreolsprachen) sowie der einheimischen Sprachen (Bantu- und Khoisansprachen) unterlagen, bis die neue Sprache Afrikaans entstanden war. Die andere Hypothese nimmt an, dass der Ursprung des Afrikaans gerade bei den nicht-niederländischen Muttersprachlern zu suchen ist. Diese sollen Niederländisch als Verkehrssprache genutzt, aber dabei mit Elementen der eigenen Sprachen versehen haben, um sich in dem vielsprachigen Gebiet des südlichen Afrika möglichst vielen verschiedenen Kommunikationspartnern verständlich machen zu können. Eine Sprache, die aus einer Verschmelzung zweier (oder mehrerer) Sprachen oder Dialekte entsteht und dann von den nächsten Generationen als Muttersprache gelernt wird, nennt man Kreolsprache.

Im Vergleich zum Niederländischen hat das Afrikaans ein noch stärker reduziertes Flexionssystem (was ein typisches Merkmal von Kreolsprachen ist). Es werden zum Beispiel keine grammatische Geschlechter mehr unterschieden und dementsprechend gibt es keine unterschiedlichen Flexionsendungen für maskuline, feminine oder neutrale Substantive (und damit auch nicht für Pronomina und Adjektive). Verben kennen ebenfalls keine Flexionsendungen: Die Personalformen der Verben sehen aus wie ihr entsprechender Infinitiv. Nur die Infinitive (dt. haben) und wees (dt. sein) haben andere Personalformen: het beziehungsweise is.

Auffällig im Afrikaans ist die doppelte Verneinung. Am Ende eines verneinten Satzes beziehungsweise des Satzteils, in dem verneint wird, steht immer nie (als Markierung der Verneinung), auch wenn bereits ein anderes Wort im Satz eine negative Form hat, zum Beispiel dit het ek nie geweet nie (dt. das habe ich nicht gewusst bzw. das wusste ich nicht) oder geen mens weet nie (dt. keiner weiß es).

Der Wortschatz des Afrikaans basiert überwiegend auf dem Niederländischen, jedoch haben einzelne Wörter mitunter eine andere Bedeutung (bewahrt oder angenommen): leraar bedeutet zum Beispiel auf Niederländisch Lehrer, auf Afrikaans Prediger. Außerdem sind einige Wörter aus der Seemannssprache (viele der ersten Siedler waren Seeleute) zu den „allgemeinen“ Wörtern im Afrikaans geworden, wie kombuis (Niederländisch für Kombüse, Afrikaans für Küche).

Darüber hinaus hat Afrikaans aus den verschiedensten Sprachen Lehrwörter übernommen oder Lehnübersetzungen geschaffen: aus dem Malaiischen piesang (dt. Banane), baie (von banjak, dt. viel, sehr) oder nooi (von nonya, dt. Mädchen); aus dem Portugiesischen sambreel (dt. Regenschirm) oder tronk (dt. Gefängnis). Da sich Afrikaans in Konkurrenz mit Englisch befindet, werden Anglizismen weitestgehend vermieden. Stattdessen wurden Lehnübersetzungen wie muurpapier (von wall paper, dt. Tapete) oder droogskoonmaak (von dry cleaning, dt. chemische Reinigung) geschaffen.

Natürlich gibt es noch weitere Merkmale, die das Afrikaans vom Niederländischen unterscheiden, wie zum Beispiel in der Aussprache. afrikaans Afrikaans kennt die stimmhaften Reibelaute [z] und [γ] nicht (suid versus zuid, dt. Süden), im Anlaut <sk> verwendet, wo im Niederländischen <sch> steht (skool versus school, dt. Schule) und so weiter. Diese Unterschiede sollen aber hier nicht näher besprochen werden. Die beiden Sprachen weichen nicht so weit voneinander ab, dass eine Verständigung zwischen Muttersprachlern beider Seiten nicht möglich wäre. Bei langsamem Sprechtempo ist es ohne größere Übung möglich, miteinander zu kommunizieren.

Autorin: Susan Fittkau
Erstellt: Dezember 2011