IX. Der Regisseur Frans Weisz

Der 1938 in Amsterdam geborene Regisseur Frans Weisz drehte von 1964 bis 2012 25 Filme. Davon sind elf auf literarischen Vorlagen basiert, weshalb er in diesem Dossier über niederländische Literaturverfilmungen extra Erwähnung finden soll.

Weisz verfilmte Romane von Simon Vestdijk, Remco Campert, Harry Mulisch und drei Theaterstücke von Judith Herzberg (Jahrgang 1934). Herzberg und Weisz schrieben zusammen das Drehbuch für den deutsch-niederländischen Film Charlotte (1981). Dieser hat keine Literatur als Grundlage, sondern die 769 Gouachen der Künstlerin Charlotte Salomon. Die gebürtige Berlinerin (1917) konnte während der NS-Zeit nach Süd-Frankreich fliehen, wurde dort aber gefangen genommen und 1943 in Auschwitz ermordet. Mit dieser filmischen Zusammenarbeit nahmen sich Weisz und Herzberg eines Themas an, das auch ihr eigenes Leben prägte: beide mussten während der Besatzung untertauchen und überlebten nur durch glückliche Umstände.

Illusion - Ein Gangstermädchen (Buch 1965, Film 1966)

Weisz erster Film auf einer literarischen Vorlage war 1966 das schon erwähnte gangstermeisje (dt.: Das Gangstermädchen), dessen Drehbuch in einer Kooperation mit Remco Campert entstanden war (siehe Kapitel VII. Klassiker)

De inbreker (Buch 1961, Film 1972) und Naakt over de Schutting (Buch 1966, Film 1973)

Die zwei nächsten Filme waren Krimis: De inbreker (dt.: Der Einbrecher) stammte aus dem Jahr 1972 und basierte auf dem gleichnamigen Buch von August Defresne (1961). Naakt over de schutting (dt. Nackt über den Lattenzaun) ging 1973 in Premiere und beruhte auf dem gleichnamigen Buch des Journalisten und Autors Rinus Ferdinandusse.

Heb medelij, Jet! (Buch 1968, Film 1973)

Heb medelij, Jet! (dt.: Hab Mitleid, Jet!) von 1973 hat als Grundlage den Roman Geef die mok eens door, Jet! (dt.: Gib den Becher mal weiter, Jet!) von Heere Heeresma (1932–2011). Aus einem traurig stimmenden Roman machte der Drehbuchschreiber Dimitri Frenkel Frank eine Komödie. Der Produzent Rob du Mée schrieb mit am Drehbuch. Der Film wurde kein Publikumserfolg. Auf Grund der sehr teuren Produktion musste der Produzent Konkurs anmelden.

Rooie Sien (Theaterstück 1917, Film 1975)

Rooie Sien (dt.: Die Rothaarige) aus dem Jahre 1975 basiert auf einem gleichnamigen Volkstheaterstück von Marius Spree. Es ist eine Schnulze aus dem Jahre 1917 über die Tochter einer Prostituierten, die aus Versehen beinahe von ihrem Vater ermordet wird, und es nach einer Zeit als Barsängerin endlich mit Hilfe vieler persönlicher Opfer schafft, sich aus dem Milieu ihrer Mutter zu befreien. Bei diesem Film lernten sich Herzberg und Weisz kennen, gemeinsam schrieben sie das Drehbuch.

Havinck (Buch 1984, Film 1987)

Das Drehbuch von Ger Thijs basiert auf dem gleichnamigen Debutroman von Marja Brouwers aus dem Jahre 1984. Beschrieben werden 15 Tage im Leben des erfolgreichen Anwalts Robert Havinck. Havinck hat seine Ehefrau durch einen Autounfall verloren, der sich aber als ein Selbstmord erweist. Der Suizid und Havincks pubertierende Tochter Eva zwingen den Anwalt, seine Ehe neu zu beurteilen. Havinck erkennt seine innere Leere und versucht, eine Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen. Die Kritik hat den Film sehr positiv beurteilt. Der Hauptdarsteller Willem Nijholt bekam 1987 das Goldene Kalb als bester Schauspieler, Frans Weisz wurde für diesen Film mit dem Preis der Niederländischen Filmkritiker ausgezeichnet. Der Film wurde für den Wettbewerb für das Filmfestival in Cannes ausgewählt.

Op afbetaling (Buch 1952, Film 1993)

Op afbetaling aus dem Jahre 1993 ist basiert auf dem gleichnamigen Roman (dt.: Ratenzahlung) von Simon Vestdijk, der 1952 erschien. Der Film ist im Auftrag der niederländischen Fernsehanstalt VPRO entstanden. Der deutsche Filmtitel lautet Der Betrogene; es geht um einen Ehebruch. Der junge Anwalt Henk Grond meint, seine Frau beim Seitensprung mit seinem Chef Grewelstein in flagranti ertappt zu haben.

Hoogste tijd (Buch 1985, Film 1995)

Frans Weisz wählt den Roman Hoogste Tijd von Harry Mulisch als Grundlage für seinen gleichnamigen Film, der 1995 herauskam. Das Szenario schrieb der Journalist Jan Blokker. Es ist ein Film über Film und Theater, über die Schauspielkunst und verpasste Chancen, Mittelmäßigkeit im Leben und die Angst vor dem Tod. Das alles spielt im Theater.

Eine Theatergruppe sucht einen Schauspieler und lädt den inzwischen 78-jährigen Willem Uli Bouwmeester, der sein Schauspielleben auf kleinen unbedeutenden Bühnen verbracht hatte, ein. Er darf nun eine große Rolle spielen, obwohl er zweifelt, ob er diese Aufgabe bewältigen kann. Er zeigt Talent, und der Regisseur fordert ihn auf, die Emotionen aus seiner eigenen Vergangenheit zu beleben. Die Geister seines Lebens erwachen, sein Spielen im Zweiten Weltkrieg, seine unterdrückte Homosexualität und seine verpassten Chancen. Er wird sich bewusst, wie schlecht er geworden ist und entwickelt Ängste vor der Premiere. Die erlebt auch er nicht mehr, weil er vorher stirbt. Rijk de Gooyer erhielt für seine Darstellung des Schauspielers 1995 das Goldene Kalb für die beste männliche Hauptrolle.

Frans Weisz und Judith Herzberg

Nach Charlotte (1981) nahmen Frans Weisz und Judith Herzberg mit der Trilogie Leedvermaak (1989), Qui vive (2002) und Happy End (2009) die Zusammenarbeit und das Thema Holocaust wieder auf. Traumata und Schuldgefühle der Überlebenden sind die beherrschenden Themen dieser Filme, die alle von einer jüdischen Familie handeln, deren Geschichte in Episoden weitererzählt wird.

Besonders macht die Trilogie auch ist die Treue der Schauspieler; sie altern über einen Zeitraum der zwei Jahrzehnte, in denen die Filme produziert wurden. Weisz sagte über die seit Anfang der 1970er Jahre andauernde Zusammenarbeit mit Judith Herzberg, diese sei die Erste, mit der er eine gemeinschaftliche Erinnerung habe teilen können.[1]

Leedvermaak (Theaterstürkc 1982, Film 1989)

Leedvermaak (1989) basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück Leedvermaak (dt.: Schadenfreude; der deutsche Titel des Films ist: Leas Hochzeit), das Judith Herzberg für die Theatergruppe Baal geschrieben hatte und welches 1982 in Amsterdam uraufgeführt wurde.

Die Hochzeit von Lea und Nico soll gefeiert werden. Beide haben als Kinder untergetaucht den Krieg überlebt. Das Fest findet im Haus von Leas Eltern Simon und Ada statt, die Auschwitz überlebt haben. Nicos Mutter ist im Lager gestorben. Diese Hochzeit – für Braut wie für Bräutigam nicht die erste –, endet mit der Trennung. Die Gründe für die beiderseitige Gefühlsohnmacht werden nicht ausgesprochen, man muss sie aus den Gesprächen und kurzen Bemerkungen untereinander erahnen. Es zeigt sich, dass die Vergangenheit stärker ist als der Wille zur neuen Realität.

Das Lebensgefühl der ersten und zweiten Generation der Verfolgten kommt in kurzen Dialogen und Monologen zur Sprache, mit Ernst und Humor. Lea und Nico können sich nach ihren Verfolgungserfahrungen gegenseitig keine Sicherheit und Geborgenheit geben. Am Theaterstück musste wenig verändert werden, auch wenn dieses anders als der Film inszeniert war. Leedvermaak wurde 1982 gleich mit drei Goldenen Kälbern ausgezeichnet: für die beste Regie, den besten Schauspieler und die beste Schauspielerin.

Qui vive (Theaterstück 1995, Film 2002)

Der zweite Film der Trilogie, Qui vive, ging 2002 in Premiere. Er ist basiert auf Herzbergs Theaterstück Rijgdraad (dt.: Reihgarn), das 1995 in Amsterdam aufgeführt wurde. Das Drama der jüdischen Familie wird darin fortgeschrieben.

Simon und Ada kommen anlässlich ihres 40. Hochzeitstages von einer Reise direkt in die Willkommensfeier nach Amsterdam zurück. Zwart, der Vater von Nico, streitet mit seiner zweiten Frau, ob sie heimlich die Liebesbriefe der ersten Frau gelesen hätte und ob man die Briefe Nico, dem Sohn aus erster Ehe, zum Lesen geben könnte. Die Briefe stammen aus der Zeit, als sich die Frau im Durchgangslager befand. Simons und Adas Tochter Lea, die kinderlose Geigerin, muss erleben, wie ihr Vater ein zweites Kind von Dory bekommt, ebenfalls Geigerin, und die frühere Frau von Leas jetzigem Mann, Nico. Am Ende ist Ada verstorben, Nico wieder mit Dory, deren Eltern im Lager umgekommen sind, zusammen und Simon wundert sich über seinen pubertierenden Sohn Isaac. Reihgarn, wie der Titel auf Deutsch heißt, ist der Faden, der einen Stoff nur lose zusammenhält, er steht für die Familienbande, die nur vorläufig miteinander verbunden sind; die Geschichte und deren Wirkung in die Gegenwart scheint stärker zu sein.

Happy End (2009)

Der letzte Film der Trilogie, Happy End (2009) basiert nicht auf einer literarischen Vorlage; Judith Herzberg hat das Drehbuch direkt für den Film geschrieben. Während Leedvermaak in den 1970er Jahren spielt, Qui vive etwa 10 Jahre später, ist Happy End in der zweiten Hälfte der 1990er Jahren angekommen. Die jüdische Familie trifft sich wieder, weil sich Simon nach einer Augenoperation nicht mehr erholt und dem Sterben nahe ist. Simon denkt oft an seine verstorbene Frau Ada, tagsüber und nachts in seinen Alpträumen. Alle Familienmitglieder überlegen, was mit Simon passieren soll. Das feine Netz der Beziehungen untereinander entfaltet sich: mit Erwartungen, Plänen, Ängsten, Trauer, Wut, Befürchtungen und Geheimnissen, die Isaac, der 18-jährige Sohn Simons, lüften will.


[1]Siehe im Interview Frans Weisz mit Bart, 01.Oktober 2009, in Cineville, URL: www.cineville.nl/Parool/interview-met-frans-weisz

Autorin: Adelheid Scholten
Erstellt: November 2013