I. Einführung

Die Verfilmung literarischer Vorlagen ist kein rein niederländisches Phänomen. Auch in anderen europäischen Ländern ist die Zusammenarbeit von Schriftstellern und Regisseuren verbreitet. Das Drehbuch konnte sich hier als eigene literarische Form entwickeln - anders als in den USA, wo die Production Code Administration in den 1940er Jahren begann, Literaten von der Beteiligung an der Drehbuchproduktion auszuschließen.[1] Aber die Dichte von Drehbüchern, die auf Romanen, Erzählungen, Novellen und auch Theaterstücken beruhen, ist in den Niederlanden besonders hoch. Dabei stehen angesichts der zentralen Bedeutung des relativ begrenzten heimischen Filmmarktes Stoffe aus der niederländischsprachigen Literatur im Mittelpunkt.

Hier soll der Fokus auf Filmen ab 1945 liegen. Krimis, Kinder- und Jugendbücher werden nicht miteinbezogen, Fernsehproduktionen werden größtenteils außer Acht gelassen.

Bei jeder Buchverfilmung stellen sich die Fragen über das Verhältnis von ursprünglichem Stoff und filmischer Umsetzung: Ist der Ausgangstext erkennbar geblieben oder wurde er stark verändert? Inwieweit sind die Schriftsteller selbst einbezogen? Wie reagieren diese auf das verwandte, aber eigenständige Produkt? Die Antworten sind so differenziert wie das Spektrum der Filme. Ein Film wie Pastorale 1943 unter der Regie von Wim Verstappen (1978) hielt sich ganz nah an der literarischen Vorlage. Die Verfilmung des Romans Dunkelkammer des Damokles (unter dem Titel Als twee druppels water - dt.: Wie zwei Tropfen Wasser) konkretisiert, was im Buch in der Schwebe bleibt. Eine starke Verfremdung des Ursprünglichen gibt es bei der Verfilmung Marga Mincos Het bittere kruid (dt.: Das bittere Kraut). Die Autorin war so entsetzt über den gleichnamigen Film, dass sie darauf bestand, ihre Distanzierung von Kees van Ostrums Film im Vorspann kundzutun.

Der Film Oeroeg nimmt die Geschichte von Hella Haasse als historischen Ausgangspunkt, entwickelt aber ein erzählerisches Eigenleben. Für manchen Film werden eigene Personen eingeführt, oder auch ein Tier, wie der Hund Bijke im Film Fûke von Autor und Regisseur Rink van der Velde. Und mancher Drehbuchautor oder Regisseur verlegt die Handlung an einen anderen Ort: Hersenschimmen (dt.: Hirngespinste) spielt nicht wie in J. Bernlefs [2] Roman in Massachusetts, USA, sondern im kanadischen Nova Scotia. Politische und gesellschaftliche Zusammenhänge eines historischen Stoffs schließlich werden zuweilen anders gewichtet, damit der Stoff in der gegenwärtigen Zeit verstanden wird.

Das Verhältnis zwischen den Autoren auf der einen und den an der Filmproduktion Beteiligten auf der anderen Seite sind vielgestaltig. Oft arbeiten Regisseure eng mit den Autoren zusammen, manches Mal verfassen auch die Autoren das Drehbuch. Hugo Claus übernahm bei manch seiner Verfilmungen auch gleich die Regie.

Nachweisbar ist auf jeden Fall der Einfluss, den erfolgreiche Verfilmungen auf die Sichtbarkeit der literarischen Vorlagen haben. So verkaufte sich Simon Vestdijks Roman Pastorale 1943 in den drei Jahrzehnten zwischen seinem Erscheinen bis zu seiner Verfilmung 3.000-mal. In den zehn Jahren nach der Verfilmung wurden etwa 30.000 Exemplare des Titels verkauft. Von Willem Frederik Hermans’ Roman De Donkere Kamer van Damocles (dt.: Die Dunkelkammer des Damokles) wurden bis Ende der 1980er Jahre 25.000 Exemplare verkauft; nach der Verfilmung waren es noch einmal 60.000. Ökonomische Aspekte haben in den letzten Jahrzehnten Einfluss auf das Verhältnis der beteiligten Akteure gehabt. Der Verkauf der Filmrechte literarischer Werke spielt inzwischen eine große Rolle. Vorgaben von Produzenten können dazu führen, dass stark in den Inhalt eingegriffen wird, um einen Film international vermarkten zu können; andere nationale und kulturell geprägte Sehgewohnheiten müssen dabei auch bedient werden.


[1] Vgl. Albers, Rommy/Baeke, Jan/Zeeman, Rob (Hrsg.): Film in Nederland, Amsterdam 2004. S. 91.
[2] Pseudonym des Autors Hendrik Jan Marsman.

Autorin: Adelheid Scholten
Erstellt: November 2013