VI. Niederländischer Humor

Niederländischer Humor in Deutschland? Eine riskante Sache. Lachen überschreitet nicht ganz leicht die Nationalgrenzen, und die speziellen Filme sind kaum in Deutschland bekannt. Zu den zwei großen Regisseuren, die sich in diesem Milieu bewegen gehören Jos Stelling und Alex van Warmerdam. Wortkarge Groteske und absurde Überzeichnung bestimmen die Welt von Stelling und Warmerdam. Sie übernehmen die Perspektive der Narren, Süchtigen und kreativen Spinner. Die Welt wird verrückt. Stelling lässt die Grenzen zwischen Psychatrie und Außenwelt, zwischen Wahn und Wirklichkeit fließen, wenn nicht sogar ganz verschwinden. In der Kategorie Literarturverfilmungen kommen hier nur drei Filme in die engere Auswahl.

The World of Simon Carmiggelt (Film 1983)

Bert Haanstras Film Vroeger kon je lachen (dt.: Früher konntest Du lachen) basiert auf acht kurzen Kolumnen des großen niederländischen Journalisten Simon Carmiggelt (1913–1987), die zuerst in der Amsterdamer Tageszeitung Het Parool erschienen waren. Carmiggelts Kolumne aus dem Alltagsleben hieß Kronkels (dt.: Windungen). International lief der Film unter dem Titel The World of Simon Carmiggelt.

Bert Haanstra nahm den 70. Geburtstag von Carmiggelt zum Anlass, einen Film zu Ehren seines Freundes zu drehen. Bert Haanstra ist selbst ein Großer in der niederländischen Filmgeschichte: Er gewann den ersten niederländischen Oscar überhaupt für seinen Kurzfilm Glas im Jahre 1958. Haanstra hat bekannte Schauspieler und Kabarettisten eingeladen mitzuspielen. Neben Carmiggelt selbst tritt in einer Szene auch Kees van Kooten als „de vieze man“ (dt.: der fiese Mann) auf. Kees van Kooten ist in den 1980er Jahren ein Art Antiheld. In einem eigenwillig, sanften Humor erscheinen die Szenen, 30 Jahre später wirken die Szenen etwas altbacken. Sie zeigen aber den Charakter und den Zugang Carmiggelts zu seiner Umgebung.

Der Weichensteller (Buch 1981, Film 1986)

Mit De Wisselwachter (dt.: Der Weichensteller) benutzte der erfolgreiche Filmemacher Jos Stelling (Jahrgang 1945) zum ersten Mal eine literarische Vorlage für einen Film. Er griff zurück auf das literarische Debut des niederländischen Schriftstellers und Malers Jean-Paul Franssens (1938–2003), eine 1981 erschienene Novelle.

An einem Kreuzpunkt zweier Zuggleise steht ein Weichenstellhäuschen. Darin führt ein Weichensteller ein einsames Leben in einer einsamen Landschaft. Stelling erzählt die Geschichte ohne Worte. Nur durch Blicke und Begebenheiten merkt man langsam, dass der Weichensteller in den Bann einer mysteriösen Dame gerät, die eines Tages aus einem Zug ausgestiegen war, weil sie meinte, an einem Umsteigebahnhof angekommen zu sein. Sie bleibt ein Jahr und wohnt beim Weichensteller. Der Weichensteller lässt sich als eine Art Parabel ohne Moral lesen. Die Lebensregel des Mannes ist: Was sein muss, das muss sein! Ein Beispiel menschlichen Fatalismus. Am Ende wird er von einem Zug überfahren, weil er sich zwischen den Gleisen verlaufen hat.

Für diesen Film bekam Jos Stelling viel internationale Anerkennung und in den Niederlanden den höchsten Filmpreis, das goldene Kalb. In Deutschland lief er sechs Jahre lang in Programmkinos, vom niederländischen Publikum wurde er kaum honoriert.

No Trains No Plains (Buch 1995, Film 1999)

Jos Stelling nahm als Grundlage für No Trains No Plains (dt.: Keine Züge, keine Flugzeuge) ein weiteres Buch von Jean-Paul Franssens, den dritten Teil von dessen Autobiografie Broederweelde (dt.: Bruderwonne) von 1995. Es ist keine stoffgetreue Verfilmung; die autobiografischen Elemente von Franssens Buch wurden ausgelassen.

Es ist eine Tragikomödie über zwei vollkommen unterschiedlichen Brüder, wovon sich der eine, Gerard, selbst töten will. Davor will Gerard sich in seinem Stammcafé verabschieden. Er macht nicht den geringsten Eindruck auf die anderen Gäste. Aufmerksamkeit bekommt er erst, als er mit seinem Bruder, dem Schlagersänger Mario Russo, angibt. Gerard hat gar keinen Kontakt mehr mit Mario. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, als voll Inbrunst Marios Schlager geschmettert werden. Unbemerkt schleicht der echte Mario an die Theke, summt seine eigenen Lieder mit, bis das Publikum ihn im Café erkennt und ihm applaudiert.


Autorin: Adelheid Scholten
Erstellt: November 2013