III. Kolonialzeit: Indonesien und die Dekolonisation

Zwei berühmte niederländische Bücher zum Thema Kolonialzeit
Zwei berühmte niederländische Bücher zum Thema Kolonialzeit
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Die Unterdrückung der indonesischen Bevölkerung während der Zeit als Kolonialmacht, die Gewalt im Kampf gegen die indonesische Nationalbewegung und die Verlusterfahrung der Dekolonisierung anzuerkennen, hat in den Niederlanden Jahrzehnte gebraucht. Noch in den 1970er Jahren war ein offener Umgang mit der eigenen Vergangenheit als Kolonialmacht in der niederländischen Öffentlichkeit nicht der Normalfall. Verglichen mit der enormen Breite an filmischen Darstellungen der Besatzungszeit ist die Kolonialzeit für den niederländischen Film nur ein schmales Randgebiet.

Max Havelaar (Buch 1860, Film 1976)

Fons Rademakers wagte, den Literaturklassiker Max Havelaar des 1860 publizierten Romans von Multatuli, Pseudonym für Eduard Douwes Dekker, zu verfilmen.

Multatuli wurde mit diesem Roman weltberühmt; Max Havelaar gehört zum Literaturkanon der Niederlande. Der Roman greift die Missstände der niederländischen Kolonien in Asian auf, zeigt den Machtmissbrauch der niederländischen Amtsträger gegenüber der einheimischen Bevölkerung und klagt das System der Ausbeutung durch niederländische Unternehmer an. Der bekannte Drehbuchautor Gerard Soeteman schrieb das Drehbuch zum Film in Anlehnung an Max Havelaar, gedreht wurde in Indonesien und den Niederlanden. Der Film wurde zwar mit Erlaubnis der indonesischen Regierung gedreht, aber erst 1987 in Indonesien gezeigt; das Suharto-Regime hatte Probleme mit Szenen, in denen das brutale Verhalten eines indonesischen Regenten gezeigt wurde.

Die stille Kraft (Buch 1900, verfilmt 1974 und 2013)

Louis Couperus’ großer Kolonialroman De stille kracht (dt. Die stille Kraft) aus dem Jahr 1900 wurde von Walter van der Kamp 1974 für eine Fernsehserie verarbeitet. Seit 2010 arbeit auch Paul Verhoeven an der Verfilmung, die 2013 in die niederländischen Kinos kommen soll. Das zentrale Thema des Buches ist der Gegensatz zwischen Ost und West in Niederländisch-Indien. Die Niederländer auf Java sind zwar militärisch überlegen, erleben aber immer wieder Dinge, die sie nicht begreifen können. Die stille Kraft, die den Niederländern das Leben schwer macht, ist ein Symbol für die mysteriöse javanische Kultur und den javanischen Widerstand gegen die niederländische Fremdherrschaft.

Der schwarze See / Oeroeg (Buch 1948, Film 1993)

In den 1990er Jahren wurde die Kolonialzeit in den Niederlanden offener behandelt. Die Novelle Oeroeg, die Hella Haasse 1948 publizierte und in den Niederlanden als „Bücherwochengeschenk“ herausgegeben wurde, wurde 1993 als niederländisch-belgisch-indonesische Koproduktion von Hans Hylkema verfilmt.

Der Film spielt in der Phase der Dekolonisierung, von der Unabhängigkeitserklärung Indonesiens 1945 bis zur Übertragung der Souveränität 1949. Die Novelle spielt vor dem Krieg und erzählt von der Freundschaft eines niederländischen und eines indonesischen Jungens: Oeroeg. Hella Haasse wählt die persönliche Perspektive der beiden befreundeten Jungen, Hylkema verschiebt dagegen im Film diese Erzählperspektive ganz auf die historisch politische Situation des indonesischen Unabhängigkeitskampfs. Hella Haasse fragt in ihrer Novelle, ob Freundschaft zwischen einem niederländischen Jungen und einem indonesischen Jungen möglich ist und lässt die Antwort offen. In der Verfilmung kommt der niederländische Junge Johan 1947 als Leutnant zurück nach Indonesien in seine Heimat und ist beteiligt an der euphemistisch bezeichneten „Polizeiaktion“ Eroberungsaktion des Militärs. Der Film beginnt dort, wo die Novelle endete. Johan wird Kriegsgefangener und soll mit Gefangenen der Gegenseite ausgetauscht werden. Beim Tausch sieht Johan seinen alten indonesischen Freund Oeroeg. Ist Freundschaft noch möglich? Der Film nimmt eine kritische Haltung zur niederländischen Regierung und den Niederländern ein.

Oeroeg zeigt, wie weit im Einzelfall eine Verfilmung von der literarischen Vorlage abweichen kann. Hylkema verändert Perspektive, Charaktere und historische Verortung. Haasses Novelle bleibt dabei der Ausgangspunkt für den Film. Eine größere Zahl von Filmen zum Thema Indonesien und die Niederlande als Kolonialmacht hat auch Oeroeg nicht ausgelöst.

Für den internationalen Vertrieb hieß der Film Going home. Erst nach der Verfilmung erschien Hella Haasses Oeroeg 1994 auf Deutsch unter dem Titel Der schwarze See.


Autorin: Adelheid Scholten
Erstellt: November 2013