V. Alter, Krankheit, Tod

Einige Literaturverfilmungen haben Krankheit, Alter, Demenz und Euthanasie zum Thema.
J. Bernlefs [1] Roman Hersenschimmen (dt.: Hirngespinste), der von Heddy Honigmann verfilmt wurde, zeigt sehr genau den Prozess der Demenz und das schon 1984, als dieses Thema noch nicht so stark öffentlich diskutiert wurde.

Zwei Filme sind vom Regisseur Willem van de Sande Bakhuyzen. Im Film Familie ist der Ausgang die schwer krebskranke Mutter, woraufhin die Familie noch einmal zusammenkommt. Die Familie und deren Spannungen sind stärker präsent als der Krebs.

Im Film Ik omhels je met 1000 armen (dt.: Ich umarme dich vieltausendmal) entscheidet sich die an Multipler Sklerose erkrankte Mutter für Euthanasie. Die Entwicklung der Krankheit bis zur Euthanasie wird immer kontrastiert mit dem rauschenden Leben des Sohnes und seiner Freunde auf der Ferieninsel Las Palmas.

Im Film Boven is het stil (dt.: Oben ist es still) von Nanouk Leopold wird der alt und schwach gewordene Vater nach oben auf den Speicher verfrachtet, unten richtet sich der junge und alleinstehende Bauer neu ein und man kann eine sich anbahnende, homosexuelle Beziehung beobachten.

Hirngespinste / Bis es wieder hell ist (Buch 1984, Film 1988)

Der 1984 in den Niederlanden veröffentlichte Roman Hersenschimmen von J. Bernlef (1937 -2012) erschien schon 1986 übersetzt von Maria Csollány in der Bundesrepublik unter dem Titel Hirngespinste, 1988 erschien das Buch in der DDR bei Volk und Welt in der gleichen Übersetzung. Eine Neuauflage wurde 2007 in gleicher Übersetzung publiziert, allerdings unter dem neuen Titel Bis es wieder hell ist. Hersenschimmen wurde in 17 Sprachen übersetzt und gehört in den Niederlanden zum Literaturkanon. 2007 ließ die Tageszeitung NRC Handelsblad ihre Leser über die besten Bücher des Jahrhunderts abstimmen, dabei kam Bernlefs Buch auf Patz vier. Auch in anderen europäischen Ländern wurde die Übersetzung in den Kanon der wichtigsten Literatur gewählt. Was macht das Buch so außergewöhnlich?

Es ist die Geschichte des an Alzheimer erkrankenden Marten Klein, einem Holländer, der in Gloucester, Massachusetts lebt. Bernlef lässt Klein als Ich-Erzähler beschreiben, wie ihm die Welt aus der Hand gleitet. Er ruft in der Bibliothek an, wo seine Frau früher gearbeitet hatte, und ist erstaunt, dass seine Frau Vera sich dort nicht aufhält. Er verläuft sich, als er mit dem Hund spazieren geht. Er sitzt am Klavier und kann nicht mehr spielen. Alles spielt sich im Winter ab, Marten Klein mochte den Winter und die Kälte nie. Zu Beginn kann er noch über seinen Gedächtnisverlust reflektieren und schämt sich für sein Verhalten. Er wird sich gewahr, dass ihm das Formulieren schwer fällt; er sucht nach Worten. Langsam wird sein Sprachgebrauch reduziert. Später kann er die Personen nicht mehr auseinander halten. Das Leben mit ihm wird für seine Frau Vera unmöglich. Marten Klein kommt in ein Pflegeheim. Er kann die Personen nicht mehr unterscheiden und lebt in seiner eigenen alten Welt. Er spricht nur noch Niederländisch, sein Englisch hat er verloren.
Langsam und schleichend schrumpft seine Welt. So wie seine Sätze: „Ben alleen nu. Waar is de wereld gebleven?“ (dt.: Bin alleine jetzt. Wo ist die Welt geblieben?)

Heddy Honigmann verfilmt Hersenschimmen unter dem gleichen Titel (auf Englisch unter Titel Mindshadows) mit Joop Admiraal in der Hauptrolle. Marten Kleins Reflexionen werden als Monologe gesprochen. Die Regisseurin wählt als Ort Nova Scotia in Kanada an Stelle von New England im Roman. Honigmann lässt Kleins Rückblenden spielen, er wechselt zwischen den Sprachen Englisch und Niederländisch. Klein kann nicht nachvollziehen, was mit ihm geschieht, der Zuschauer spürt das Bedrohliche und Beängstigende seiner Situation. „Het gaat niet meer, Vera. Het is op“(dt.: Es geht nicht mehr, Vera. Es ist vorbei), sagt Klein am Ende. Buch und Film greifen ein Thema auf, das erst viel später sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland als wichtiges gesellschaftliches Thema erkannt wird. Heddy Honigmann hat es auf eindrückliche Weise dargestellt – mit zwiespältigem Echo. Die Kritik war begeistert, das Publikum nahm den Film kaum an.

Heddy Honigmann, geboren 1951 in Peru, ist die Tochter jüdischer Einwanderer aus Polen und Australien. Schon als Kind interessierte sie sich für Film. Für ihr Filmstudium ging sie nach Rom und lernte den niederländischen Cineasten Frans van de Staak kennen. Diese Liebe führte sie nach Amsterdam. Heddy Honigmann betont in Gesprächen, dass Ihr Menschen am Herzen liegen. Sie zeigt in ihren Filmen die Vielfalt des Lebens, immer am Beispiel des Individuums. In Hersenschimmen erlaubt Honigmann uns einen Blick ins Fremde, kaum noch Erreichbare, das Maarten Klein lebt.

Familie (Theaterstück 2000, Film 2001)

Eine Krebserkrankung führt die Familienmitglieder in diesem Drama von Maria Goos zusammen.
Die 1956 geborene Maria Goos schrieb für die Amsterdamer Theatergruppe Het Toneel speelt (dt.: Das Theater spielt) das Stück Familie, das im September 2000 in Premiere ging.

Zusammen mit Willem van de Sande Bakhuyzen (1957–2005) entstand daraus 2001 der Spielfilm Familie, für den Van de Sande Bakhuyzen den Preis der niederländischen Filmkritiker bekam. Theaterstück und Film blieben sehr nahe beieinander; fast alle Schauspieler aus dem Theaterstück spielten im Film mit.
Mutter Els ist sterbenskrank und hat nur noch ein paar Monate zu leben. Vater Jan will noch einmal die ganze Familie zusammenbringen. Er organisiert eine Reise der Familie ins winterliche Tirol; Sohn und Tochter mit ihren Ehepartnern kommen nur widerwillig. Zwischen Sohn Nico und seiner Frau Sandra, zwischen Tochter Bibi und ihrem Mann Von, aber auch zwischen Els und Jan gibt es reichlich Spannungen, ebenso unter diesen Paaren. Alle sagen, was sie über andere und einander denken, in zugespitzten Dialogen und unter reichlich Einfluss von Alkohol. Die Familie und deren Beziehungen sind für die Außenstehende schwer zu durchschauen, deren Brisanz aber deutlich zu spüren.

Familie wurde von niederländischen Fernsehanstalten mitproduziert. Zum ersten Mal konnten niederländische Produzenten diese überzeugen, sich mit 15 Prozent an den Kosten zu beteiligen.[2]

Ich umarme dich vieltausendmal (Buch 2000, Film 2006)

Ronald Gipharts Buch Ik omhels je met 1000 armen erschien 2000. In der deutschen Übersetzung 2001 hieß es: Ich umarme dich vieltausendmal. Die Verfilmung wurde der letzte Film des 1957 geborenen Regisseurs Willem van de Sande Bakhuyzen, der unmittelbar vor der Premiere an Krebs starb.

Die Liebesgeschichte zwischen Giph, einem jungen Autor, der im Krankenhaus als Nachtportier arbeitet, und Samarinde, die im selben Krankenhaus als Assistenzärztin arbeitet und nebenbei als Model jobbt, wird beeinflusst durch die aussichtslose Situation von Giphs Mutter Lotti, die an Multipler Sklerose leidet. Nach einigen Krankheitsschüben entscheidet sich Lotti für Sterbehilfe. Stef, Giphs Schwester, und Giph begleiten die Mutter bis zum Tod. Samarinde erfährt erst nach dem Tod, dass die Mutter gestorben ist, weil sie zu dem Zeitpunkt auf einer Reise in Japan war. Hierdurch gerät Samarindes und Giphs Beziehung unter Druck. Die Situation eskaliert im Urlaub mit Freunden auf Las Palmas.

Catherine ten Bruggencate spielte die MS-kranke Mutter und wurde für diese Nebenrolle mit dem Goldenen Kalb ausgezeichnet.

Oben ist es still (Buch 2006, Film 2013)

Nanouk Leopold schrieb das Drehbuch für den Film Boven is het stil (dt.: Oben ist es still), nachdem die Produzentin Stienette Bosklopper ihr Gerbrand Bakkers 2006 auf Niederländisch erschienenen gleich lautenden Roman vorgeschlagen hatte. Leopold hat sich auf eine kleine Auswahl Szenen und handelnder Personen konzentriert und ein weitgehend eigenes Werk geschaffen. Laut Nanouk Leopold konnte Gerbrand Bakker damit souverän umgehen. Er habe ihr viel Freiheit gelassen und ihr gesagt: ich habe ein Buch geschrieben und du machst einen Film. Das Ergebnis finde er richtig gut, wie die Regisseurin bei der Premiere auf dem Berliner Filmfestival im Februar 2013 berichtete. Unterstrichen wird diese Aussage dadurch, dass der Autor im Film auch selbst eine kleine Nebenrolle übernommen hat. Bakker spielt einen Möbelpacker, der einen gelieferten Schrank aufbaut.

Der Bauersohn Helmer verfrachtet seinen bettlägrigen alten Vater auf den Speicher, während er selbst sich sein Leben unten neu einrichtet. Zwischen den Kälbern und Kühen scheint er schüchtern und vorsichtig seine homosexuelle Neigung zu entdecken. Das alte, zu Ende gehende Leben wird dem neuen zarten Beginn konfrontiert. Leopold entfaltet die Charaktere und deren Beziehungen durch extrem knappe Dialoge und ruhige Bilder; der Zuschauer kann eher ahnen als wissen, und entwickelt anhand der filmischen Skizzen das Bild der handelnden Personen. Der Film lief auf der Berlinale 2013 im Panorama. Die Hauptrolle spielt beeindruckend Jeroen Willems, der im Dezember 2012 plötzlich verstarb. Es wurde sein letzter Film.

Boven is het stil hat im April 2013 auf dem 28. GLBT Turin Filmfestival, das Filme zum Thema Homosexualität zeigt, den Preis für den besten Film gewonnen.


[1] Pseudonym des Autors Hendrik Jan Marsman.
[2] Vgl. Albers, Rommy/Baeke, Jan/Zeeman, Rob (Hrsg.): Film in Nederland, Amsterdam 2004. S. 343.

Autorin: Adelheid Scholten
Erstellt: November 2013