I. Einführung

Blütezeit ab den 90er Jahren

Gerrit Komrij sagte es in den 80er Jahren einmal zynisch: „Wenn du Glück hast, wirst du im Ausland mal einen Intellektuellen antreffen, der weiß, wo die Niederlande liegen. Na ja, wo sie so ungefähr liegen. Irgendwo in der Nähe von Dänemark. Es ist unvorstellbar schwierig dem Ausland klar zu machen, dass Niederländer eine eigene Sprache sprechen. Eine eigene Sprache? Ja, eine eigene, unabhängige, erwachsene Sprache. So etwas wie Deutsch? Nein, nein, kein Deutsch. Ne-der-lands. Eine individuelle Ausdrucksform für ein individuelles Gefühl.“ Auch heute bilden die Niederlande literarisch immer noch keinen Hotspot auf der Weltkarte. Aber seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebt die niederländische Literatur doch eine Blütezeit. Ein stark entwickeltes literarisches Leben, das vor allem in Deutschland Anklang findet.

Literarisches Thema: Zweiter Weltkrieg

Die niederländische Literatur wurde lange Zeit von zwei Themen bestimmt: Dem Zweiten Weltkrieg und den historischen Wurzeln in Indonesien. Der Zweite Weltkrieg verursachte den größten Schock in der modernen niederländischen Geschichte. Und noch immer dient „der Krieg“ als moralischer Punkt in aktuellen Debatten. Nach der deutschen Besetzung waren es gerade die Schriftsteller, die eine nuanciertere moralische Bewertung des Krieges zu geben wussten, in dem es nur Menschen zu geben schien, die „goed“ oder „fout“ waren: Widerständler oder Kollaborateure. Vor allem die „großen Drei“ der niederländischen Literaturszene, Willem Frederik Hermans, Gerard Reve und Harry Mulisch, haben sich immer wieder mit dieser Problematik auseinander gesetzt.

In De tranen der accia´s (1949) und De donkere kamer van Damocles (1958) durchbrach W.F. Hermans das Bild des tapferen Volkes in seiner heldenhaften Rolle gegen die deutsche Besatzung. Er beschrieb den Krieg als ein undurchsichtiges, sadistisches Universum, in dem Menschen pragmatisch oder irrational reagieren und die „Wahrheit“ nicht ans Licht kommt. In De donkere kamer van Damocles spielt Hermans mit der strikten Scheidung in Kollaborateure und Widerständler. Am Ende des Romans bleiben drängende Fragen unbeantwortet. War die Hauptfigur Osewoudt ein Held oder ein Kollaborateur?

Der Krieg bildet auch den roten Faden in den Arbeiten von Harry Mulisch. Sein Roman Het stenen bruidsbed (1959) ist eine Geschichte über einen amerikanischen Zahnarzt, der nach dem Krieg nach Dresden zurückkehrt, das er seinerzeit zerbombt hat. 1960 schrieb Mulisch mit De knop ein Theaterstück über den Untergang der Welt durch die Atombombe. Ein Jahr später erschien De zaak 40/61, eine Reportage über den Prozess gegen den NS-Funktionär Adolf Eichmann in Jerusalem. Harry Mulisch ist der Sohn eines Österreichers, der während des Krieges dem Nationalsozialismus nahe stand. Seine Mutter war Jüdin. Die innere, extreme Spannung veranlasste ihn zur provokativen These: „Ich bin der Zweite Weltkrieg“.

Literarisches Thema: "Unser Indien"

Das zweite Hauptthema der niederländischen Literatur ist tief verwurzelt in der niederländischen Kolonialgeschichte und hat viel zu tun mit der Vereinigten Ostindischen Kompanie, mit Seefahrern und exotischen Orten der Welt. Die niederländischen Kolonien haben die Literaten des Landes immer wieder inspiriert. Der Schlüsselroman über den niederländischen Blick auf „unser Indien“ ist der Roman Max Havelaar (1860) von Eduard Douwes Dekker, alias Multatuli. Der Roman setzt sich mit der unmenschlichen Besatzung Indonesiens auseinander - eine kritische Selbstreflexion der Besatzungsmacht.

Auch in der modernen Literatur findet sich immer wieder dieses kolonialgeschichtliche Motiv. Hella S. Haasse, die „grand old lady“ der niederländischen Literatur, verarbeitete in ihren Werken ihre Jugend auf Java, die sie als die wichtigste Inspirationsquelle betrachtet. Ihren literarischen Durchbruch feierte sie mit dem Roman Oeroeg (1948). Haasse erzählt darin die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem niederländischen und einem indonesischen Jungen. 1993 wurde das Buch verfilmt. Haasse schreibt in ihren Büchern über ihre Liebe zum Land, zur Natur und Kultur. Ihre Bücher sind häufig melancholisch. Die Hauptpersonen haben das Gefühl, keiner Kultur anzugehören. Diese Thematik lässt sich auch in den Büchern von Adriaan van Dis wiedererkennen. Van Dis ist Sohn einer niederländischen Mutter und eines Leutnants, der im Königlich Niederländisch-Indischen Korps diente. Sein Roman Indische Duinen (1994) beschreibt Indonesien als ein magisches Land, dass die niederländische Kultur komplett durchzieht.

Die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und deren Einfluss auf die niederländische Gesellschaft findet sich auch in der aktuellen Literatur immer wieder. Hafid Bouazza ist Sohn marokkanischer Gastarbeiter, die in den 70er Jahren in die Niederlande kamen. Bouazza beschreibt in seinem Werk das Leben der Marokkaner in einer „fremden Kultur“ und welche Probleme dies im täglichen Umgang mit sich bringt. Weitere Vertreter der sogenannten Migrantenliteratur sind Moses Isegawa, Abdelkader Benali und Kader Abdolah. Der geborene Iraner Kader Abdolah veröffentlichte in den vergangenen Jahren zahlreiche Romane auf Niederländisch, darunter Das Haus an der Moschee, ein Roman, der teils autobiografisch ist.

Heute lässt sich die niederländische Literatur nicht mehr allein auf die zwei Hauptthemen „Zweiter Weltkrieg“ und „Indonesien“ reduzieren. Cees Nooteboom etwa ist ein Meister im Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Seine Bücher besitzen eine Fülle an Querverweisen zwischen Mythologie und Literatur. Dass die niederländische Literatur auch ganz aktuelle Themen zu bieten hat, wurde aktuell 2016 auf der Frankfurter Buchmesse deutlich, als Flandern und die Niederlande Gastländer waren. Themen der „jüngeren“ Autorengeneration sind daher auch Europa oder der Islamismus und Immigration und damit einhergehend Integration. Vor allem aber wird der „universale Charakter“ der flämischen und niederländischen Literatur hervorgehoben: Es sind oft Werke, die Themen behandeln, die nicht nur in Flandern oder in den Niederlanden, sondern auch direkt vor der eigenen Haustür handeln könnten. Ein Beispiel dafür ist Boy von Wytske Versteeg.

Historischer Roman wieder populär

Die niederländische Literatur ist vielseitig und abwechslungsreich. Alte Themen kehren in neuer Form zurück, experimentelle und klassisch geschriebene Romane finden ihren Weg, 2016 wurde im Rahmen der Frankfurter Buchmesse ein Schwerpunkt auch auf das Genre Graphic Novel (in Belgien schon länger bekannt, in den Niederlanden und Deutschland etwas Neues) und auf Virtual Reality gelegt, eine Methode, um Geschichten mittels einer brillenähnlichen Konstruktion auch in 3D erleben zu können. Einerseits gibt es Autoren wie Charlotte Mutsaers, Gerrit Krol oder Willem Brakman, die ihre Leser sich gerne in einem undurchsichtigen Labyrinth verlaufen lassen, das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit immer wieder in Form und Inhalt umstürzen, um letztendlich zu einem überraschenden Ende zu finden. Andererseits gibt es Autoren, die sich gerne an den historischen Romanen anlehnen. Simone van der Vlugt ist eine bekannte niederländische Autorin, die zahlreiche historische Romane geschrieben hat.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2004
Aktualisiert: 2018, Kathrin Lange