VI. Niederländische Literatur in Deutschland

Niederländische Literatur fand in Deutschland lange Zeit kein Gehör. Die Niederländer seien „ein dekadentes Handelsvolk ohne Literatur“, spottete Johann Gottfried Herder. Neben Joost van den Vondel und Contantijn Huygens schien es keine nennenswerte Dichterkunst in dem Land der Kaufleute zu geben. Auch die kehlige Sprache, für das deutsche Ohr nicht mehr als ein Dialekt, trug zu einer gewissen Apathie des niederländischen Gedankengutes in Deutschland bei. Literarische Aufwertung erfuhren die Niederlande im Ausland durch Eduard Douwes Dekker alias Multatuli. Mit seinem Max Havelaer erzielte er einen weltweiten Erfolg, der in fast alle Sprachen der Welt übersetzt wurde.

Heute hat sich das Bild der niederländischen Literatur in Deutschland völlig gewandelt. Die Bemerkung Harry Mulischs „In Holland bin ich weltberühmt“ (1986), gilt nicht länger. Seit den 90er Jahren werden in keinem anderen Land mehr niederländische Bücher gelesen als in der Bundesrepublik. Zwischen 2010 und 2018 erschienen 1.030 niederländische Titel auf dem deutschen Markt (inkl. Sammelbände, Neuauflagen, Neuübersetzungen). Dahingegen erschienen im Englischen „nur“ 603 und im Französischen 402 Titel aus dem Niederländischen. Auch der chinesische Markt ist nicht zu verachten, insgesamt erschienen in dieser Zeit dort 294 Titel.  Der niederländische Literaturwissenschaftler Willem van den Berg glaubt, dass sich in Deutschland ein deutlicher „Nooteboom-Effekt“ erkennen lasse. Nooteboom, der in seinem Heimatland nur mäßig gelesen wird, hat mit der Übersetzung seiner Berlijnse notities eine „Weltliteratur aus Holland“ geschaffen, so van den Berg. Zu dieser Weltliteratur gehört sicherlich auch das Werk von Harry Mulisch und Willem Frederik Hermans. Mulischs Entdeckung des Himmels wurde in Deutschland ein durchschlagender Erfolg.

Das Interesse für niederländische Literatur reißt nicht ab. Als 1993 auf der Frankfurter Buchmesse die Niederlande und Belgien zum Schwerpunktthema gemacht wurden, entwickelte sich eine Fülle an Übersetzungen, darunter Louis Paul Boom, Hugo Claus, Hella Haasse, A.F.Th. van der Heyden, Eric de Kuyper, Gerard Reve, Ischa Meyer, Margriet de Moor oder Helga Ruebsamen. 2016 traten die Niederlande und Belgien erneut als Ehrengast auf, ein Novum in der Geschichte der Frankfurter Buchmesse, denn bis dato gab es keinen zweiten Auftritt eines Landes/eines Sprachraumes. Dieses Mal waren die Autoren nicht so sehr Botschafter ihrer Sprache oder ihres Landes, sondern standen die Themen ihrer Romane zentral. Besonders hervorzuheben sind die Themen Europa, Migration und Integration, aber auch ganz universale Themen wie in Saskia de Costers „Wij en ik“ wurden in den Rezensionen hervorgehoben. Literatur aus den Niederlanden und Flandern beschränke sich nicht ausschließlich auf diesen doch relativ kleinen Sprachraum, sondern könne genauso gut bei jedem von uns vor der eigenen Haustür spielen. Ein besonderes Augenmerk lag auch auf der jungen Autorengeneration, Autoren, von denen bis 2016 weniger als drei Bücher ins Deutsche übersetzt worden waren. Beispielhaft hervorzuheben sind Saskia de Coster, Fikry El Azzouzi, Wytske Versteeg oder Lize Spit.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: September 2004
Aktualisiert: April 2018, Kathrin Lange